Wintersport

Airbags für den Kick im Tiefschnee

Die darbende Ski-Branche entdeckt eine lukrative Nische: Sicherheitstechnik für riskante Touren abseits gesicherter Pisten

– Lawinenschutz gehört zu den heißen Themen im Wintersport. Das liegt daran, dass sich die Bergsportler immer mehr vom Trubel der Skipisten entfernen und die reine Natur suchen. Dort, wo keine Lifte fahren, steigen sie auf Schneeschuhen und Tourenski auf und genießen die Abfahrt im jungfräulichen Tiefschnee. „Wenige Sportarten erhalten derzeit einen so starken Zulauf wie Skitourengehen oder Schneeschuhlaufen“, sagt Robert Mayer, Ausbildungsleiter beim Deutschen Alpenverein (DAV). Dabei ist es ein gefährliches Hobby. Abseits von Pisten droht Lawinengefahr.

Spezialisten für den Bergsport wittern dennoch oder gerade deswegen gute Geschäfte. Viele warnen in Kampagnen und auf Videos vor Lawinengefahren. Mit Lawinenausrüstung lässt sich viel Geld verdienen. „Die Lawinen-Notfallausrüstung besteht aus einem LVS-Gerät, einer Sonde und einer Schaufel“, sagt DAV-Experte Mayer. Darüber hinaus haben Anbieter Zusatzprodukte wie Airbags, Atemsysteme und Lawinenballons im Programm. Wer den vollständigen Schutz will, ist schnell 1500 Euro los.

Der Trend hilft der Skibranche. Der Markt für Alpinski nahm in den vergangenen Jahren deutlich ab. In diesem Jahr dürfte er nach Erwartung von Händlern bestenfalls stagnieren. Das liegt auch daran, dass viele Skifahrer ihre Ausrüstung lieber ausleihen statt sie zu kaufen. Einer der wenigen Wachstumstreiber ist der Trend zum Tourenski – allerdings sind die absoluten Verkaufszahlen noch vergleichsweise gering. Sicherheit hingegen ist ein Wachstumsmarkt. Seit fünf Jahren bemerkt etwa der Einzelhandelsverband Intersport den Trend. Spektakuläre Unfälle sorgten zusätzlich für mehr Umsatz. So wird Lawinenausrüstung mehr nachgefragt, seit der niederländische Prinz Friso beim Fahren abseits der Piste vor einem Jahr am Arlberg in Österreich in eine Lawine geriet.

Vor allem den Lawinen-Airbag möchten die Hersteller gerne als Standard in den Bergen etablieren. Hergestellt wird er unter anderem von der kleinen Firma ABS. Das Unternehmen stellte bereits 1985 den ersten Lawinen-Airbag vor und ist heute, mit dem Schweizer Konkurrenten Mammut, die Nummer eins in diesem Geschäftsfeld. Das zahlt sich aus. Das Unternehmen aus Gräfelfing bei München konnte den Umsatz in den vergangenen drei Jahren um jeweils mehr als 30 Prozent steigern. „Auch in diese Saison sind wir wieder super gestartet“, heißt es. Die Preise für einen Airbag sanken zuletzt von gut 900 auf rund 600 bis 700 Euro.

Zündung bei einer Lawine

Das Prinzip des Airbags ist einfach. Während der Tour befindet er sich im Rucksack. Sollte man in eine Lawine geraten, kann man per Handzug in Sekundenschnelle eine Patrone zünden, die den Airbag aufpumpt. Im Idealfall wird der Tourengeher so vor Stößen geschützt und in der Lawine nach oben gespült. Der Airbag setzt auf das physikalische Prinzip der sogenannten inversen Segregation. Was das heißt, sieht man, wenn man eine Popcorntüte schüttelt: Die Körner mit dem größeren Volumen wandern nach oben. Im Fall einer Lawine kann das Leben retten. „Der Airbag-Rucksack ist das einzig wirkungsvolle System, das große Chancen bietet, dass man nicht oder zumindest nicht ganz verschüttet wird“, sagt DAV-Experte Mayer. Den Herstellern zufolge reduziert ein Airbag das Todesfallrisiko um 90 Prozent.

Der Markt ist so attraktiv, dass ABS inzwischen mächtige Konkurrenz hat. Der Schweizer Hersteller Mammut greift an. „Für uns sind Lawinen-Airbags ein großer Wachstumstreiber“, sagt Mammut-Chef Rolf Schmid. Mammut kaufte vor einem Jahr die kleine Firma Snowpulse und holte sich damit Airbag-Wissen ins Haus. Schmid zufolge wächst der Markt um 30 bis 40 Prozent jährlich, und das ungeachtet der Euro-Krise. Eine solche Dynamik gibt es nur in ganz wenigen Branchen. Das Lawinenthema macht Schmid zufolge zehn Prozent des Gesamtumsatzes bei Mammut aus. Mammut bietet nicht nur Airbags an, sondern auch LVS-Geräte, Schaufeln und Sonden und rechnet mit steigenden Umsätze mit der Sicherheit. Es geht um ein Geschäftsfeld im zweistelligen Millionenbereich.

251 Tote

Die Branche hat sehr gute Verkaufsargumente parat. Der Internationalen Kommission für Alpines Rettungswesen (IKAR) zufolge kamen im Winter 2009 und 2010 in Europa und Amerika insgesamt 251 Menschen bei Lawinenunglücken ums Leben. Jeder Zweite von ihnen war auf Tourenski unterwegs. Jeder Vierte entfernte sich als Freerider einfach von der offiziellen Skipiste.

Die Outdoor-Hersteller arbeiten auch deswegen an immer neuen Lösungen zum Lawinenschutz. Black Diamond etwa setzt auf ein spezielles Atemsystem. Donnert ein Schneebrett herunter, soll der Skifahrer ein Mundstück so schnell wie möglich in den Mund nehmen. Er kann dann, sollte er verschüttet worden sein, im Schnee atmen. Die Überlebenszeit im Schnee soll so auf bis zu eine Stunde erhöht werden. Denn bei einem Lawinenunglück kommt es auf jede Sekunde an. In den ersten 15 Minuten liegt die Überlebenswahrscheinlichkeit unter den Schneemassen bei 90 Prozent. Nach 30 Minuten sind es noch 40 Prozent, nach einer Stunde nur noch 30 Prozent. Totbergungen gehören zum Alltag der Retter.

Zum Standardwerkzeug bei der Suche gehört das Lawinenverschütteten-Suchgerät (LVS). Sie sind mit drei Antennen ausgestattet, haben eine digitale Anzeige und sind so klein wie ein Smartphone. Die LVS-Geräte können so unter dem Schnee den Sender treffsicher orten. Edelgeräte kosten rund 400 Euro, Einsteigergeräte gibt es ab 199 Euro. Geld verdienen Hersteller auch mit Reflektoren und Lawinensonden. Doch die beste Schutzausrüstung hilft wenig, wenn man damit nicht umgehen kann. Und das führt immer wieder zur Kritik der Bergwachten. Der Alpenverein bietet immer häufiger Kurse an, in denen Tourenskigeher und Freerider die Lawinenbergung lernen. Trotzdem kritisiert Mayer: „Es wird zu viel auf die Ausrüstung vertraut.“ 100 Prozent Schutz gibt es angesichts der Wucht von Naturgewalt in den Bergen ohnehin nicht.