Interview

„Berlin muss die Nabelschau beenden“

| Lesedauer: 8 Minuten

Die Wirtschaftsvertreter Schwarz und Schweitzer über Start-ups, das BER-Desaster und die Mieten-Diskussion in der Stadt

Stephan Schwarz und Eric Schweitzer sind die führenden Köpfe der Berliner Wirtschaft. Gleichzeitig ist Handwerkskammerpräsident Schwarz Vize von IHK-Präsident Schweitzer. Warum Schwarz künftig häufig für Schweitzer einspringen muss, erzählen sie im Gespräch mit Hans Evert.

Berliner Morgenpost:

Herr Schweitzer, Herr Schwarz, wir haben eine weitere Verschiebung des BER. Ist jetzt die Zeit für politische Konsequenzen?

Eric Schweitzer:

Die Konsequenz muss sein, dass man jetzt nicht wieder einen neuen Termin aus dem Hut zaubert, bevor nicht ein klarer Maßgabenkatalog auf dem Tisch liegt. Der nächste Termin muss der endgültige sein. In der Zwischenzeit geht es jetzt aber auch darum, das vorhandene Flughafensystem zu stärken. Vor allem in Tegel muss man jetzt noch mal investieren, damit es hier nicht zum Infarkt kommt. Denn auch für das nächste Jahr sind neue Passagierrekorde zu erwarten.

Aber es grenzt doch fast an Wahnsinn, dass das BER-Debakel bisher so folgenlos bleibt.

Schweitzer:

Es ist festzuhalten, dass wir keine Krise des neuen Senats haben, sondern ein großes Problem mit dem neuen Flughafen. Ich persönlich denke nicht, dass er zurücktreten sollte. Man darf jetzt der Versuchung nicht erliegen, die ganze Schuld auf den Regierenden Bürgermeister abzuwälzen. Klaus Wowereit hat mit seinem Rücktritt als Aufsichtsratsvorsitzender zumindest teilweise Verantwortung für das Desaster übernommen. Ich hätte mir von der Geschäftsführung, die ja die Hauptverantwortung trägt, das gleiche gewünscht, und zwar schon im Mai 2012.

Wie groß ist der Schaden für die Berliner Wirtschaft durch die neue Verschiebung?

Schwarz:

Natürlich ist das ein schwerwiegender Schaden. Vor allem für das Ansehen der Stadt. Nicht nur innerhalb Deutschlands. Auch für das Ansehen Berlins im Ausland. Darunter leidet natürlich die Internationalisierung der Stadt ganz erheblich. Für Berliner Unternehmer bedeutet das, dass sie noch jahrelang umständlich fliegen müssen. Das gilt natürlich auch genauso für ausländische Investoren, die nach Berlin kommen wollen. Das ist für die Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Berlin alles andere als förderlich.

Herr Schweitzer, Sie müssten doch ganz froh sein, sich künftig weniger um Berliner Klassiker wie BER kümmern zu müssen.

Schweitzer:

Falls die Vollversammlung des DIHK mich zum Präsidenten wählen sollte, werde ich beide Ämter ausüben. Die Funktion als IHK-Präsident ist ja kein Fulltime-Ehrenamt, eher vergleichbar mit dem eines Aufsichtsratschefs. Das Tagesgeschäft macht ohnehin der Hauptgeschäftsführer. Ich würde sicherlich weniger Termine als Berliner IHK-Präsident wahrnehmen. Außerdem gibt es ja auch drei IHK-Vizepräsidenten.

Von denen einer mit Stephan Schwarz neben Ihnen sitzt. Gibt es jetzt doch so etwas wie eine Fusion beider Kammern?

Schwarz:

Es geht hier nicht um eine Fusion. In erster Linie bin ich Handwerkskammerpräsident. Aber bei vielen Themen - Ausbildung, Infrastruktur beispielsweise - kann ich für beide Kammern sprechen. Das ist doch besser als zu jener Zeit, als das noch nicht so war. Die Arbeit wird sicherlich künftig stärker zwischen Stephan Schwarz und mir geteilt werden. Viele Themen sind ja ohnehin für Handwerkskammer und IHK deckungsgleich - entsprechend wird er häufig Termine für beide Kammern wahrnehmen. Beide Kammern sprechen mit einer Stimme für die Wirtschaft der Stadt, für die Unternehmen.

Cornelia Yzer, die Wirtschaftssenatorin. hat Berliner Selbstzufriedenheit bemängelt und Kritik an Masterplänen und Clusterinitiativen geübt. Hat sie recht?

Schweitzer:

Sie fordert ja eine Umsetzung der Pläne - und damit hat sie Recht. Ich verweise aber auf Berlins gute Wirtschaftsentwicklung seit 2005. Ganz so falsch kann dann ja zum Beispiel die Clusterstrategie, wo es um die Förderung besonders vielversprechender Branchen geht, nicht gewesen sein. 2005 hatten wir 90 Prozent der Wirtschaftsleistung des Bundes, jetzt wachsen wir durchaus auch über dem Bundesdurchschnitt. Zudem sind seit 2005 gut 200.000 neue Jobs entstanden. Aber ich stimme Frau Yzer zu. Es geht jetzt darum, endlich Pläne für mehr Wertschöpfung in der Stadt umzusetzen.

Derzeit erfreuen sich alle an der Berliner Start-up-Szene, jungen Gründern vor allem von Internetfirmen. Die sind ohne einen Masterplan entstanden. Vielleicht sollte sich die Politik einfach raushalten?

Schweitzer:

Man ist in der Tat geneigt zu sagten: Manchmal entwickeln sich Dinge, weil sich keiner kümmert. Im Ernst: Berlin ist schon länger Gründerhauptstadt. Das liegt vor allem an der starken Wissenschaftslandschaft. Worauf wir uns mehr einstellen müssen, ist die Tatsache, dass Berlin viele internationale Unternehmer anzieht. Und die schrecken Sie doch ab, wenn Sie versuchen zu erklären, wie die Berliner Verwaltungsstruktur aufgebaut ist. Schneller, weniger bürokratisch und häufiger auf Englisch – darum muss sich vor allem die Verwaltung bemühen. Die Politik muss sich jetzt um die Start-up-Szene kümmern, damit sie noch stärker gedeiht. Das Phänomen lehrt uns etwas Grundsätzliches: künftig geht es darum, Fachkräfte anzulocken. Regionen, denen es nicht gelingt, werden ein Wachstumsproblem bekommen. Berlin hat eine hervorragende Ausgangsposition. Die Stadt ist begehrt. Unternehmen finden hier Fachkräfte und können sie hierher locken. Das hat übrigens auch viel mit der Kulturszene zu tun. Kultur ist in dem Sinn ein harter Wirtschaftsfaktor. Jetzt müssen noch Verwaltung und Politik verstehen, dass wir in Berlin mit der ganzen Welt um Talente wetteifern. Heißt: Verwaltung darf nicht nur von Spandau bis Treptow denken, sondern muss sich dieser neuen Rolle der Stadt bewusst werden.

Schweitzer:

Der öffentliche Dienst braucht eine Personalentwicklung nicht aus dem letzten Jahrtausend sondern eine aus dem 21. Jahrhundert. Es geht zum Beispiel darum zu verstehen, dass heutzutage nicht nur Unternehmer aus Deutschland Investitionen erwägen, sondern auch ausländische Unternehmer, die sich zwischen Berlin, Singapur und dem Silicon Valley bewegen. Solche Leute muss man richtig ansprechen können.

Für viele ist Berlin attraktiv, weil die Stadt billig ist. Zugleich haben wir eine erregte Diskussion über steigende Mieten und Gentrifizierung. Werden Immobilienpreise zum Problem?

Schwarz:

Nein. Wir erleben zur Zeit, infolge der guten wirtschaftlichen Entwicklung, lediglich eine Normalisierung. Das wird von vielen gern skandalisiert. Aber da muss Berlin mal die Nabelschau beenden und beispielsweise die Immobilienpreise in Hamburg oder München vergleichen. Dann weiß man: Die Stadt ist immer noch recht günstig und erst recht im Vergleich zu London, Paris oder Moskau.

Sie nennen es Normalisierung, dennoch ängstigt viele der Prozess. Muss es denn so werden wie in München, heißt es dann.

Schweitzer:

Das sind zwei Seiten einer Medaille. Wächst die wirtschaftliche Kraft einer Stadt, dann gibt es mehr Beschäftigung und höhere Einkommen. Vereinfacht gesagt: Viele Menschen verfügen über ein höheres Einkommen als früher, damit steigt die Kaufkraft und zwangsläufig gehen die Immobilienpreise hoch. Diese waren doch nicht politisch gewollt lange Zeit niedrig, sondern weil der Wohlstand in der Stadt vergleichsweise gering war. Das ändert sich nun. So gesehen, ist es normal, dass die Mieten steigen.

Also alles kein Problem?

Schweitzer:

Ich habe nur den Mechanismus beschrieben. Daraus folgt: Wir brauchen dringend Neubau, gerade auch für bezahlbaren Wohnraum. Schließlich kommen pro Jahr Zehntausende neu in die Stadt. Zudem darf die soziale Durchmischung von Kiezen nicht außer Acht gelassen werden. Was aber auch nicht heißt, dass es ein Grundrecht auf Altbauwohnungen im Prenzlauer Berg für alle gibt.