Ratgeber: Aus- und Weiterbildung

"Jeder sollte einen Ausbildungsplatz haben"

Berlins Arbeitssenatorin Dilek Kolat fordert die Unternehmen in der Stadt auf, künftig mehr Fachkräfte auszubilden

Berlins Arbeitssenatorin Dilek Kolat hat die Unternehmen in der Stadt aufgefordert, künftig mehr Fachkräfte auszubilden. "Wir wollen, dass jeder Jugendlicher ein Ausbildungsangebot mit anerkanntem Abschluss bekommt und anschließend auch in dem erlernten Beruf arbeiten kann", sagte die SPD-Politikerin der Berliner Morgenpost. Künftig werde es immer mehr darauf ankommen, ob die Firmen ihren Fachkräftenachwuchs durch betriebliche Ausbildung sichern. Auszubildende von heute seien Fachkräfte von morgen, deshalb müsse die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe mit dem Beschäftigungsaufbau in den einzelnen Branchen mitwachsen. "Wer sich bei mir als Unternehmer über Fachkräftemangel beschwert, den frage ich als erstes, ob er denn ausreichend ausbildet", meinte Kolat. Der Senat sei bereit, entsprechende Unternehmen in dieser Hinsicht auch weiterhin zu unterstützen.

Zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres Ende September waren in Berlin insgesamt 14.386 Ausbildungsverträge abgeschlossen, davon 13.291 betriebliche. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet das bei betrieblichen Ausbildungsverträgen ein Plus von 346. Bei kleineren Unternehmen sind etwa 1284 Ausbildungsplätze noch unbesetzt. Die meisten offenen Ausbildungsstellen gibt es bei den Berufen Kaufmann für Einzelhandel und Bürokommunikation, Verkäufer, Friseur, Hotelfachmann und Koch. Die begehrtesten Berufe bei männlichen Jugendlichen sind unter anderem Kfz-Mechatroniker, Tischler, Maler, Lackierer und Fachkraft für Lagerlogistik. Bei den weiblichen Jugendlichen werden unter anderem die Berufe medizinische Fachangestellte und zahnmedizinische Fachangestellte bevorzugt.

Derzeit gibt es in Berlin rund 1700 Jugendliche, die noch keine Lehrstelle gefunden haben. Die Arbeitssenatorin will, dass Firmen den Jugendlichen Langzeitpraktika anbieten, um ihre Fähigkeiten kennenzulernen, auch wenn ihre Schulnoten nicht so gut sind. Dadurch sollen auch Jugendliche eine Chance bekommen, die in der Schule nicht immer die nötigen Leistungen bringen können, aber ganz andere praktische Qualitäten besitzen. Davon profitieren beide Seiten. Zumal die Arbeitgeber für diese Leistungen von der Agentur für Arbeit finanziell unterstützt werden. 70 Prozent der Jugendlichen bekommen bundesweit nach solchen Langzeitpraktika einen richtigen Ausbildungsplatz in ihrem Betrieb. "Ich erwarte eine neue Auswahlkultur bei den Unternehmen. Weg von reinen Noten, hin zur Kompetenzbetrachtung der Jugendlichen", betont Kolat.

Dabei sollen weiterhin mehr Mädchen in klassischen technischen und naturwissenschaftlichen Berufen integriert werden, bei denen sich früher fast ausschließlich männliche Jugendliche beworben haben. Veranstaltungen wie "Girls'Day" haben bis jetzt dazu einen enormen Beitrag geleistet, dass viele Schülerinnen für einen Tag hinter die Kulissen der großen Konzerne blicken und die sogenannten "männlichen Berufe" aus nächster Nähe kennenlernen konnten. Danach fiel ihnen die Entscheidung leichter, ob so ein Beruf für sie in Frage kommen kann und sie damit glücklich werden. Diese Tradition soll weiter geführt werden. Berlin beteiligt sich auch in diesem Jahr, am 25. April, an diesem bundesweiten Aktionstag für Berufsorientierung von Mädchen. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen haben sich auch dieses Jahr viele Unternehmen (wissenschaftlicher Gerätebau, Präzisionswerkzeuge) und Organisationen (Dachdeckerinnung, Bundespolizeiinspektion) bereit erklärt, an diesem Tag teilzunehmen und für junge Mädchen ihre Tore zu öffnen. In diesem Zusammenhang hat das Land Berlin das Pilotprojekt Girls'Day Akademie entwickelt, um das Interesse der Mädchen an Naturwissenschaften und Technik zu fördern und ihre Berufswahl zu erweitern.

Der Senat unterstützt auch Firmen, die Frauen in Berufen ausbilden, in denen sie nicht oder sehr gering vertreten sind. Im Rahmen des Projekts "Lebensphasenorientierte Personalstrategien" sollen sich kleinere und mittlere Unternehmen als attraktive Arbeitgeber für Frauen darstellen. Um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen, hat die Senatsverwaltung Arbeit, Integration und Frauen mit der Industrie- und Handelskammer Berlin eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet.

Ein weiteres Anliegen der Berliner Arbeitssenatorin ist es, mehr jungen Menschen mit Migrationshintergrund eine betriebliche Ausbildung und anschließend eine feste Arbeit zu ermöglichen. Bis jetzt war es schwierig, weil viele von ihnen auch keinen guten Schulabschluss haben. "Eine vernünftige Ausbildung ist die Grundlage für ein gutes Leben. Gut qualifizierte Migrantinnen und Migranten sind Vorbilder für andere Jugendliche mit Migrationshintergrund", sagt Kolat.

Im Rahmen des Projektes "Ausbildung in Sicht" bekommen Jugendliche mit Migrationshintergrund Berufsorientierung, bei Bedarf werden auch ihre Sprachkenntnisse und Sozialkompetenzen gefördert. Zusätzlich erhalten sie ein betriebliches Praktikum, um ihre neu erworbenen Kenntnisse dort anwenden zu können. In diesem Zusammenhang ruft die Arbeitssenatorin auch die Unternehmer mit Migrationshintergrund auf, mehr Ausbildungsplätze für Jugendliche zur Verfügung zu stellen. Im öffentlichen Dienst hat sich der Anteil von Auszubildenden mit Migrationshintergrund inzwischen auf 19 Prozent erhöht, da sie durch ihre internationale Kompetenz die Leistungen der Behörden bereichern. Dieses Konzept soll nun auch auf die Privatwirtschaft, vor allem auf die Elektro- und Metallbranche, übertragen werden. Dies soll langfristig auch zur Fachkräftesicherung dienen.