Offener Brief

Steuersenkung für Gründer gefordert

Chef des Berliner Start-Ups GetYourGuide verlangt auch ein flexibleres Arbeitsrecht

Bessere Rahmenbedingungen für Jungunternehmer im deutschen Start-Up-Sektor fordert Johannes Reck, Chef des touristischen Buchungsportals GetYourGuide. In einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) plädiert Reck dafür, Steuern und betriebliche Lohnnebenkosten für Gründer in der Internet-Industrie zu senken, das Arbeitsrecht zu lockern und universitäre Gründungen zu fördern. „Diese Maßnahmen würden deutschen Start-Up-Unternehmen stark helfen, die schwierige Anfangsphase besser zu überstehen“, schreibt Reck. Damit hebt er sich von der Mehrheit der Gründer ab, die beim Treffen mit Merkel vergangene Woche in Berlin explizit nichts von der Politik gefordert hatten, außer von den politischen Entscheidungsträgern als ernsthafter Akteur der Wirtschaft anerkannt zu werden.

Reck fordert: „Neu gegründete Firmen sollten von Abgaben und Steuern in den Anfangsjahren so weit wie möglich entlastet und erst dann zur Kasse gebeten werden, wenn sie die Gewinnzone erreicht haben.“ Derzeit werde in Deutschland ein Großteil des Kapitals, das Start-Ups aus Finanzierungsrunden erhielten, durch hohe Einkommenssteuersätze und Lohnnebenkosten an den Staat abgeführt. „Daher arbeiten viele Start-Ups in der Frühphase mit Praktikanten, für die keinerlei Nebenkosten und Steuern anfallen, und die teilweise sogar staatliche Unterstützung bekommen“, sagt Reck.

Zudem benötigen junge Unternehmen genügend Spielraum, um die Personalkosten flexibel auf die betriebliche Entwicklung und die Finanzierungslage anzupassen. „Das Arbeitsrecht gehört entsprechend gelockert“, verlangt der GetYourGuide-Chef. „Unser deutsches Arbeitsrecht wurde für große Konzerne konzipiert, entspricht jedoch nicht der Realität eines modernen Start-Ups.“

GetYourGuide, 2009 in Zürich gegründet, ist eines der bestfinanzierten und schnellwachsenden, touristischen Start-ups in Berlin. Über die Plattform können Touren, Veranstaltungen und Ausflüge am Urlaubsort gebucht werden. Nach eigenen Angaben bietet GetYourGuide eine Auswahl von mehr als 16.900 Produkten an mehr als 1.680 Zielen weltweit. Zuletzt hatte das GetYourGuide im Januar 14 Millionen Dollar von den US-Wagnisfinanzierern Spark Capital (Anteilseigner an Twitter und Tumblr) und Highland Capital Partner erhalten. Letztere sind unter anderem am Berliner Spieleentwickler Wooga beteiligt.

Reck bedauert in seinem Schreiben, dass es an deutschen Universitäten zwar ausgezeichnete Ausbildungen in Informatik und Elektrotechnik gebe, es die Wirtschaft aber nicht geschafft habe, „nachhaltige und auch international erfolgreiche Internet-Unternehmen aufzubauen, so wie es in Silicon Valley, Boston, New York oder London der Fall ist“. Mit besseren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hätten junge deutsche Internet-Unternehmen die Chance, auch in Deutschland ähnliche Cluster einzuführen, und dadurch die Position Europas als dynamischen und zukunftsorientierten Standort in der Weltwirtschaft zu stärken.