"Arbeitsboxen"

Drive-in für Büroarbeiter

Deutschland bekommt Miet-Büros in Tankstellen – wenn der Feldversuch in Berlin klappt

Über die Arbeitsmoral der Berliner kursieren in vielen Winkeln Deutschlands wenig schmeichelhafte Annahmen. Ein gängiges Klischee lautet: Lebensmittel, Bier und leicht heruntergekommene Altbauwohnungen lassen sich in der Hauptstadt auch ohne jene Einschränkungen finanzieren, die mit einer geregelten Tätigkeit einhergehen. Vor allem im Süden Deutschlands wurden Klaus Wowereits prägende Worte über seine Metropole, die „arm aber sexy“ sei, so aufgefasst. Nun arbeitet Berlin seit Jahren gegen das Zerrbild an, Kapital der Arbeitsscheuen zu sein. Der Erfolg ist mäßig, was mit Rückschlägen wie dem Hauptstadtflughafen zusammenhängen mag. Eine nachhaltige Imagekorrektur könnte nun ausgerechnet von Berliner Tankstellen ausgehen.

Arbeitsrevolution an der Zapfsäule?

Bislang unterlag zwar auch die gemeine Tankstelle in dieser Metropole mit ihrer unterdurchschnittlichen Individualmotorisierung einem Generalverdacht: nämlich dass das Geschäftsmodell des Pächters nur am Rand auf dem Betanken von Fahrzeugen gründet. Viele Berliner und Besucher der Stadt erachten Zapfstationen als Ort, der zeitlich unbegrenzt Snack- und Getränkenachschub sichert. Die Shell-Station an der Kreuzberger Oranienstraße ist in dieser Hinsicht eine prototypische Berliner Tankstelle. Für Michael Barth ist sie aber etwas ganz anderes: ein Ort, wo die Revolution der Arbeitswelt ein Stück weiter getrieben wird. Ausgerechnet hier, wo der Liter Super E10 an diesem Vormittag 1,529 Euro kostet, wo der Shell-Tankwart mit der Weste die kalte Luft zwischen den Zapfstationen beim Warten auf Kundschaft zertritt, wo nachts vergnügungssüchtige Touristen Sixpacks rausschleppen? Barth ist unbeirrt. „Die Leute sind oft stundenlang unterwegs. Hier können sie schnell arbeiten“, sagt er.

Barths Leute haben dafür bei Shell in Berlin zum ersten Mal in Deutschland eine Art Drive-in für den flexiblen Arbeitnehmer des 21. Jahrhunderts geschaffen. Die mietbare Bürostation von Regus in der Tankstation an der Oranienstraße in Kreuzberg misst gute 20 Quadratmeter. Es hat zwei Artefakte, die auf den ersten Blick wie Designbadewannen mit besonders hohem Rand und Seiteneinstieg aussehen. Innen haben sie eine Leselampe. Sie nennen sich Thinkpods. Zwei Sessel, die keinen besonderen Namen haben, gibt es außerdem noch. Laptopanschluss haben auch die. Dazu wird jedem, der hier rein kommt, dass passende Ladegerät für sein Handy versprochen.

Barths Firma macht gute Geschäfte mit jener neuen Arbeitswelt, die immer weniger mit örtlich festen Arbeitsplätzen, mit Namenschildern an der Bürotür und mit Kantinengängen zu tun hat. In Deutschland leitet Barth das Geschäft von Regus. Das ist ein Bürodienstleister aus Großbritannien, der die ursprünglich anrüchige Geschäftsidee des Stundenhotels in die Gewerbeimmobilienbranche gebracht hat. Regus vermietet seit Jahren in Metropolen Büroarbeitsplätze, Konferenzräume oder gleich virtuelle Büros. Dabei bekommt man beispielsweise gegen Monatsgebühr Sekretariats- und Empfangsservice sowie eine vorzeigbare Geschäftsadresse in Citylage. Alles flexibel, dem Projektcharakter heutiger Dienstleister zugewandt.

So gesehen passt das Konzept dann doch zu Berlin. Schließlich wurde es hier gesellschaftlich akzeptabel, stundenlanges Rumsitzen mit Laptop und Kopfhörer in Cafés Arbeit zu nennen. Aus einigen digitalen Rumhängern wurden Start-up-Unternehmer. Diese Unternehmensform samt der ihr eigenen Arbeits- und Büroästhetik durchdringt gerade die Stadt – und versetzt gerade ihrer lange trägen Wirtschaft frische Impulse. Zu dieser neuen Dienstleistungs- und Bürowelt passen dann auch wieder zeitlich befristet nutzbare Büromöbelboxen mit W-Lan-Durchdringung. Die Start-up-Szene lässt sich gern in eigenen Mietbürohäusern nieder. Coworking-Space werden sie genannt. Nur wenige hundert Schritte von der Shell-Station mit der Bürobox ist das Betahaus am Moritzplatz, wo Hipster an Gründungsideen arbeiten.

Michael Barth, ein Endfünfziger in dunklem Anzug, hat trotz solcher Trends zunächst keine übertrieben hohen Erwartungen an das Büro-Drive-in an der Tankstelle . „Zehn bis 15 Besucher erhoffen wir uns anfangs am Tag“, sagt er. Aber man würde auch gerade erst jetzt beginnen, das Angebot bekannt zu machen.

An allen 70 Shell-Stationen in Berlin soll es Angebote von geben. Nicht alle werden ein Mietbüro haben. Viele bekommen nur eine EC-Kartengroßes Terminal zum Dokumente einscannen und drucken. Einige großzügig bemessene Tankstellen am Autobahnring werden sogar Räumlichkeiten für Konferenzen bekommen. Ein Kulturwandel ist es allemal: Eine große Zahl Berliner Tankstellen unterbreitet den Kunden ein Angebot zum Arbeiten. Man könne hier, werben Barth und Shell-Manager Stephan Faul in dem kleinen Raum, „effizient sein“.

Zutritt mit Prepaid-Karte

„Effizient sein“ – das geht sogar innerhalb theoretisch möglicher Arbeitszeiten, die bei DGB oder Ver.di Schnappatmung auslösen würden. Von sechs bis 22 Uhr können Arbeitsplätze gemietet werden. In der Tankstelle werden die Zugangskarten verkauft. Das funktioniert wie bei Prepaid-Karten fürs Mobiltelefon. Für fünf Euro gibt es Zugang zum Arbeitsplatz. Wer Faxen, Scannen, Drucken will, dem wird zusätzliches Geld von der Karte gebucht. In Paris, erzählt, Regus-Manager Barth, haben sie das zum ersten Mal an einer Tankstelle ausprobiert. Vor den Toren der Stadt, an einer Ausfallstraße. „Dort hat es funktioniert“, sagt Barth.