Messe

Das sind die Spartricks der Autobauer

Was auf dem Genfer Autosalon gezeigt wird, ist bildschön. Aber oft nur Show. Ein Experte erklärt, wie man Qualität erkennt

Am Ende eines Tages auf dem Genfer Autosalon muss den zahllosen Hostessen jeder Muskel wehtun. An den Beinen vom langen Stehen auf superhohen Absätzen, im Gesicht aufgrund des vorgeschriebenen Dauerlächelns. Und an den Armen, weil die Auto-Schönheiten hier zwei Jobs haben: lächeln und wedeln.

Kaum zeigt sich ein Stäubchen auf dem Lack, wird der Flusenfänger gezückt. Es muss glänzen und glitzern in der Autowelt, vor allem wenn wie in Genf von heute an 700.000 Besucher in die Hallen strömen. Doch die Autofans sollten sich nicht blenden lassen. „Vergessen Sie die Fahrzeuge auf den Ständen, vor allem die besonders präsentierten Modelle auf den Drehtellern“, sagt ein Automanager. „Die sind speziell für Messen ausgestattet. Da sind Teile drin, die Sie so gar nicht kaufen können.“ Potemkinsche Autos.

Zum Teil sicher. Die Hersteller können es sich gar nicht leisten, das als Massenware zu verkaufen, was sie auf den Messen zeigen. Die hochwertige Ausstattung dort gönnen sich nur wenige. Auf Messen wird aber präsentiert, was möglich ist. Und das blendet. „Doch wer weiß, wo er hinschauen muss, sieht schnell, ob ein Auto abseits von Glanz und Glamour hochwertig ist und wo gespart wurde“, sagt der Automanager. Wir machen uns auf einen Messerundgang der anderen Art.

Testobjekt eins ist ein Corsa auf dem Opel-Stand. Die GM-Tochter gilt als Dauerpatient, die Autos haben dennoch einen guten Ruf. Aber wie ist die Verarbeitung? Das Cockpit sieht hochwertig aus. Dicke Knöpfe an der Klima- und Media-Konsole, Chrom-Elemente am Armaturenbrett. Zum Teil sind die Flächen hochglänzend poliert, „Klavierlack“ nennen das die Experten, das ist zurzeit angesagt. Das Lenkrad ist dick, aus Leder, mit massivem Faden vernäht. „Am Lenkrad darf man bei Vorführautos nie sparen. Das ist das Erste, was der Kunde anfasst und anschaut“, sagt der Automann, der seit vielen Jahren im Geschäft ist und bei mehreren großen Automobilherstellern gearbeitet hat.

Allerdings zeigt sich beim zweiten Blick, dass die Chromteile keine sind, sondern lackierter Kunststoff. Dass sich die Knöpfe gut anfassen, aber aus billigem Gummi sind. Und alle Teile des Cockpits, die vom Fahrer abgewandt liegen, glatte Flächen aufweisen. Dasselbe gilt für die Handbremse, die nur oben eine geriffelte Oberfläche hat. „Glatt ist einfacher herzustellen, macht aber einen billigen Eindruck. Das vermeidet man möglichst“, sagt der Autoexperte.

Genau wie Handbremsengriffe aus zwei Teilen, die man so zwar günstiger produzieren kann, aber die immer eine Naht haben, die der Bediener fühlt. Und das tut man beim Corsa. Die Mittelkonsole besteht ebenfalls aus zwei Teilen, zwischen dem vorderen und hinteren Element klafft eine Lücke, ein typischer Schmutzfänger. „Das ist unschön und wie im Fall der Handbremse eine Lösung aus Kostengründen.“ Alles nur Optik, sicher. „Aber gerade in Deutschland ist ein wichtiger Punkt, wie ein Auto wirkt. Die Deutschen wollen alles befühlen, es muss sich gut, wertig anfühlen, sonst werden sie misstrauisch. Das liegt in der handwerklichen Tradition des Landes“, sagt der Automanager, der aus eigener Erfahrung weiß, wie Kunden in Europa, den USA oder Japan ticken. „Japaner setzen eher auf den rein visuellen Eindruck.“

Ein Blick unter die Haube offenbart noch mehr zum Thema Qualität. „Wir wissen, dass 40 Prozent der Autohalter da nie reinschauen“, sagt der Automanager. Ideal also, es dort nicht bei der eigentlichen Technik, wohl aber bei der Verarbeitung nicht ganz so genau zu nehmen. Daher kommt es schon mal vor, dass die Haube innen nur mit Klarlack überzogen oder gar nicht lackiert ist. Der Corsa patzt da aber nicht. Im Gegenteil, er hat sogar noch eine geräuschdämmende Einlage. Fazit: „Der Corsa ist teilweise sogar mit Liebe gemacht, aber die Opelaner halten das nicht konsequent durch“, so der Automann. „Man sieht genau, wo sich die Controller, die die Kosten im Blick haben, gegenüber den Entwicklern durchgesetzt haben.“

Der Preiskampf wird heftiger

Und das tun sie immer öfter. „Der Preiskampf wird heftiger, seit zehn, zwölf Jahren geraten wir zunehmend unter Druck“, sagt der Automanager. Das liegt zum einen daran, dass Premiumhersteller wie Mercedes, BMW oder Audi verstärkt kleinere, günstigere Fahrzeuge anbieten und damit den Massenherstellern das Leben schwer machen. Zeitgleich gibt es einen starken Trend zu Billigstautos. „Unser Problem sind die Smartshopper. Die Mittelschicht, die überwiegend mittelklassige Produkte kauft, gibt es nicht mehr“, klagt der Automann. „Heute holen sich die Leute ihre Milch bei Aldi und dann den Boss-Anzug für 500 Euro.“ Sprich: Wer im Mittelfeld spielt, hat es zunehmend schwer.

Die Hersteller reagieren auf den steigenden Druck, indem sie ihre Autos billiger an den Kunden bringen. „Ein Drittel der in Deutschland zugelassenen Autos sind inzwischen sogenannte Tageszulassungen, Vorführ- oder Dienstwagen. Die Rabatte, die wir darauf geben, sind enorm – leider“, sagt der Automanager. 20 bis 30 Prozent Nachlass seien drin, in Einzelfällen sogar mehr. Längst sind auch die Premiumhersteller im Rabattsog. „Am 10. eines Monats wissen wir, wie sich der Absatz in diesem Monat entwickelt, dann macht der Vertrieb seinen Leuten Dampf, Autos in den Markt zu drücken“, sagt der Automanager. Wer billiger verkaufen muss, muss billiger produzieren.

Noch verdienen viele Autokonzerne Milliarden. Aber neben der Tatsache, dass das Geschäft immer schwieriger wird, müssen sie zunehmend größere Summen in die Fahrzeugentwicklung stecken. Immer schärfere gesetzliche Bestimmungen beim Schadstoffausstoß zwingen zu immer neuen innovativen Lösungen – das engt den Spielraum bei den Produktionskosten weiter ein. Volkswagen beispielsweise investiert bis 2015 insgesamt 50,2 Milliarden Euro, davon mehr als zwei Drittel in die Entwicklung immer effizienterer Fahrzeuge und Fertigungsprozesse. Dabei weiter Qualität bis zum Dichtungsring zu liefern ist eine zunehmende Herausforderung.

Der Golf leistet sich keine Schwäche

Zweiter Test beim VW-Stand. Die Tür des neuen Golf Variant fällt mit sattem Klack ins Schloss. Der Automanager untersucht systematisch den Innenraum. „Perfekt gestalteter Abschluss von Instrumententafel und Türverkleidung. Das ist eine Leistung. Hochwertiges Cockpit mit billigen Knöpfen. Aber ein gummierter und entsprechend weicher Himmel und ein doppelt vernähtes Lederlenkrad. Alles sehr hochwertig“, so sein Urteil. Auch im Heck leistet sich der Golf keine Schwächen: Doppellippige Dichtungen an der Kofferraumklappe, eine Klappe am Kofferraumschloss, die vor Verschmutzung schützt, die Ladekantenleiste weist praktisch keine Spalte zur Verkleidung auf. „Besser geht es kaum“, sagt der Automann – der bei einem Wettbewerber arbeitet.

Hyundai schneidet dagegen durchwachsen ab. Sichtbare Schrauben am Kofferraumschloss, eine Schlaufe für die Abdeckung am Boden und Schüre, die die Hutablage halten – das ist die jeweils günstigste Variante. „Im Motorraum ist die Gummierung der Schweißnähte nachlässig gemacht, aber insgesamt ist das Auto solide“, urteilt der Automann abschließend. Dessen ungeachtet sind die Koreaner erfolgreich und selbst bei Volkswagen gefürchtet.