Messe

Die vierte Revolution

Auf der Hannover Messe verschmelzen reale und virtuelle Welten. Zum Start gibt es Protest

Sextillionen sind Zahlen mit 36 Nullen. Für Hannes Hesse ist das eine unvorstellbare Dimension. Und doch wird der Umgang damit künftig zum Standard, berichtet der Hauptgeschäftsführer vom Maschinenbauverband VDMA. In Zukunft nämlich werden weltweit 3400 Sextillionen Bauteile, Maschinen und Werkstücke miteinander kommunizieren können. Integrated Industry oder auch Industrie 4.0 nennt sich diese Vernetzung. „Elektronisch gesteuerte Maschinen sprechen über Internetprotokolle miteinander und mit den Werkstücken“, erklärt Hesse. „Das ist die vierte industrielle Revolution.“ Wie weit dieser Umbruch bereits fortgeschritten ist, zeigt die Hannover Messe. Integrated Industry ist in diesem Jahr das Leitmotto der weltgrößten Industrieschau. Auf der Messe wird gezeigt, wie sich die Fabrik von morgen selbst organisiert, wie die reale Welt durch sogenannte cyber-physische Systeme mit der virtuellen Welt verschmilzt.

Zunächst einmal allerdings eröffneten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Wladimir Putin, Präsident des Gastlandes Russland, am Sonntagabend die Messe. In ihrer Rede sprach die deutsche Regierungschefin das jüngste russische Vorgehen gegen zivile Einrichtungen an, indem sie auf die Bedeutung einer offenen Gesellschaft hinwies. Für wirtschaftlichen Wohlstand sei eine offene Atmosphäre in einer möglichst pluralistischen Gesellschaft unerlässlich, betonte Merkel. „Wir sind der Überzeugung, dies gelingt dann am besten, wenn es eine aktive Zivilgesellschaft gibt.“ Vor der Stadthalle in Hannover demonstrierten zahlreiche Menschen gegen die ihrer Meinung nach eklatanten Missstände in Russlands Demokratie. Aufgerufen hatten die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die Gesellschaft für bedrohte Völker und die niedersächsischen Grünen.

Mehrere Kilometer entfernt auf dem Messegelände gibt es allerdings nur Prototypen von Industrie 4.0 zu sehen. „Marktfähige Produkte dürften innerhalb der nächsten fünf Jahre auf den Markt kommen“, schätzt Klaus Mittelbach, Chef des Zentralverbands Elektrotechnik und Elektronikindustrie (ZVEI). Deutsche Firmen spielen dabei die wichtigste Rolle. „Deutschland ist führend auf diesem Gebiet, wir haben das entwickelt“, sagt Hannes Hesse. Mit „Wir“ sind dabei nicht nur die von ihm vertretenen Unternehmen aus dem Maschinenbau gemeint. Auch die Elektroindustrie und die IT-Branche sind beteiligt. Gemeinsam haben die drei Verbände VDMA, ZVEI und Bitkom die sogenannte Plattform Industrie 4.0 aus der Taufe gehoben, um konzertiert daran zu arbeiten. „Wir haben die große Chance, eine neue Leittechnologie zu entwickeln und den Markt zu bestimmen“, sagt Hesse.

Zum Beispiel bei Phoenix Contact. Die Ostwestfalen zeigen auf der Hannover Messe eine Energiesteuerung, die mit der Produktionsanlage kommuniziert und zum Beispiel Roboter phasenweise abschaltet, um Energie zu sparen. „Der Verbrauch kann um bis zu 15 Prozent reduziert werden“, sagt Geschäftsführer Roland Bent. Das Prinzip ist einfach: Roboter etwa in einer Autoproduktion warten 30 Prozent der Zeit. Energie verbrauchen sie trotzdem. „Durch die Energiesteuerung können die Roboter abgeschaltet werden, wenn sie nicht im Einsatz sind, und wieder hochgefahren werden, wenn man sie braucht“, sagt Bent. Über den genauen Zeitpunkt dafür sprechen die Anlage und die Steuerung miteinander.

„Social Machine“ nennt das Heinz Jürgen Prokop, Entwicklungsleiter Werkzeugmaschinen beim schwäbischen Familienunternehmen Trumpf. „Die Vision ist eine Maschine, die sich in den Fertigungsprozess einbringt und ihn schneller und flexibler macht.“ ZVEI-Chef Mittelbach schätzt den Produktivitätsfortschritt durch Industrie 4.0 auf 30 Prozent. „Das ist schon ein riesiger Entwicklungssprung.“ Und bei diesem Sprung agiert nicht nur die Maschine selbstständig. Auch das zu bearbeitende Werkstück ist vollgepackt mit Informationen, sodass es einer Maschine über Barcodes, Sensoren oder Lasererkennung erklären kann, wie es zu bearbeiten ist. Die nötigen Werkzeuge, etwa zum Bohren von Löchern, passen sich dann automatisch an und optimieren so den Fertigungsprozess.

Die Industrie wartet bereits auf derlei Lösungen. Das zeigt eine Umfrage von Forsa im Auftrag des Softwareentwicklers SAS. 84 Prozent der 200 befragten Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe sehen in vernetzten oder kommunizierenden Produktionsstätten die Zukunft. „Industrielle Maschinen intelligenter zu machen, ihnen ein Mitspracherecht einzuräumen, sie zu vernetzen, wird die Produktivität und Effizienz erhöhen, wie es die Welt noch nicht gesehen hat“, sagt William Ruh, Vizepräsident bei General Electrics. „Es gibt keine größere Chance im kommenden Jahrzehnt.“

Zunächst ging es in Hannover aber um Politik. Kanzlerin Merkel hatte bereits vor der Eröffnung angekündigt, Putin bei seinem Besuch auf das Vorgehen etwa gegen deutsche Stiftungen in Russland anzusprechen. „Ich finde es gut, dass Grüne und andere Gruppen in Hannover deutlich gegen die Politik von Putin protestieren und ihm zeigen, dass wir nicht einverstanden sind mit der Unterdrückung der Zivilgesellschaft in seinem Land“, sagte Grünen-Chefin Claudia Roth. „Was die Menschen in Russland erleben, hat mit Demokratie nichts zu tun.“

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die auch Ziel der Durchsuchungen war, forderte von der deutschen Wirtschaft eine „klare Kante“ gegenüber Russland. Deutsche Unternehmen könnten in Russland nur dann nachhaltig expandieren, wenn sie dort auf die Garantie eines rechtsstaatlichen Rahmens pochten, sagte der Russland-Experte von Amnesty, Peter Franck, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. „Eine Schönwetter-Politik wäre hier fehl am Platz.“