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Die Online-Stilberater

Das Berliner Portal Outfittery kleidet Männer ein. Ein Morgenpost-Redakteur hat es getestet

Christin also. Das Outfittery-System hat mir Christin als meine persönliche Styleberaterin zugewiesen, denn – behauptet jedenfalls die Maschine – „Christin passt am besten zu Ihrem Styleprofil“. Wahrscheinlich ist sie die Frau für die langweiligen Fälle wie mich, die glauben, die Farben Rot, Grün oder Gelb seien allenfalls für Sportklamotten entdeckt worden. Für alle anderen Gelegenheiten im Leben gibt es ja schließlich Blau, Schwarz, Grau oder – wenn Mann mal einen ganz verrückten Tag hat – Braun. Bestellt habe ich wie jeder andere Kunde, die Geschäftsführung in Berlin war über den Test nicht informiert.

Mein Weg zu Christin ging so: Auf der Homepage habe ich dem Computer zunächst einiges über meine modischen Vorlieben verraten müssen. Etwa, ob ich in der Freizeit oder im Job „lässig“, „sportlich“, „klassisch“ oder sonst wie unterwegs bin. Oder welche Schuhe ich „sicher“ im Schrank habe. Größe, Haarfarbe, Lieblingsfarben, meinen aktuellen Klamotten-Bedarf, Lieblingsmarken und die gewünschte Preisregion muss ich ebenfalls anklicken.

Dazu die höfliche Frage: „Wie alt fühlen Sie sich?“ Und dann wollen sie noch wissen, welches Fahrzeug meines sein könnte: eine Yacht, ein Audi A4, ein Passat oder ein Fahrrad? Das passt zwar alles nicht so ganz, aber der A4 kommt der Sache am nächsten. Am Ende soll ich noch ein Foto von mir hochladen und nach wenigen Minuten ist die Online-Befragung beendet. Sofort schickt mir Christin Ihre Begrüßungsmail und ihren Kalenderausschnitt, in dem ich mir einen Telefontermin aussuchen kann: Ich nehme Montag zwölf Uhr. Um 12 Uhr meldet sich Christin unter der hinterlassenen Nummer. Nett klingt sie, freundlich, ganz hilfsbereite Dienstleisterin. Ich sage ihr vorsichtshalber gleich, dass ich meine Phase der Farbexperimente für beendet halte, weil buntes Zeugs – das lehrt die Erfahrung – eh nur ungetragen im Schrank hängt. „Ok“, sagt Christin tapfer. „Wollen wir mal Ihren Bedarf durchgehen?“, fragt sie. Eine Jacke, die ich über dem Sakko tragen kann, wär ganz gut. Etwas Parka-artiges vielleicht, im blaugrauen Sicherheitsfarbbereich, Größe 52, 150 Euro oder etwas drüber. „Da fällt mir schon was ein, was ich Ihnen in die Box legen kann“. Ich bin gespannt.

Pullover per Telefon

Sakkos lassen wir wegen des aktuell fehlenden Bedarfs aus. Wichtiger sind jetzt Pullover oder Cardigans, wie man sie in den Chefetagen der jungen Onlinehändler so gern trägt. Wir einigen uns, dass sie mir „beide Kragenformen“ – Rundhals und V-Ausschnitt – schickt. Über die Hemden kommen wir schließlich zur Hose. Ganz stolz erzähle ich Christin, dass ich eine Chino besitze, deren Senfton völlig außerhalb meines üblichen farblichen Beuteschemas liegt. „Aber eine rote oder grüne Hose muss es ja nicht gerade sein“, erwähne ich wie nebenbei. Es scheint, als zucke Christin am anderen Ende der Leitung in diesem Augenblick kurz zusammen. Dann sammelt sie sich und sagt langsam: „Rot und Grün sind ja nun aber gerade die angesagten Farben“. Rot und Grün! Ja, bin ich denn ein Ampelmännchen?

Aber letztlich sage ich mir, dass ich mir die ganze Styleberatung auch hätte sparen können, wenn ich jetzt auf beratungsresistent machen würde. Ich lasse mich also tatsächlich auf einen „Dunkelrot“-Versuch ein. Ich habe ja noch den Joker im Ärmel: Das ganze Zeug kann ich ihr auch wieder zurückschicken, wenn es mir zu bunt wird. Und das beruhigt ungemein. Schuhe, Gürtel und Socken noch kurz fernmündlich durchprobieren – und nach 20 Minuten sind wir durch. Sie würde mir jetzt zwei bis drei Outfits raussuchen und schicken, das dauere zehn bis 14 Tage, kündigt Christin an. Sobald DHL die „Box“ bei mir zu Hause abstellt, hätte ich eine Woche Zeit. Was ich nicht behalten möchte, kann ich dann zurückschicken. Den Rest möge ich dann bitte bezahlen.

Schließlich sagt Christin mir noch, wie ich sie „jederzeit“ erreichen könne, per Telefon, E-Mail oder Facebook. Und ich bin jetzt wahnsinnig gespannt, was da auf mich zukommt. Tage später bekomme ich die E-Mail, mit der ich verfolgen kann, wo sich mein Paket gerade befindet. Groß ist die Kiste, die ich vom Postamt abholen muss, weil ich zum Zeitpunkt der Lieferung wieder mal nicht zu Hause war. Christin hat sie wirklich bis zum Anschlag voll gepackt. „Nun folgt Ihr Part der Modenschau“, schrieb sie mit Füller auf die Begleitkarte. Das aufgeklappte Paket sieht edel aus. Gespannt packe ich aus.

Päckchen eins ist das mit der weinroten Hose einem beige-braunen und einem dunkelblauen V-Pulli, grau-weiß gestreiftem Hemd und einem Tuch, in dem sich das Hosenrot wiederfindet. Skepsis wegen der Hose, auch wenn sie auf den Namen „Berlin“ hört. Das Ganze muss ich angezogen sehen. Das gilt auch für Päckchen zwei: Blaue Jeans, ein mittelblaues legereres und ein dunkelblaues, strenges Hemd mit orangem Innenkragen, dazu dieser zweifelhafte Pulli – den auch sein Name „Pacific Summer Red“ nicht retten wird. Und ein dunkelbrauner Gürtel mit originellen, grünen Schmalseiten, der sich sehr gut mit den Schuhen derselben Marke verstehen wird. Alles gut so weit, m iit Ausnahme des Rotpullis. Das dritte Outfit kombiniert Blau mit Grau, das ist meine Welt: eine dicke, graue Wühlfühl-Chino, das rot-weiße Hemd, blaue Strickjacke in „dust blue“, dazu blau-beiger Textilgürtel und Socken.

Fazit: Christin hat meinen Geschmack gut getroffen. Sie versucht nicht, mich modisch umzukrempeln, aber präsentiert ein paar neue Variationen. Auch wenn ich vieles zurückgebe – den Durchschnitts-Bon von 300 Euro werde ich wohl toppen. Wohl wegen der persönlichen Betreuung fühlt man sich genötigt, möglichst wenig zurückzuschicken. Dennoch: Die weinrote Hose „Berlin“ ist ab sofort wieder auf dem freien Markt zu haben.