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Vattenfall auf Konfrontationskurs

Mitten in Tarifverhandlungen hinein verkündet Konzern Abbau von 1500 Stellen in Deutschland

Die Kunst der Überraschung beherrscht Vattenfall. Das hat der Energieversorger am Mittwoch demonstriert, als er mit einer Mitteilung die Routine mächtig durcheinanderbringt. Seit Anfang des Jahres führt der Konzern Tarifverhandlungen für die 20.000 deutschen Beschäftigten. Man trifft und streitet sich mit den Gewerkschaften IGBCE, IG Metall und Ver.di. Diese wollen an diesem Donnerstag mit Warnstreik samt Demo vor der Deutschlandzentrale in Mitte den Druck erhöhen. So, wie man das in Deutschland macht, wenn Arbeitnehmer und Arbeitgeber miteinander ringen. Mitten hinein in dieses gepflegte Ritual der Sozialpartnerschaft platzt die Meldung aus Schweden, dass in Deutschland 1500 Stellen bei Vattenfall gestrichen werden.

Überraschender Zeitpunkt

„Das ist eine miese Überraschung. Ich bin auf 180“, sagt Holger Nieden, Funktionär der Energie-Gewerkschaft IGBCE und Verhandlungsführer der Arbeitnehmerseite. „Die Stimmungslage der Kollegen wird das nicht verbessern.“ Gerüchte über einen solchen Schritt hatte es schon länger gegeben. Die Energiewende in Deutschland stellt das Geschäftsmodell des Energiekonzerns hierzulande erheblich infrage. Atomausstieg und der drastische Ausbau der erneuerbaren Energien setzen Vattenfall genauso zu wie den Konkurrenten RWE, E.on und EnBW. Alle reagieren mit Sparprogrammen. Dennoch ist der Zeitpunkt bei Vattenfall überraschend. Es wirkt wie ein kalkulierter Affront.

Gerade in Berlin bemüht sich das Unternehmen mit allen Mitteln um ein gutes Image. Vattenfall betont zu jeder Gelegenheit seine Aktivitäten als Förderer und Sponsor sozialer, kultureller und sportlicher Belange. Man redet ausführlich und gern über den Einsatz für Klimaschutz. Besonders würdigend hebt Vattenfall aber seine Verdienste um das Stromnetz in der Stadt hervor. Das hat einen einfachen Grund: Derzeit ist die Konzession für den Betrieb des Netzes ausgeschrieben. Ab 2015 könnte auch ein anderes Unternehmen als Vattenfall die Leitungen und Schaltstationen betreiben. In der Berliner Politik gibt es große Sympathien, dies wieder unter kommunaler Aufsicht zu tun. Die Verkündung eines Stellenabbaus kann in dem Verfahren durchaus Sympathiepunkte kosten.

Die 1500 Stellen werden in Berlin, Cottbus und Hamburg abgebaut. Es trifft vor allem Verwaltungsbereiche. In Berlin haben gut 5000 Menschen einen Arbeitsvertrag mit Vattenfall. Hier sollen vor allem Jobs der Tochtergesellschaft Business Services wegfallen. „Wir stehen am Anfang der Verhandlungen und können das noch nicht auf die einzelnen Standorte runterbrechen“, sagt ein Sprecher des Unternehmens. Man werde jetzt Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern aufnehmen. Die Absicht sei ein sozialverträglicher Abbau, also über Altersteilzeit und natürliche Fluktuation. Bis 2014 will Vattenfall fertig sein mit dem Personalabbau.

Seit Februar 2013 kann der Konzern aber auch wieder betriebsbedingt kündigen. Eine Betriebsvereinbarung, die dies ausschloss, lief Anfang des Jahres aus. Damit hat das Management im Fall der Fälle ein Werkzeug, mit dem es Druck ausüben kann. Allerdings stecken in der Zahl von 1500 Stellen schon längst beschlossene Abbaupläne, beispielsweise die Streichung von 300 Arbeitsplätzen im Kundenservice in Berlin und Hamburg.

Harte Verhandlungen

Dennoch bringt das alles Schärfe in die ohnehin schon harte aktuelle Tarifrunde. In der geht es auch um eine Erneuerung jener Betriebsvereinbarung, die betriebsbedingte Kündigungen ausschließt. Wie zu hören ist, sind sich beide Seiten weitgehend einig. Strittig ist vor allem die Laufzeit. Gleichzeitig hängt es auch noch an der Lohnforderung. Ein Plus von 6,5 Prozent fordern die drei Gewerkschaften. Die Verkündung des Stellenabbaus dürfte nun die Verhandlungsgrundlage verändern.

Vattenfall hat sich mit seiner internationalen Expansion finanziell übernommen. Gestartet waren die Schweden in den 90er-Jahren. Damals kauften sie die Berliner Bewag, das Hamburger Pendant HWE sowie Braunkohlentagebaue und Kraftwerke in der Lausitz. Damals waren die nationalen Energiemärkte in der EU gerade geöffnet worden, die nationalen Monopole staatlicher Stromversorger gefallen. Vattenfall machte wie andere Energieversorger folgende Kalkulation: Strom wird immer gebraucht, also ergibt es ein gut kalkulierbares, einträgliches Geschäft.

Mit der Energiewende in Deutschland gilt das nicht mehr. Harte Auflagen zum Klimaschutz fallen mit dem Atomausstieg und dem massiven Ausbau erneuerbarer Energien wie Wind und Sonne zusammen. Zudem hat sich Vattenfall vor allem mit der Übernahme des holländischen Versorgers Nuon finanziell überhoben. Zehn Milliarden Euro hat dieses Geschäft gekostet. In Schweden gibt es harte Kritik an der Strategie des einstmals betulichen Staatskonzerns. Vorstandschef Øystein Løseth steht unter erheblichem Druck, finanzielles Vabanque-Spiel mögen die Schweden nicht. Auch deswegen wird jetzt hart gespart.

Man erwarte weiterhin schwere Marktbedingungen und eine relativ schwache Nachfrage nach Strom. Das alles ginge einher mit niedrigen Margen, sagte Løseth. „Diese Herausforderungen verlangen auch in Zukunft enorme Anstrengungen von uns, um unsere Effizienz weiter zu steigern und unsere finanzielle Position zu stärken. „Bei Investitionen werden wir auch weiterhin sehr diszipliniert vorgehen“, sagte Vattenfall-Finanzchefin Ingrid Bonde. Vattenfall will sein Geld zusammenhalten – und, wenn möglich, schnell größere Summen einnehmen.

Vattenfall prüft deswegen den Verkauf seiner Beteiligung am sächsischen Kraftwerk in Lippersdorf. In seiner Erklärung zum Sparprogramm verwies der Konzern noch einmal auf die Verkaufsabsicht. Bekannt geworden war diese bereits in der vergangenen Woche. Vattenfall hat damit Spekulationen befeuert, sein ostdeutsches Braunkohlen- und Kraftwerkgeschäft insgesamt veräußern zu wollen. Dort, vor allem in der strukturschwachen Lausitz, sind mehr als 8000 Menschen beschäftigt. Allerdings waren die deutschen Kohlekraftwerke in den letzten Jahren die einzigen verlässlichen Gewinnbringer.