Personalie

Das Ende der Ära Cromme

Der Aufsichtsratschef von ThyssenKrupp legt nach immer massiver werdender Kritik alle Ämter beim Stahlkonzern nieder

Gerhard Cromme kann einiges aushalten. Stahlarbeiter haben ihn einst mit Eiern beworfen und Puppen mit seinem Namen verbrannt, als er 1987 als Krupp-Vorstand das Aus für das traditionsreiche Stahlwalzwerk in Duisburg-Rheinhausen verkündet hat. „Er ist stehen geblieben und hat sich dem ausgesetzt“, erinnert sich Josef Krings. Der damalige Oberbürgermeister von Duisburg stand bei den Wurfattacken neben Cromme – und war beeindruckt von dessen Standvermögen. In den vergangenen Monaten nun hat Cromme diese Widerstandskraft erneut gezeigt. Vehement hat sich der mittlerweile 70-Jährige dagegen gewehrt, seinen Posten als Vorsitzender des Aufsichtsrates von ThyssenKrupp zu räumen, obwohl der Dax-Konzern von einem Skandal in den nächsten geschlittert ist. Doch nun wurde der Druck auf den umstrittenen Aufseher zu groß. Cromme erklärte am Freitag seinen Rücktritt.

Zum 31. März will er sein Aufsichtsratsmandat niederlegen. „In Verantwortung für das Unternehmen, seine Mitarbeiter und Aktionäre möchte ich nach zwölf Jahren als Vorsitzender mit diesem Schritt auch im Aufsichtsrat einen personellen Neuanfang ermöglichen“, begründet der Manager. Gleichzeitig gibt Cromme auch seinen Sitz in der mächtigen „Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung“ auf. Cromme war zuletzt stellvertretender Kuratoriumsvorsitzender beim größten ThyssenKrupp-Aktionär und galt als designierter Nachfolger von Stiftungs-Chef Berthold Beitz. Der 99-Jährige, dem stets großer Einfluss bei ThyssenKrupp nachgesagt wird, stand lange hinter Cromme. Zuletzt allerdings kamen Beitz dem Vernehmen nach Zweifel an seiner bisherigen Haltung – und am Ende hat sich der Patriarch von Cromme abgewandt.

Das würde auch den überraschenden Zeitpunkt des Abgangs erklären. Denn Machtmensch Cromme hatte jüngst auf der Hauptversammlung von ThyssenKrupp Ende Januar zwar Fehler eingeräumt. Schließlich wird das von ihm kontrollierte Unternehmen derzeit erschüttert von anhaltenden Milliardenverlusten, Kartellverstößen, Korruptionsvorwürfen und Luxusreisen auf Firmenkosten. Den zahlreichen Rücktrittsforderungen der Aktionäre erteilte Cromme dennoch eine klare Absage. Stattdessen nahm er das frühere Management in die Verantwortung. Gleich drei Vorstände hat der promovierte Jurist zum Jahreswechsel geschasst: Edwin Eichler, zuletzt verantwortlich für das Stahlgeschäft bei ThyssenKrupp, Technologie-Vorstand Olaf Berlien und Jürgen Claassen, der für Compliance zuständig war und als Vertrauter von Cromme galt.

Aktionärsvertreter begrüßten die nun vollzogene Kehrtwende, die Beitz und ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger mit einem schlichten Dank kommentieren. Und auch an der Börse setzte das Papier von ThyssenKrupp am Freitag zum Höhenflug an. „Wir finden das richtig“, sagt zum Beispiel Thomas Hechtfischer, der Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Ein Neuanfang nach den Fehlentscheidungen und Skandalen dürfe sich nicht nur auf den Vorstand beschränken, sondern müsse auch den Aufsichtsrat einschließen. Er hoffe daher, dass Crommes Nachfolger als Aufsichtsratschef von außerhalb kommt. Derzeit ist noch völlig offen, wie es im Kontrollgremium weitergeht. „Der Personalausschuss muss und wird sich Gedanken machen“, heißt es vom Unternehmen. Dabei betonte ein Sprecher, dass es sich um ein „normales Gremienverfahren“ handelt. Das Entsenderecht der Krupp-Stiftung habe keinen Einfluss auf die Suche nach einem Nachfolger für den Vorsitz des Aufsichtsrats.

Cromme stand zuletzt monatelang heftig in der Kritik. Der Gründervater des sogenannten Corporate-Governance-Index – also dem Regelwerk für ethisch einwandfreie Unternehmensführung – hat nach Ansicht der wütenden Aktionäre seine Kontrollpflichten nicht ausreichend wahrgenommen. Hintergrund sind die zahlreichen Skandale, mit denen ThyssenKrupp derzeit zu kämpfen hat.

Über Luxusreisen gestolpert

Da ist zum Beispiel die von der „Welt am Sonntag“ aufgedeckte Luxusreisen-Affäre. Journalisten und Gewerkschafter waren auf Konzernkosten in der ersten Klasse unter anderem nach China und Südafrika geflogen. Dann sind da mehrere Kartellverfahren. Erst im vergangenen Jahr wurde der Dax-Konzern vom Bundeskartellamt wegen illegaler Absprachen beim Bau von Schienen mit einem Bußgeld von 103 Millionen Euro belegt. Ende Februar hatten Mitarbeiter des Bundeskartellamts und der Kriminalpolizei Geschäftsräume der Konzernsparte ThyssenKrupp Steel Europe in Duisburg durchsucht. Der Vorwurf: ThyssenKrupp und zwei weitere Unternehmen sollen wettbewerbsbeschränkende Absprachen für die deutsche Automobilindustrie getroffen haben.

Und dann sind da noch Milliardenverluste und Missmanagement beim Bau von zwei Stahlwerken in Brasilien und den USA. Im Geschäftsjahr 2011/2012 fuhr ThyssenKrupp dadurch ein Rekordminus in Höhe von fünf Milliarden Euro ein. Und das belastet den von Hiesinger angestoßenen Konzernumbau vom Stahlhersteller zum diversifizierten Industrieunternehmen. Zwar hat sich Cromme von Gutachtern bescheinigen lassen, dass der Aufsichtsrat rechtlich nichts falsch gemacht hat. Kritiker verweisen aber darauf, dass es in solchen Fällen längst nicht nur eine rechtliche Komponente gibt.