Erhebung

Deutsche haben das geringste Vermögen

EZB ermittelt Immobilienbesitz und Reichtum der Europäer. Kritik an Methode der Erhebung

Die Zahl ist ein Politikum, und darum wurde sie wochenlang akribisch unter Verschluss gehalten. Wie reich die Zyprer im Vergleich zum Rest der Währungsunion sind, das sollte nicht an die Öffentlichkeit gelangen, solange über ein Rettungspaket für die Insel verhandelt wurde. Nun ist beschlossen, dass die Euro-Länder und der internationale Währungsfonds dem Land mit zehn Milliarden Euro unter die Arme greifen. Und jetzt wird auch klar, warum die Vermögensstudie zurückgehalten wurde. Denn die Ergebnisse, die die Europäische Zentralbank präsentiert, sind in der Tat nicht geeignet, der Zypern-Hilfe mehr politischen Rückhalt zu verschaffen.

Luxemburger am reichsten

Denn nach den Erhebungen der Zentralbanken der Euro-Zone sind die Zyprer das zweitreichste Volk überhaupt. Das Durchschnittsvermögen der Haushalte auf der Insel, der sogenannte Median, liegt bei 267.000 Euro. Nur die Luxemburger kommen mit 398.000 Euro auf einen noch deutlich höheren Wohlstand. Deutschland steht dagegen mit einem Durchschnitt von mageren 51.400 Euro ganz am Ende der Rangliste. Und auch andere wichtige Geberländer wie die Niederlande, Österreich oder Finnland liegen unter dem Euro-Land-Median von 109.200 Euro, Frankreich nur knapp darüber.

Die Studie ist daher geeignet, für ordentlich Zündstoff zu sorgen. Schließlich soll der Bundestag in der kommenden Woche das Rettungspaket für Zypern absegnen. Die Hilfe für die als Schwarzgeld-Paradies verschriene Insel war von Anfang an politisch besonders umstritten. Dass die Zyprer nun zu den reichsten Europäern gehören sollen, dürfte Gegner der Stütze nur noch bestärken.

Allerdings hat die Methodik ihre Tücken, auf die in Zentralbankkreisen ausdauernd hingewiesen wird – wohl auch, um der Umfrage etwas an politischer Brisanz zu nehmen. Diese Eigenheiten schränken aber in der Tat die Aussagekraft der Erhebung ein. Das fängt damit an, dass die Umfrage nach Wohnsitz unterscheidet, nicht nach Nationalitäten. In das Durchschnittsvermögen der Zyprer fließen also Einheimische ebenso ein wie vermögende russische Oligarchen, die sich auf der Insel niedergelassen haben. Dazu kommt, dass in einem zyprischen Durchschnittshaushalt mehr Menschen wohnen als in anderen Ländern, was die hohen Vermögen zumindest etwas relativiert.

Größtes Problem ist jedoch das Thema Immobilienbesitz. Das eigene Heim macht europaweit den größten Teil des privaten Vermögens aus. Der Anteil der Hausbesitzer variiert jedoch von Land zu Land erheblich. So wohnen etwa in der Slowakei 90 Prozent der Haushalte in den eigenen vier Wänden, in Spanien sind es 83 Prozent und in Zypern immerhin noch 77 Prozent. Deutschland ist im Vergleich dazu ein Volk der Mieter: Nur 44 Prozent haben ein eigenes Haus – was nicht nur etwas mit Wohlstand zu tun hat, schließlich entscheidet sich hierzulande mancher gut verdienende Großstädter ganz bewusst für eine Mietwohnung. Das hat erhebliche Auswirkungen auf das Vermögen. Denn während ein deutscher Haushalt mit Eigenheim im Schnitt auf 216.000 Euro Vermögen kommt, sind es bei den Mietern nur 10.300 Euro.

Dazu kommt, dass die Zahlen bis zu fünf Jahre alt sind. Sie wurden in den Jahren 2008 bis 2010 erhoben. Genau zu der Zeit erlebte jedoch in etlichen europäischen Ländern eine Immobilienblase ihren Höhepunkt. Setzt man Immobilienpreise von 2002 an, fällt das Durchschnittsvermögen beispielsweise in Zypern um rund ein Drittel niedriger aus. Eine weitere Unsicherheit besteht in der Art und Weise, wie die Daten erhoben wurden. Sie sind das Ergebnis einer Umfrage – die Befragten mussten daher den Wert ihres Vermögens und damit auch den Wert ihres Hauses selbst schätzen. Besonders in Märkten, die gerade einen Boom hinter sich haben, dürften die Menschen dazu neigen, den vermuteten Verkehrswert ihres Hauses eher zu hoch anzusetzen, heißt es in Zentralbankkreisen. Die Notenbanker präsentieren daher auch Berechnungen, die die Vermögensunterschiede zwischen den Ländern deutlich zusammenschrumpfen lassen. Rechnet man die niedrigere Eigenheim-Quote und die Steigerung der Immobilienpreise seit 2002 heraus, landen die Deutschen oberhalb des Euro-Zonen-Durchschnitts – und vor Zypern. Was die Daten in die andere Richtung verzerrt, denn wer sein Haus in Zypern oder Spanien vor Platzen der Blase verkaufen konnte, hat ein gutes Geschäft gemacht und an Vermögen zugelegt.

Während das Vermögen in etlichen europäischen Ländern überzeichnet wird, dürfte Deutschland in der Studie schlechter abschneiden, als es den realen Verhältnissen entspricht. Unberücksichtigt blieben etwa Ansprüche aus der gesetzlichen Rentenversicherung sowie Betriebsrenten, die für viele einen erheblichen Teil ihres Vermögens ausmachen dürften. Allerdings müssten für ein vollständiges Bild auch die Zahlungsverpflichtungen der jüngeren Generationen für die öffentlichen Rentenkassen eingerechnet werden.

Die Haushalts-Umfrage der Notenbanken könnte auch noch in der Diskussion über künftige Rettungspakete eine Rolle spielen. Nummer drei der Vermögens-Rangliste ist Malta, an dessen Stabilität zuletzt angesichts des großen Finanzsektors im Land immer öfter gezweifelt wurde. Es folgen die beiden Dauersorgenkinder Spanien und Italien. Nur ein Hilfspaket für Slowenien dürfte sich mithilfe der Studie eher leichter rechtfertigen lassen: Die slowenischen Haushalte sind unterdurchschnittlich reich – und so hoch verschuldet wie sonst nur die Zyprer.