Technik

Motoren aus Berlin für das Papamobil

Berlin soll „Referenzstadt“ für Elektromobilität werden. In den kommenden Jahren fließen Hunderte Millionen Euro in die Branche

Ralf Schmid ist ein zurückhaltender Mann. Der Leiter des Berliner Standortes der Continental AG erklärt geduldig die technischen Finessen der „selbst erregten Syncro Maschine“ – dem weltweit ersten Hybridmotor, der ohne die teuren seltenen Erden auskommt. Aber erst auf Nachfrage rückt er mit einer spektakulären Information heraus. Das Berliner Unternehmen mit Sitz in Moabit hat auch den Hybridmotor für das Papamobil des Papstes entwickelt. „Continental ist Vorreiter“, sagt Schmid. Neben dem Vatikan rüstet die Berliner Firma drei Modelle von Renault serienmäßig mit den energiesparenden Motoren aus. In diesem Jahr entsteht ein Joint-Venture-Unternehmen mit Südkorea, in den kommenden Jahren sind 250 Millionen Euro Investitionen allein in Berlin geplant.

Der Berliner Standort von Continental war die erste Anlaufstation der Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) auf ihrer Besuchstour zu Unternehmen der Elektromobilität in der Stadt. Am Montag erfolgt der offizielle Startschuss für das Schaufenster der E-Mobilität in der Hauptstadt. Berlin ist eine von vier Regionen, die vom Bund als Experimentierfelder für die zukunftsträchtige Technologie ausgewählt wurde. 40 Millionen Euro Bundesmittel fließen in den kommenden drei Jahren in Modellprojekte der Elektromobilität. Dazu kommen weitere 40 Millionen Euro von privaten Investoren und 20 Millionen vom Land.

Im Alltag sichtbar werden

„Elektromobilität soll im Alltag sichtbar werden“, sagte Yzer während ihrer Besuchstour am Freitag. „Von Forschung und Entwicklung über die Marktreife und Markteinführung soll möglichst die gesamte Wertschöpfungskette in der Stadt bleiben.“ Das ist bei Continental der Fall. Bis auf die Produktion der Motoren findet die gesamte Entwicklung in Berlin statt. 120 Mitarbeiter arbeiten derzeit in Moabit, durch das Joint Venture sollen weitere 120 hinzukommen. Berlin sei dafür als Standort ideal, sagt Schmid. „Die Stadt ist attraktiv, allein in Berlin beenden jedes Jahr 5000 relevante Studenten ihr Studium.“ Gesucht sind gut ausgebildete, kreative Ingenieure, im Gegenzug erhalten sie alle Freiheiten und selbstbestimmte Arbeitszeiten. „Wenn jemand eine gute Idee hat, kann er von mir aus ein Jahr Urlaub machen“, sagt Schmid. Die Mitarbeiter danken es dem Unternehmen mit Zuverlässigkeit. „Der Krankenstand ist nicht messbar“, sagt Schmid.

So weit wie Continental ist das Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) noch nicht. Das IPK ist das älteste deutsche Institut seiner Art (gegründet 1904) und entwickelt elektromobile Transportsysteme für den Lastenverkehr. Zum einen geht es um austauschbare Batteriesysteme für Lastwagen, damit die Wagen nicht immer wieder lange aufgeladen werden müssen, sondern nur die Batterien getauscht werden können. Zum anderen geht es um Warenverteilungssysteme, die ausschließlich elektrisch funktionieren. Zusammen mit der Logistiksparte der Post, DHL, testen die Wissenschaftler derzeit ein dezentrales Transportsystem. Die Waren werden mit der Bahn in die Stadt geliefert und auf kleine Zwischenstationen verteilt. Dort sammeln sie sogenannte Micro Carrier ein. Dabei handelt es sich um kleine Elektromobile, die ähnlich wie Segways gesteuert werden, aber über einen Ladeanhänger verfügen. Damit sollen künftig Pakete in kleinen Containern bis vor die Haustür geliefert werden. „Das Fahren der Micro Carriers erfordert keinen Führerschein, es werden also auch Arbeitsplätze für weniger qualifizierte Menschen entstehen“, sagt Werner Schönewolf, Leiter Verkehrstechnik beim IPK.

Berlin ist bereits ein wichtiger Standort für Elektromobilität, durch das Förderprogramm des Bundes soll es „Referenzstadt“ werden, sagt Yzer. 30 Projekte werden durch die Schaufenster-Initiative gefördert, 150 Unternehmen sind daran beteiligt. Schon jetzt hat die Stadt mit 1000 E-Autos deutschlandweit die größte Dichte an solchen Fahrzeugen im Straßenland.

Weltmarktführer ist Berlin bereits bei der Entwicklung und Produktion von Elektro-Lastenrädern. Die Firma Urban-e entwickelt die Räder auf dem Berliner Forschungsgelände für Elektromobilität (Euref) am Gasometer in Schöneberg. Nirgendwo sonst sind so viele elektrisch unterstützte Lastenräder unterwegs wie in Berlin. Trotzdem sei noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. „Ich bin manchmal regelrecht erschrocken darüber, wie wenig die Leute über die Vorteile der Elektromobilität wissen“, sagt Urban-e-Geschäftsführer Frank Müller. Die Batterien seien bequem an der Steckdose aufladbar, die Kosten minimal. Strom für 15 Cent speist das Rad für 100 Kilometer Fahrtstrecke. Der Botendienst Messenger nutzt die Räder, bei kleinen Handwerkern werden sie immer beliebter, und ab diesem Sommer liefert die „Deutsche See“ ihren frischen Fisch mit den E-Bikes in die Restaurants. Ein Kunde habe bereits seinen Lieferwagen verkauft und spare durch das Lastenrad 300 bis 500 Euro im Monat – die ausbleibenden Strafzettel fürs Falschparken nicht einberechnet.

„Elektromobilität wird sich in urbanen Räumen wie eine Revolution durchsetzen“, ist sich Müller sicher und damit mit allen anderen E-Mobilitätsentwicklern einig. Continental schätzt, dass der Anteil an Elektrofahrzeugen bis zum Jahr 2025 bei 30 Prozent liegen wird. Das Fraunhofer-Institut will mit seinem Lastensystem den Lieferverkehr in die Tagesrandzeiten verschieben, um den Berufsverkehr zu entlasten. Da die Elektrofahrzeuge keinen Lärm verursachen, stellen sie auch keine Belästigung der Anwohner mehr dar. Bleibt die Frage der Ladestationen.

Auch dabei ist ein Berliner Start-up vorn. Ubitricity hat ein System entwickelt, mit dem Elektrowagen an jeder Straßenlaterne aufgeladen werden können. Am Freitag scheiterte das Vorführen der Ladestation daran, dass Vattenfall das Anzapfen der Laterne untersagte – das Unternehmen fürchtet die Konkurrenz für die eigenen Ladestationen.