Glücksspiel

Falsches Spiel in der Hauptstadt

Die Glücksspielbranche ist so umstritten wie erfolgreich. Oft überschreitet sie die Grenzen der Legalität. Auch in Berlin

Verdunkelte Ladenlokale alle paar Schritte, selbst am Tag bohrt sich die grelle Leuchtreklame in den Blick der Passanten: Casino-Bar, Bar24, Little Las Vegas. Die Fensterscheiben sind schwarz getönt. Nur eine vage Vorstellung habe ich vom Innenleben eines Kasinos, ein paar Bilder von Urlaubsreisen als Kind, als wir auf der Fähre nach Griechenland hineinspähten in die mit einarmigen Banditen vollgestopften Bars. Doch das war Urlaub. Hier aber ist Alltag. Hier ist Berlin. Warum machen hier ständig neue Kasinos auf?

Die Zahl der Spielhallen und Bars, die wie solche aussehen, steigt seit Jahren rasant an. Deutschlandweit sind 242.000 sogenannte Geld-Gewinn-Spielgeräte im Einsatz. Fünf Millionen Menschen füttern sie regelmäßig mit Geld. Und weitere fünf Millionen, schätzt die Branche, kommen immerhin gelegentlich mal vorbei. Zwölf Prozent der Bevölkerung tauchen also zumindest gelegentlich in die rätselhafte Welt hinter den dunklen Scheiben ein und stopften 2011 insgesamt 4,14 Milliarden Euro in Spielautomaten. Nach Schätzungen des Landeskriminalamts Berlin ist allein dort die Zahl der Automaten seit 2006 von 6500 auf 11.500 gestiegen.

Über Jahrzehnte hinweg hatte die Politik geduldig zugesehen, wie sich die Spielkasinos im ganzen Land ausbreiteten, doch seit einiger Zeit ist es ungemütlich geworden für die in viele kleine und wenige große Anbieter zersplitterte Branche. Einige Bundesländer versuchen dem Wildwuchs schon länger mit strengeren Gesetzen Einhalt zu gebieten, so hat Berlin die Genehmigung drastisch eingeschränkt und am Freitag auch vor Gericht recht bekommen. Und seit dieser Woche ist klar, dass erstmals auch die Bundespolitik verschärfte Auflagen für Spielhallen und Kneipen einbringen will. Paul Gauselmann (78), Chef des größten Spielautomatenbetreibers, wettert, seine Branche werde selbst „gegen hier und da zu beobachtende Fehlentwicklungen der Spielhallen-Quantität vorgehen“. Ansonsten sei die viel beschworene Spielhallenflut eine mediale Erfindung: „Wer genau hinsieht, der kann erkennen, dass es sich bei einer großen Anzahl vermeintlicher Spielhallen nicht um konzessionierte Spielhallen handelt“, sagt er, sondern „um Läden zwielichtiger Geschäftemacher, die Gesetzeslücken ausnutzen“.

Zwielichtige Geschäftemacher? Gibt es in der Welt des Glücksspiels die Besseren und die Schlechteren? Ich mache mich auf nach Berlin-Hellersdorf. Plattenbauten, so weit das Auge reicht. Ein 70er-Jahre-Betonkomplex beherbergt eine Spielhalle und drei Bars, deren einzige sichtbare Attraktion ebenfalls Daddelautomaten sind. Nur ein paar Verstreute hat es an dem unwirtlichen Abend hierher vertrieben. „Monatsende, da ham die Leute keene Knete mehr“, kommentiert mein Begleiter, ein ehemaliger Mitarbeiter des Landeskriminalamts, der mich in die Welt der Spieler einführt. Erste Station: Spielhalle. Die Automaten haben den gebotenen Abstand, Rauchen ist verboten, auch Getränke scheint es, kann man nicht kaufen – gemäß den neuen, schärferen Regeln der Stadt. Die Bedienung hinter der Theke mustert uns, dann pirscht sie sich an und haucht: „Was wollt ihr trinken?“ Kurze Zeit später bringt sie unsere Cola.

Nebenan wird noch deutlicher, wie die Kneipenbesitzer das geltende Recht umgehen. Nur nach außen sind die zwei Ladenlokale getrennte Bars, innen teilt eine dünne Rigipswand das Geschäft, darin ein von beiden Seiten zugänglicher Kühlschrank. Nur drei Spielgeräte pro Gaststätte sind erlaubt, auf diese Weise kann ein Minilokal sechs aufstellen – und trotzdem Alkohol ausschenken, was in lizenzierten Spielhallen verboten ist. Käme das Ordnungsamt vorbei, ließen sich die Regelverstöße leicht ahnden. Das Problem: Es kommt meist gar nicht erst, überall fehlt Personal.

Nicht umsonst kritisiert etwa Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) das Vollzugsdefizit in seinem Bezirk und moniert, dass das strengere Spielhallengesetz die Zahl der lizenzierten Anbieter beschränkt, den Bars, die bis zu drei Automaten anbieten dürfen, aber keinen Einhalt geboten habe. Auch den lizenzierten Spielhallenbetreibern ist der Wildwuchs ein Ärgernis: „Für uns werden die Auflagen seit Jahren immer strenger, und wir halten uns daran“, sagt Dirk Lamprecht, Geschäftsführer der Automaten-Wirtschaftsverbände. „Die anderen leider nicht.“

Tatsächlich ist die Zahl der lizenzierten Spielhallen mit 600 in den vergangenen Jahren in Berlin recht konstant geblieben, sagt Wolfgang Petersen, Leiter des Kommissariats Glücksspiel beim Landeskriminalamt. Während die erlaubnisfreien Gaststätten die Stadt überwuchern. 2300 waren es Ende 2011, doch allein 2012 kamen 190 Kneipen hinzu, in denen die Gäste ungestört parallel trinken und daddeln können. Tricks wie die Teilung eines kleinen Ladenlokals in zwei Räume seien an der Tagesordnung, sagt Thorsten Kaute vom Ordnungsamt Friedrichshain-Kreuzberg. Zudem gilt natürlich die Sperrstunde nicht, die der Gesetzgeber für lizenzierte Anbieter vorsieht: Wenn sie um zwei Uhr nachts schließen, können die Leute in den Kneipen munter weiterdaddeln.

Die elf Mitarbeiter des LKA-Kommissariats Glücksspiel reichen aus Sicht ihres Chefs nicht, um nur annähernd Ordnung zu stiften. Allein 2012 wurden 1900 Ordnungswidrigkeiten und rund 300 Straftaten wie Einbrüche oder Raubüberfälle aktenkundig. Geldwäsche, sagt Petersen, sei im Spielhallengewerbe nicht das Problem: „Um ordentlich Geld an Automaten zu waschen, bedarf es zu viel Zeit.“ Sorgen macht ihm eher die Beschaffungskriminalität. 37.000 Spielsüchtige soll es allein in der Bundeshauptstadt geben, die Petersen zufolge bis zu 500 Euro am Tag verzocken – und im Zweifel kriminell werden, um sich das leisten zu können.

Was fasziniert Leute daran, all ihr Geld in Automaten zu stecken? Wer macht so was? Eine Spielhalle in Charlottenburg, die zum Gauselmann-Imperium gehört. Es ist kurz vor 24 Uhr, es ist voll. Alte und Junge, Anzug- und Jogginghosenträger. „Will runterkommen“, kauzt mich einer an, als ich ihn frage, was ihn hierher verschlagen hat. „Mich beruhigt das“, sagt eine asiatisch aussehende Frau daneben. Daddeln sei fast wie Meditation für sie.

Ramona Albrecht ist eine, die den Automaten lange Zeit nicht entkam. Konzentriert sitzt sie auf ihrem Stuhl und erzählt ihre Geschichte von Sucht, Täuschung, Betrug. In der Therapie hat sie gelernt, dass Ehrlichkeit der wichtigste Schritt zur Besserung ist. Vor neun Jahren war ihre Ehe in die Brüche gegangen und auch ihr Sohn hatte sich von ihr abgewandt – Albrecht versenkte die Trauer mit einer Flut von Zwei-Euro-Stücken im Spielautomaten ihrer Stammkneipe. „Da hatte ich meine Ruhe“, erinnert sie sich.

Aus Ruhebedürfnis wurde Sucht, aus Sucht die Zerstörung all dessen, was sie noch hatte. Fünf oder sechs Stunden am Tag spielte die 43-Jährige. Wann immer sie konnte, stahl sie sich fort von der Arbeit. Und als sie die verloren hatte, ging sie daddeln statt shoppen. Nur am Wochenende blieb sie zu Hause und ertrug die Entzugserscheinungen, denn ihr Partner durfte nichts davon wissen. Bis heute kann sich die Frau nicht verzeihen, was sie ihren Lieben angetan hat. „Man ist der beste Schauspieler im Verbergen der Sucht“, sagt sie. Man lüge, betrüge, beschaffe sich Geld, wo man kann. Wohl 10.000 Euro habe sie im Laufe der Jahre zusammengeschnorrt und -geklaut. Bis heute zahlt ihr Partner den Kredit ab, den er zur Tilgung ihrer Schulden aufgenommen hat. „Wäre er nicht da gewesen und hätte an mich geglaubt, ich wäre in der Gosse gelandet.“

Dass sie dennoch aussteigen konnte, hat Albrecht auch dem „Café Beispiellos“ zu verdanken, einer Beratungsstelle für Glücksspielsüchtige, die der Caritasverband Berlin betreibt. Dort fand sie im Sommer 2012 Hilfe und lernte, mit ihrer Sucht umzugehen. Man habe mit einer deutlich verstärkten Nachfrage zu tun, sagt Ulrike Albrecht, Diplompsychologin und Leiterin der Beratungsstelle. Die Zahl ihrer Klienten stieg zwischen 2007 und 2011 um 71 Prozent auf 872.