Personalien

Wer verdient hier zu viel?

Eine Berechnung der Humboldt-Universität zeigt: Die Gehälter der Dax-Vorstände sind in 25 Jahren um mehr als 700 Prozent gestiegen

Bei den vielen großen Zahlen kommen manchmal selbst gewiefte Fachleute durcheinander. Auf 3,1 Milliarden Euro bezifferte der Post-Chef in dieser Woche sein Gehalt. Auf Nachfrage fiel Frank Appel der Fehler auf: „Wir haben hier so viele Milliarden, da kann man sich schon mal versprechen.“ In Wirklichkeit bekommt der Manager für 2012 ein Salär von 3,1 Millionen Euro plus einem Bonus von 415.000 Euro.

Mehr als 3,5 Millionen Euro also nimmt Appel in Empfang. Im Vergleich zu seinen Kollegen unter den 30 Dax-Konzernen liegt er damit eher im Mittelfeld. Für die meisten Deutschen aber ist das eine exorbitante Summe. So viel werden sie in ihrem ganzen Leben nicht verdienen. Nicht nachvollziehbar ist es daher für sie, wenn VW-Chef Martin Winterkorn wegen des großen Erfolgs 20 Millionen Euro zustehen, von denen er auf fast sechs Millionen verzichtet. Oder wenn sich selbst Manager mit eher mäßigem Erfolg wie Daimler-Boss Dieter Zetsche 26 Millionen Euro an Pensionsansprüchen zusichern lassen.

Es geht um Riesenbeträge, die sich die Wirtschaftselite genehmigt, während sie Druck auf die unteren Einkommensklassen macht. Im Bewusstsein der Bevölkerung verschmelzen sie zu einer Mischung aus Gier und Sozialkälte. 89 Prozent der Deutschen wünschen sich laut neuestem „Deutschlandtrend“ eine Kappung der Managergehälter. Selbst viele Führungskräfte der deutschen Wirtschaft sehen das so, wie eine Umfrage unter 218 Managern ergab. 24 Prozent halten Gehaltsexzesse für nicht mehr vermittelbar und fordern sogar strengere Gesetze. Weitere 53 Prozent wollen, dass Aufsichtsräte und Vorstände selbstständig auf Verzicht drängen.

Die Business-Elite wird sich ändern müssen, wenn sie nicht die Reputation des gesamten Wirtschaftssystems riskieren will. Wer erfolgreich wirtschaftet, wer für die Eigentümer seines Unternehmens langfristig Mehrwert erzielt, ohne die Mitarbeiter wie Leibeigene auszubeuten, der soll ordentlich entlohnt werden. Wer aber versagt, darf nicht auch noch belohnt werden. Die „Vollkasko-Mentalität“ in manchen Vorstandsetagen verhöhnt das Prinzip der Marktwirtschaft. „Die Debatte ist berechtigt, wenn erkennbar Relationen auseinandergehen“, sagt Michael Hüther, Chef des arbeitergebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft. „Dass es Übertreibungen gab, ist keine Frage.“

Die Zahlen sprechen Bände: Um 713 Prozent sind die Gehälter der Dax-Spitzenkräfte in den vergangenen 25 Jahren gewachsen, rechnet Joachim Schwalbach vor. Der Managementprofessor der Berliner Humboldt-Universität setzt das in Relation zu den Verdiensten normaler Mitarbeiter. 1997 verdiente ein Vorstandsmitglied im Schnitt das 19-Fache seiner Beschäftigten. 2011 war es dann das 54-Fache. Vorstandschefs bekamen sogar noch mehr: 2011 war es 90-mal so viel. Fünf Jahre zuvor war es „nur“ das 76-Fache. „Der Nachweis, dass die Vorstandsgehälter sich wirklich an der individuellen Leistung orientieren, wird von den Unternehmen nur sehr unzureichend gegeben“, moniert der Professor. Die Aufrechnerei nervt viele Manager, zumal das nun schon seit Jahren so geht. Die Aktionäre entschieden über die Gehälter, heißt es. Den Staat gehe die Höhe der Managergehälter nichts an.

Nur ist 2013 Bundestagswahl. Und Gerechtigkeit ist Wahlkampfthema, jedenfalls für die SPD, die an die Macht will. Deshalb finden die Sozialdemokraten, einst Regierungspartei mit einem Genossen der Bosse als Kanzler, dass sie die Bezahlung der Manager ganz oben etwas angeht. Ein Deckel soll auf deren Gehälter. Selbst die FDP entdeckt das Thema für sich, nachdem die Schweizer ihren Unternehmen per Volksentscheid neue Regeln bei der Bezahlung der Top-Manager vorgeschrieben haben. Und die Union wartet nur auf die Vorschläge der EU-Kommission, die bis Jahresende kommen sollen. Keiner will sich von den Konkurrenten in Sachen Populismus überbieten lassen.

Mit Schrecken sieht man in der Wirtschaft, dass selbst ihr nahe stehende Parteien auf die Manager einprügeln. Alle schauen nur auf die 30 Großkonzerne, die im Deutschen Aktienindex zusammengefasst werden. Alle wollen nur wissen, was deren Top-Personal verdient, um sich anschließend darüber aufzuregen. Nirgends ist das Interesse der Öffentlichkeit größer als bei ihnen, nirgends die Transparenz. Trotzdem versteht kein Außenstehender, erst recht nicht in der Politik, wie das Gehalt der Top-Leute dort zustande gekommen ist. Dass die Wirtschaft versucht, zumindest einen Teil der Missstände zu korrigieren, nimmt keiner wahr.

Exzesse verhindern

Die Regierungskommission, die den Kodex für gute Unternehmensführung, genannt Corporate Governance Kodex, festlegt, arbeitet gerade an den nächsten Regeln, die Exzesse verhindern sollen. Die Kodex-Kommission will individuelle Kappungsgrenzen in den einzelnen Vergütungsbestandteilen zur Regel machen, auch für die Pensionsansprüche. Zudem soll ein „Vertikalitätskoeffizient“ eingeführt werden. Das heißt: Die Bezahlung der Top-Leute könnte über einen längeren Zeitraum an den Verdienst der Normalverdiener im Unternehmen gekoppelt werden. Und weil die komplizierten Vergütungssysteme meist weder der Aktionär noch der normale Aufsichtsrat versteht, sollen die Systeme vergleichbar werden.

Es ist ein Werkeln an einem System, das einen grundlegenden Fehler hat. Der Vergütungsausschuss im Aufsichtsrat – eine sehr kleine Gruppe von Vertretern der Eigentümer und Arbeitnehmer – bestimmt die Höhe der Vorstandsvergütung. Meist entscheiden also Manager über die Vergütung anderer Manager, die irgendwann wiederum über das eigene Gehalt entscheiden könnten, weil sie im Aufsichtsrat des eigenen Arbeitgebers sitzen. „Grauzone“ nennt FDP-Fraktionschef Brüderle dieses System. Das klingt nach Selbstbedienung und Deals. Ändern wird sich das nur, wenn künftig alle Eigentümer über das Gehalt ihrer leitenden Angestellten entscheiden, am besten in einer namentlichen Abstimmung, damit auch die großen Fonds Farbe bekennen müssen.