Interview

„Zum Glück muss ich nicht singen“

Das tun andere. Um die kümmert sich Frank Briegmann, Chef von Universal in Berlin. Ein Gespräch über das deutsche Musikgeschäft

Als Frank Briegmann 2004 zum Chef von Universal Music Deutschland ernannt wurde, staunten viele nicht schlecht. Ein Westfale und Diplom-Kaufmann mit Banklehre als Plattenboss am Spreeufer, wo die Universal-Zentrale liegt? Neun Jahre später ist der 45-Jährige längst zum wichtigsten Musikmanager des Landes aufgestiegen. Tina Kaiser sprach mit dem Manager.

Berliner Morgenpost:

Herr Briegmann, erklären Sie doch erst mal, wie man als Westfale über 15 Jahre in der Musikbranche überlebt.

Frank Briegmann:

(Lacht) Meine westfälische Abstammung hat mir in der Branche sicher nicht geschadet. Uns sagt man ja Bodenständigkeit und Sturheit nach. Künstler sind Menschen, die – egal ob sie auf der Bühne stehen oder Brötchen kaufen – extreme emotionale Reaktionen auslösen. Da hilft es, wenn man selbst gut geerdet ist.

Sind Sie denn gar nicht aufgeregt, wenn Sie sich mit den Stars unterhalten?

Es wäre hinderlich, wenn ich bei Vertragsverhandlungen mit Künstlern weiche Knie und ein verträumtes Grinsen auf dem Gesicht hätte. Eine Ausnahme war mein Treffen mit Paul McCartney vor zwei Jahren – das war schon der Wahnsinn. Ich war schon immer ein großer Musikfan und bin deswegen in die Branche gegangen. Wieso sind Sie denn Journalistin geworden?

Weil ich weder singen, tanzen noch schauspielern kann und trotzdem berühmte Menschen treffen wollte.

Zum Glück muss ich in meinem Job auch nicht singen und tanzen.

Sie sind im Februar zusätzlich zum Europachef von Universal Music ernannt worden. Wenn ein Bankkaufmann der erfolgreichste Musikmanager des Landes ist, wie steht es da um Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll in der Branche?

(Lacht) Das mit der Banklehre war der Wunsch meiner Mutter. Sie wollte, dass der Junge was Ordentliches lernt. Nach zwei Jahren bin ich dann auch noch an die Uni gegangen und habe BWL studiert. Was den Rock ’n’ Roll angeht: Wichtig ist, dass der Mythos lebt, das Tagesgeschäft sieht anders aus. Durch die Digitalisierung ist unsere Industrie enorm komplex und deutlich schwieriger geworden. Da schadet es nicht, wenn man nicht nur ein charmanter Vorturner ist, sondern sich auch mit Geschäftsmodellen auskennt. Die Rolle des President Central Europe wurde auch geschaffen, weil Universal Music im vergangenen Jahr den Konkurrenten EMI übernommen hat. Wir haben eine Vielzahl toller neuer Labels und Künstler wie zum Beispiel Emeli Sandé, Katy Perry oder Herbert Grönemeyer dazugewonnen. Meine Aufgabe ist es jetzt, die Vermarktung unserer Künstler in den verschiedenen Märkten zu koordinieren. Als Deutschland-Chef habe ich weiterhin direkt mit Künstlern zu tun. Das ist mir wichtig.

Der Musikmarkt hat sich in den vergangenen zehn Jahren halbiert. Macht es noch Spaß, in der Branche zu arbeiten?

Also lustiger war es in den 90er-Jahren sicherlich. In wachsenden Märkten mit steigenden Umsätzen ist das Leben leichter, das geht Ihnen in den Printmedien sicher nicht anders. Die Musikbranche wurde von der Digitalisierung als erste Industrie überhaupt zur Jahrtausendwende eiskalt erwischt. Es wurde raubkopiert, was das Zeug hält, und wir hatten keine Vorbilder, mit der Situation umzugehen. Mittlerweile haben wir das Problem aber im Griff. Wir haben viel Zeit und Geld investiert, um unsere Songs mit so vielen digitalen Partnern wie möglich zu vermarkten. Nur mit einem attraktiven legalen Angebot im Internet bringen wir die Konsumenten dazu, die Songs nicht zu klauen. In vielen Märkten wie in Skandinavien oder Asien wachsen die Umsätze erstmals wieder. Die Talsohle ist erreicht.

Der deutsche Musikmarkt ist 2012 erneut um zwei Prozent geschrumpft.

Das stimmt, aber zum Glück wächst Universal Music gegen diesen Trend. Allerdings hinkt Deutschland allgemein bei der Digitalisierung hinterher, weil erst im vergangenen Jahr endlich auch Musikflatrate-Dienste wie Spotify oder Simfy in Deutschland breit eingeführt wurden. Vorher war das nicht möglich. Erst musste eine Lösung über die Musikrechteentlohnung mit der Verwertungsgesellschaft Gema gefunden werden. In Schweden zum Beispiel wächst der Markt dank des Streaming sehr erfreulich.

Wann erwarten Sie wieder Wachstum?

Das kann noch ein bis drei Jahre dauern, aber die Branche ist auf einem guten Weg. Ich gebe Ihnen mal eine Zahl: Das Download-Geschäft wächst bei uns jährlich um gut 20 Prozent und auch das Streaming läuft sehr gut an.

Braucht man überhaupt noch Plattenlabels? Das YouTube-Video „Gangnam Style“ des koreanischen Künstlers Psy brach vergangenes Jahr den Weltrekord als meistgeklicktes Video der Geschichte.

Psy ist in der Tat ein hervorragendes Beispiel. Der hat das Video zwar selbst produziert und ins Internet gestellt, aber finanziell erst mal wenig von seinem Erfolg gehabt. Anschließend nahm Universal Music ihn unter Vertrag. Das hätte Psy wohl kaum gemacht, wenn er sich nichts davon versprochen hätte. Die Musik zu produzieren ist heute günstiger, das stimmt. Aber sie in der komplexen Medienwelt dann zu vermarkten und damit Geld zu verdienen ist sehr viel schwerer als früher. Wir verkaufen unsere Musik in Deutschland allein auf 70 Digitalplattformen. Das ist nur ein Land! Wenn sich ein internationaler Künstler darum selbst kümmern würde, in jeden Distributionskanal der Welt zu gelangen, hätte er keine Zeit mehr für seine Musik.

Gilt das auch für deutsche Künstler, die nur hier gehört werden?

Absolut. Schauen Sie sich unseren Künstler Unheilig an. Fast zehn Jahre war er bei kleinen Indie-Labels und galt als Geheimtipp in der Gothik-Szene. Seine CDs verkauften sich vielleicht 30.000-mal. Dann wechselte er zu Universal und verkaufte plötzlich 1,7 Millionen Alben. Die Qualität muss stimmen. Damit die Masse von dem Künstler erfährt, braucht es aber viele Experten mit großem Marketing- und Vertriebs-Know-how.

Das Highlight beim Echo 2012 war ein Zungenkuss der Moderatorinnen Barbara Schöneberger und Ina Müller. Am Donnerstag moderiert Universal-Music-Schlagerstar Helene Fischer den Preis. Wie soll sie das toppen? Vielleicht ein Zungenkuss mit Ihnen?

(Lacht) So was Ähnliches hatten wir ja schon mal, als sich Ina Müller auf den Schoß Ihres Plattenfirmen-Chefs setzte. Stimmt, eigentlich wäre ich jetzt dran.

Dürfen Ihre Kinder auf solche Veranstaltungen mit?

Selten, weil die beiden sich in ihrem Alter noch nicht die Nächte um die Ohren schlagen sollen. Wenn ein Wunsch besonders groß ist, versuche ich ihn aber zu erfüllen. Sie dürfen mal raten, wen meine Tochter unbedingt kennenlernen wollte.

Hm, Robbie Williams?

Meine Tochter ist ein Teenie.

Ach so, Justin Bieber!

Sehr gut. Wenn ich Nein gesagt hätte, wäre meine Tochter vermutlich richtig sauer gewesen. Mit meinem Sohn hatte ich auch mal eine skurrile Situation. Bei einer TV-Show trafen wir einen internationalen Popstar. Innerhalb von Sekunden war ich abgemeldet, als mein Sohn mit dem Sänger ein Fachgespräch über das aktuelle Fifa-Videospiel anfing. Ich stand wie ein unwissender Statist daneben.

Gibt es Momente, in denen Sie lieber Schrauben verkaufen würden – etwas, das nicht widerspricht oder Hotelzimmer zerschlägt?

Nein. Widerspruch kann doch inspirierend sein, und zertrümmerte Zimmer zahlt in der Regel der Künstler selbst.

Fragen wir mal anders: Waren Sie nicht genervt, als Rihanna im November mit 150 Journalisten auf eine Promotour ging? Sieben Konzerte in sieben Tagen in sieben Städten. Das Ergebnis war, dass die Konzerte verspätet anfingen, Rihanna Interviews verweigerte und die Journalisten erboste Verrisse schrieben.

Rihanna stand mit dem aktuellen Album auf der ganzen Welt auf Nummer eins, ebenso mit der Single, und hat erneut Millionen Songs verkauft. Ich kann da kein Problem sehen.

Es ist nicht leicht, Ihnen etwas zu entlocken. Kommen Sie, eine lustige Anekdote noch. Wir brauchten eine Überschrift wie: „Als Madonna mich in ihr Zimmer zerrte“.

(Lacht) Okay, eine kriegen Sie. Ein namenhafter, männlicher Künstler hat mir mal wild gestikulierend seine Faust ins Gesicht gehauen. War zwar aus Versehen, gab aber trotzdem ein ordentliches Veilchen.

Die Geschichte gefällt mir. Und wer war das?

Sag ich nicht.

Spielverderber.

(Lacht) Damit kann ich leben. Übrigens sitze ich vielleicht deshalb noch auf meinem Stuhl: weil ich solche Geschichten für mich behalte. Westfale halt, sorry.