Fluggesellschaften

Bei Air Berlin müssen die ersten Mitarbeiter gehen

Fluglinie startet Entlassungswelle in der Berliner Zentrale. Dort ist die Belegschaft gerade dabei, zum ersten Mal einen Betriebsrat zu wählen

– Das Vermächtnis von Joachim Hunold wirkt in der Zentrale von Air Berlin immer noch nach. Erst nach Hunolds Abgang wagt sich die Belegschaft am Saatwinkler Damm an die Wahl eines Betriebsrats. Am Mittwoch traten 1400 Mitarbeiter der Berliner Unternehmenszentrale zur Stimmenabgabe an. Allerdings sind sie zu spät dran. Denn bereits einen Tag zuvor verschickte Air Berlin die ersten betriebsbedingten Kündigungen der Unternehmensgeschichte. Hunolds tief sitzende Abneigung gegen Betriebsräte und Gewerkschaften zahlt sich anderthalb Jahre nach seinem Abschied von der Unternehmensspitze für Air Berlin aus.

90 von 900 Mitarbeitern betroffen

Damit rollt jetzt die erwartete Entlassungswelle bei Air Berlin. Angeblich trifft sie zunächst 90 Mitarbeiter in Berlin. Am Ende sollen es in ganz Deutschland insgesamt 900 sein. Dass Air Berlin Stellen streichen würde, ist schon seit Herbst vergangenen Jahres bekannt. Auch, dass betriebsbedingte Kündigungen zu erwarten sind. Seit Jahren häuft das Unternehmen Verluste an. Ein Schuldenberg von rund 800 Millionen Euro hat sich aufgetürmt. Bis heute wird Air Berlin vor allem dank Hauptaktionär Etihad am Leben gehalten.

Mit dem Sparprogramm „Turbine 2013“ soll Air Berlin wieder auf Kurs kommen. Der Personalabbau ist unter der Bezeichnung „Lean & Smart“ Teil des Sparprogramms. Treffen soll es etwa jeden zehnten der rund 9300 Mitarbeiter. Der Stellenabbau bei Air Berlin soll sich wie folgt verteilen: 350 Mitarbeiter im Bereich Verwaltung und Boden sollen gehen, 160 bei der Technik und 360 beim fliegenden Personal, also Piloten und Flugbegleiter. Macht unter dem Strich 870 Stellen.

In der Berliner Zentrale wurden nach Informationen der Berliner Morgenpost bereits ganze Abteilungen mit 15 bis 20 Mitarbeitern aufgelöst. Ausgesprochen wurden die Kündigungen zum 30. April 2013. Doch einige Mitarbeiter, heißt es, hätten umgehend ihren Schreibtisch räumen müssen. „Bis Anfang nächster Woche werden wohl weitere Kündigungen rausgehen“, sagt einer aus dem Unternehmen. Erst dann nämlich wird bei der „Air Berlin plc & Co. Luftverkehrs KG“ der Betriebsrat die Arbeit aufnehmen.

Die Belegschaft der Zentrale arbeitet in dieser rechtlich eigenständigen Gesellschaft. Der Konzern Air Berlin besteht aus zahlreichen solcher Tochterfirmen. Nach Informationen der Morgenpost wurden in anderen Air-Berlin-Gesellschaften, die teilweise schon lange Betriebsräte haben, noch keine Mitarbeiter gekündigt. Ein Betriebsrat erschwert für Firmen Entlassungen und verbessert die Verhandlungsposition von Arbeitnehmern bei Konflikten. Will ein Unternehmen Arbeitsplätze streichen, muss es mit den Belegschaftsvertretern beispielsweise über Abfindungen und einen Sozialplan verhandeln. Für die gekündigten Mitarbeiter der Konzernzentrale kann die künftige Interessensvertretung kaum noch etwas erreichen.

Das Unternehmen wollte sich zu den Kündigungen nicht äußern. Eine Sprecherin verschickte ein vorformuliertes Statement. Man könne betriebsbedingte Kündigungen „nicht ausschließen“, man sei daher im „konstruktiven Dialog“ und das alles habe „höchste Priorität“. Zum Personalabbau heißt es darin: Air Berlin arbeite „hier eng mit den zuständigen Arbeitnehmervertretungen zusammen“.

Air Berlin steckt seit Jahren in der Krise. Seit Jahren sind die Mitarbeiter auch an immer neue Sparprogramme gewöhnt. Allerdings gab es noch nie betriebsbedingte Kündigungen. Die werden unter der Ägide des neuen Chefs Wolfgang Prock-Schauer abgewickelt. Der Österreicher hat mit Beginn des Jahres die Führung bei Air Berlin von Hartmut Mehdorn übernommen. Prock-Schauer setzt dessen Spar-Programm um. Neben dem Personalabbau wird das Streckennetz von Air Berlin ausgedünnt; Flugzeuge werden verkauft. Die Formel lautet: weniger Geschäft, weniger Personal und damit weniger Kosten.

Zu schnell gewachsen

Hauptproblem von Air Berlin ist das rasante Wachstum der vergangenen zehn Jahre. Gründer Hunold kaufte unter anderem seit 2006 die Konkurrenten dba und den Düsseldorfer Ferienflieger LTU. Immer wieder gelang es Hunold Kapital aufzutreiben, unter anderem durch den Börsengang im Jahr 2007. Das war auch das letzte Jahr, in dem Air Berlin einen Nettogewinn vorweisen konnte.

Seit 2011 heißt der größte Aktionär Etihad Airways aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Etihad will über die Beteiligung Anbindung an europäische Flughäfen bekommen. Start- und Landerechte sind für die ehrgeizige arabische Airline sonst kaum in der Größe zu bekommen, die Etihad vorschwebt. Große Hoffnung setzen Air Berlin und Etihad auf das Drehkreuz Berlin am neuen Flughafen BER. Die mehrfache Verschiebung des Eröffnungstermins hat die Probleme von Air Berlin erheblich vergrößert.