Außenpolitik

„Wir sind ein freies Land“

Wladimir Putin und Angela Merkel besuchen die Hannover Messe, die dieses Jahr denkwürdig startet

Es gab einen ganz besonderen Moment bei diesem Treffen des Präsidenten der Russischen Föderation mit der deutschen Bundeskanzlerin. Nein, nicht die viel fotografierte und sofort genüsslich im Internet verbreitete „Nackt-Attacke“: Mehrere junge Frauen, angeblich Ukrainerinnen, hatten einen Rundgang der Politiker über die größte Industriemesse der Welt in Hannover ausgerechnet am Stand des Volkswagenkonzerns gestört. Mit entblößten und mit politischen Parolen („Fuck Dictator“) beschriebenen Brüsten eilten sie auf die Politiker zu und wehrten sich heftig dagegen, von Sicherheitskräfte entfernt zu werden.

Solche Aktionen gelten als feministisch, doch die Szene zeigte, dass diese Art von Protest sich bestens in Wladimir Putins machohafte Inszenierung von Macht und Potenz einfügt: Der Präsident reagierte sofort hämisch, grinste und hielt die Daumen wie zur Ermunterung nach oben. Später reduzierte er den Protest der Frauen auf die Körper, indem er sagte, er habe gar nicht erkennen können, „ob sie blond oder braun“ waren, und machte die Aktivistinnen lächerlich: Man müsse ihnen dankbar sein, denn ohne solche Auftritte würde über die Messe weniger gesprochen.

In Verlegenheit war nicht der Autokrat gekommen, sondern seine Gastgeberin: Angela Merkel (CDU) wirkte, anders als Putin, bei der Entblößung tatsächlich kurz verstört. Anschließend musste sie die Behauptung Putins („Wir haben gewusst, dass so etwas in Vorbereitung ist“) hinnehmen und ihrerseits Stellung nehmen. „Wir sind ein freies Land, und man kann demonstrieren“, sagte Merkel. Ob der Protest „rechtmäßig“ sei, werde noch geprüft, wich sie aus. Sie sei es gewohnt, dass man auch zu ihr in vielen Ländern unterschiedliche Meinungen habe – damit war die Bezeichnung von Putin als Diktator in eine Reihe gerückt mit absurden Merkel-Hitler-Vergleichen auf Demonstrationen in Griechenland. Eine Einordnung, die weder Merkel noch den Demonstrantinnen, sehr wohl aber Putin gelegen kommt.

Wirklich etwas lernen über das Verhältnis von Merkel und Putin konnte man etwas später. Bei der gemeinsamen Pressekonferenz fiel kurz die deutsche Übersetzung auf dem Kopfhörer der Kanzlerin aus. Nicht nur die Hannover Messe – Thema in diesem Jahr: vernetzte Industrie – war blamiert. Auch Merkel kam, zum zweiten Mal an diesem Tag, unverschuldet in Verlegenheit. Der Präsident, der als KGB-Agent in den 80er-Jahren in Dresden stationiert war, spricht fließend Deutsch. Putin verließ also in Hannover sein Pult, ging zu Merkel hinüber und übersetzte ihr die Frage eines russischen Journalisten. Doch Merkel verlangte wie immer und obwohl sie Russisch beherrscht: „Wir müssen noch klären, was mit der Übersetzung ist“ – und blieb so auf Distanz. Das Versagen der Technik ist zudem ärgerlich, weil der Verweis auf erfundene technische Probleme bei der Übersetzung den Vertretern autoritärer Staaten immer wieder dazu dient, kritischen Fragen nach den Menschenrechten auszuweichen. In Hannover fiel ein Gerät tatsächlich aus – ausgerechnet als über die Durchsuchung von deutschen Stiftungen durch russische Behörden gesprochen wurde.

Auch jenseits von Brüsten, defekten Geräten und ja: der Hannover Messe war Putins Besuch bemerkenswert. Am Vorabend hatte er Merkel nach einem Gespräch im Gästehaus der niedersächsischen Landesregierung, dessen Verlauf die Kanzlerin mit dem harten diplomatischen Wort „ehrlich“ wiedergab, früh sitzen gelassen. Putin verließ Merkel für ihren Vorgänger: Altbundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) feierte seinen 69. Geburtstag – Putin wollte dabei sein.