Fluggesellschaft

Air Berlin stellt die Millionenfrage

Mitarbeiter sollen auf Geld verzichten. Was, wenn sie ablehnen?

– Der erste Weg nach Feierabend führt die meisten zum Briefkasten. Das erzählen sie bei Air Berlin. Bange Erwartung ist dabei. Denn die Post, die die rund 3000 Berliner Mitarbeiter der Airline erwarten, ist ausnahmslos unerfreulich. Im schlimmsten Fall könnte es eine Kündigung sein. Zumindest aber ein Schreiben, in dem um eine Unterschrift gebeten wird, die eine Gehaltskürzung besiegeln würde. Auf ihr 13. Monatsgehalt sollen sie verzichten und und auf die kleinen Gehaltssprünge, die bei Air Berlin – in Abhängigkeit von Dienstjahren und Position – alle zwei Jahre fällig sind. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass viele einem Verzicht zustimmen“, sagt ein Mitarbeiter aus der Zentrale am Saatwinkler Damm. Ähnliches hört man aus anderen Bereichen.

Geduld und Opferbereitschaft der 9300 Mitarbeiter sind offenbar aufgezehrt. Seit 2009 hat es für das Bodenpersonal keine Gehaltserhöhungen gegeben. Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft siecht schon seit Jahren dahin und legt in regelmäßigen Abständen Sparprogramme auf. Das aktuelle heißt „Turbine“ – die Mitarbeiter haben ihren Beitrag geleistet. Ist es nun, wo sich für Air Berlin die Existenzfrage stellt, ein Sparprogramm zu viel?

Verfangen hat offenbar auch nicht die Ankündigung des Managements, seinerseits auf zehn Prozent der Bezüge zu verzichten. Wolfgang Prock-Schauer, der neue Chef von Air Berlin, hatte das vergangene Woche auf Betriebsversammlungen angekündigt. Prock-Schauer mag da für die Mitarbeiter ein glaubwürdiges Beispiel abgeben. Viele sind aber immer noch wütend auf Joachim Hunold, den Unternehmensgründer und langjährigen Chef. Sie sehen in ihm den Schuldigen an der Misere. Hunold wurde der Abgang im Jahr 2011 mit einer Abfindung von 4,1 Millionen Euro erleichtert. Zudem hatte Hunold laut Geschäftsbericht zum Stichtag 31.12.2011 Pensionsansprüche in Höhe von fast sechs Millionen Euro erworben. So gesehen profitiert immerhin der Gründer noch von Air Berlin.

Harter Sparkurs

Sein Nach-Nachfolger Prock-Schauer durchleuchtet derzeit den Konzern. 400 Millionen Euro will er in diesem und dem kommenden Jahr einsparen. Mindestens 900 Arbeitsplätze sollen wegfallen. Flugzeuge werden abgestoßen, Leasing- und Wartungsverträge nachverhandelt. Die heiklen Schritte beim Personal wurden vergangene Woche mitgeteilt. Schon Ende diesen Monats sollten demnach erste Maßnahmen greifen. Sprich: Mitarbeiter mit endenden Zeitverträgen verlassen das Unternehmen. „Seit einer Woche gab es intern keine Neuigkeiten“, erzählt ein Mitarbeiter. Es herrsche Unsicherheit, man warte vergebens darauf, dass intern über die weiteren Schritte informiert werde. Das gilt in besonderem Maße für Berlin, denn hier dürften die meisten der 900 Stellen wegfallen. Allein 350 von 1400 Mitarbeitern der Air Berlin plc & Co. Luftverkehrs KG, der Konzernmutter des Unternehmensgebildes, sollen den Plänen zufolge gehen. Hinzu kommen Mitarbeiter aus der Technik und vom fliegenden Personal, also Piloten und Flugbegleiter. Mindestens die Hälfte der 900 Stellen dürften somit in Berlin gestrichen werden.

Betriebsrat noch nicht gewählt

Das Unternehmen selbst hält sich mit Äußerungen zurück. Man habe die „notwendigen Gespräche mit den Personalvertretungen“ bereits eingeleitet, heißt es. Über „detaillierten Auswirkungen für die einzelnen Standorte“ könne man nichts sagen. Dies würde mit den Arbeitnehmervertretungen besprochen. Das entspricht nicht ganz der Wahrheit. Denn die Mitarbeiter der Konzernzentrale haben derzeit keinen Betriebsrat. Konzerngründer Hunold hatte das jahrelang wütend verhindert. Nun sollen die 1400 Beschäftigten am 20. Februar eine Vertretung wählen. Erst dann können beispielsweise Sozialpläne für diejenigen ausgehandelt werden, die Air Berlin verlassen müssen.

Betriebsbedingte Kündigungen wurden noch nicht ausgesprochen. Air Berlin hat sich das aber ausdrücklich vorbehalten. Beim Kabinenpersonal wird es wohl auch nicht dazu kommen. „Die Fluktuation dort ist ohnehin ziemlich groß“, sagt ein Mitarbeiter.

Anders sieht das jedoch in der Zentrale aus. Weswegen der neue Betriebsrat vom ersten Tag an viel zu tun haben wird. Schon bald dürfte sich die Frage stellen, was denn passiert, wenn die Belegschaft keinen Gehaltsverzicht akzeptiert? Offiziell glaubt man bei Air Berlin an ein Einlenken der Mitarbeiter. Wenn nicht, stellt sich die Frage, ob nicht noch mehr Mitarbeiter gehen müssen. Zu solchen Spekulationen will sich Air Berlin nicht äußern.

Allerdings liegt die Frage nahe. Denn viele Hebel hat das Unternehmen nicht. Zwar versucht das Management mit den vielen Partnern, die Aufträge für Air Berlin erledigen, neue Konditionen auszuhandeln. „Doch der Verhandlungsspielraum wird eng, wenn Air Berlin keine deutlichen Einsparungen beim Personal vorweisen kann“, mutmaßt jemand aus der Zentrale. Warum sollte etwa ein Leasingunternehmen günstigere Konditionen einräumen, wenn Air Berlin in seinem Einflussbereich keine vorzeigbaren Ergebnisse bringt?

Air Berlin fliegt seit Jahren mit Verlust und hat einen Schuldenberg von 800 Millionen Euro angehäuft. Zudem trifft die Gesellschaft die mehrfache Verschiebung der BER-Eröffnung in Schönefeld. Luftfahrtexperten schätzen, dass Air Berlin dadurch jeden Monat Mehrkosten von fünf Millionen Euro entstehen. Das kann sich die angeschlagene Airline im Grund nicht leisten – und hat deswegen auch Klage gegen die Berliner Flughäfen eingereicht.