Kommentar

Eine kleine Chance

Jörg Eigendorf über den Abgang Gerhard Crommes beim deutschen Stahlkonzern ThyssenKrupp

Der Rücktritt Gerhard Crommes bei ThyssenKrupp und der Krupp-Stiftung ist das verdiente wie tragische Ende einer großen Karriere. Verdient, weil Cromme die hehren Prinzipien, die er selbst anderen als deutscher Corporate-Governance-Papst und Aufsichtsratschef von ThyssenKrupp und Siemens vorschrieb, oft nicht vorgelebt hat. „Tragisch“, weil es wegen seines unglaubwürdigen Verhaltens so kommen musste, und das eigentlich schon viel früher. Der Aufstieg des heute 70-Jährigen ist untrennbar mit dem schleichenden Niedergang der deutschen Stahlindustrie verbunden, den er doch abzufedern verstand. Cromme hat seit seinem Antritt beim schwer angeschlagenen Krupp-Konzern Mitte der Achtzigerjahre das geschafft, was viele für undenkbar hielten. Auch Crommes unternehmerischer Leistung war es zu verdanken, dass die Krupp-Stiftung mit dem heute 99-jährigen Berthold Beitz an der Spitze nie ihren Einfluss in dem mehrfach fusionierten Konzern verlor. So hat sich Cromme über drei Jahrzehnte hinweg an der Spitze des Konzerns gehalten und auch die Regeln für Unternehmensführung in Deutschland als Gründungsvorsitzender der Corporate-Governance-Kommission entscheidend mitgeprägt. Die Schattenseiten des Systems Cromme wurden allerdings immer offensichtlicher. Der Zweck heiligte fast jedes Mittel. Beitz hat nun die Reißleine gezogen. ThyssenKrupp ist schwer angeschlagen und hat nur eine, wenn auch kleine Chance: Es muss ein normales, gut gemanagtes Unternehmen werden. Es ist zu hoffen, dass der Abgang Crommes all jenen Managern in Erinnerung bleibt, die verdrängen, dass Macht kein Selbstzweck ist, sondern immer auch Verantwortung und Vorbild bedeutet.