Fluggesellschaften

Frisches Geld für Air Berlin

Aktionär Etihad kauft Vielfliegerprogramm für 184Millionen Euro – und verschafft Hartmut Mehdorn damit etwas Luft

– Die angeschlagene Fluglinie Air Berlin hat sich finanziell ein wenig frei geschwommen. Durch den Verkauf seines Vielfliegerprogramms nimmt Air Berlin dringend benötigtes Geld für die Konzernsanierung ein. Aus dem Verkauf der Mehrheit an dem Kundenbindungsprogramm „Top-Bonus“ fließen dem Konzern 184 Millionen Euro in die Kasse. Künftig werden die Daten der rund drei Millionen Kunden in einer neu gegründeten Gesellschaft verwaltet, an der Air-Berlin-Großaktionär Etihad 70 Prozent hält und Air Berlin 30 Prozent. „Dabei werden alle deutschen Datenschutzrichtlinien eingehalten“, versicherte Hartmut Mehdorn, Vorstandschef von Air Berlin.

Ungewöhnlicher Schritt

Vielfliegerprogramme enthalten wertvolle Daten von oftmals zahlungskräftigen Kunden. Airlines nutzen dies für Marketingaktionen. Zum einen gibt es nach einer gewissen Zahl absolvierter Flugkilometer Freiflüge. Zum anderen werden den Kunden darüber Angebote unterbreitet. Dadurch, so das Kalkül der Airlines, bleiben Fluggäste einer Linie treu. Zugleich kann durch neue Geschäfte mehr Umsatz gemacht werden. Das bekannteste Vielfliegerprogramm in Deutschland ist „Miles and More“ von Lufthansa. Dass eine Gesellschaft das Vielfliegerprogramm veräußert gilt als ungewöhnlich. Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn betonte, dass Air Berlin durch die Ausgliederung nichts verliere, gleichzeitig aber besseren Service bieten könne. Allerdings dürfte das Geschäft vor allem der finanziell schwierigen Lage von Air Berlin geschuldet sein.

Das Unternehmen hat mehr als 800 Millionen Euro Schulden und fliegt mit Verlust. Etihad war im Dezember 2011 groß bei Deutschlands zweitgrößter Fluglinie eingestiegen. Der Partner, der ähnlich wie die beiden anderen Golf-Airlines Emirates und Qatar Airways ständig neue Ziele und Flugzeuge ins Programm nimmt, sicherte sich damals knapp 30 Prozent der Aktien und stellte ein Darlehen über 255 Millionen Dollar (rund 200 Millionen Euro) zur Verfügung. Der Kredit ist größtenteils aufgezehrt. Die beiden Gesellschaften haben in den vergangenen zwölf Monaten ihre Flugpläne aufeinander abgestimmt und erledigen teilweise die Wartung der Flugzeuge zusammen, um die Kosten zu senken. Die Partnerschaft habe sich ausgezahlt, betonte Mehdorn. „Wir haben mehr erreicht, als wir uns erhofft haben.“ Gemeinsam hätten beide Unternehmen mehr als 100 Millionen Euro an zusätzlichen Erlösen erwirtschaftet.

Der Berliner Luftfahrtkonzern will mit dem Geldregen aus dem Verkauf seine Ertragssituation verbessern. Die von Joachim Hunold gegründete Airline hat sich nach einer übereilten Expansion einen harten Sanierungskurs verordnet. Großes Ziel von Mehdorn ist der Sprung in die schwarzen Zahlen. „Wir gehen heute davon aus, dass wir 2012 einen Gewinn darstellen können“, sagte der Ex-Bahn-Chef, ohne zu verraten, ob es sich um das operative oder das Nettoergebnis handelt. Im nächsten Jahr solle das Ergebnis verbessert werden, dafür seien aber noch bestimmte Maßnahmen nötig.

Welche dies seien und ob ein Personalabbau dafür erforderlich sei, werde das Unternehmen Anfang 2013 verkünden. Ein Nachrichtensender hatte im November berichtet, Air Berlin wolle 900 Stellen abbauen – das wäre jeder zehnte Job. Legt man die schon bekannte Zahl der Flugzeuge zugrunde, auf die Air Berlin verzichten will, so geht es um mindestens 500 Stellen. In einem internen Brief an die Mitarbeiter hatte Mehdorn vor kurzem bereits angekündigt, dass die Flotte der Air Berlin um weitere zwanzig Flugzeuge auf dann 138 Maschinen reduziert werden soll. „Die Welt um uns herum verändert sich mit hoher Geschwindigkeit, wir müssen uns anpassen, sonst werden wir nicht bestehen können“ sagte Mehdorn. In Berlin sind mehr als 2000 Menschen für das Unternehmen tätig. Wegen des drohenden Stellenabbaus gründen die Mitarbeiter in der Hauptstadt gerade in großer Eile Betriebsräte. Im Gesamtjahr hat Air Berlin zuletzt 2007 einen Nettogewinn eingeflogen.

Die neue „Top-Bonus“-Gesellschaft mit Sitz in London soll nun einen Kredit bei der HSBC und der Commerzbank in Höhe von 150 Millionen aufnehmen, der an die Berliner weitergereicht wird. Die laut Ulf Hüttmeyer, Finanzchef von Air Berlin, „sehr günstigen Zinsen“ für diesen Kredit zahlt dann künftig die neue Gesellschaft. Laut Hüttmeyer soll ein Teil des Verkaufserlöses zu Stärkung des stark angegriffenen Eigenkapitals der Berliner verwendet werden. Die Börse applaudierte: Air-Berlin-Aktien schnellten zeitweise um acht Prozent nach oben. Auch der Verkauf von Flugzeugen soll Geld in die Kasse bringen.

Blamage BER

Hartmut Mehdorn erneuerte am Dienstag mit harten Worten seine Kritik an der verzögerte Inbetriebnahme des neuen Hauptstadtflughafens BER. „Es fängt bei der Blamage an und endet mit einem wirtschaftlichen Schaden, den wir und viele andere erleiden“, sagte Mehdorn. „Wir sind tief enttäuscht, dass sich da überhaupt gar kein Schuldbewusstsein einstellt“. Es sei ein Trauerspiel, dass Air Berlin zur Schadenersatzklage gezwungen werde. „An sich müssten wir einen guten Dialog mit dem Flughafen haben, wo wir die Dinge so regeln, wie sich das unter Geschäftspartnern gehört“, sagte Mehdorn. Aber auf Seiten des Betreibers habe es „null Bewegung, null Verständnis“ gegeben.

Air Berlin hat Anspruch auf Schadenersatz gegen die Flughafen Berlin Brandenburg GmbH angemeldet. Durch die wiederholte Verschiebung des Eröffnungstermins des Airports seien bisher Schäden in einem „großen zweistelligen Millionenbetrag“ entstanden, sagte Mehdorn. Die Deutsche Bahn, die am Flughafen einen Bahnhof gebaut hat, hält dagegen laut internen Papieren eine Klage für wenig aussichtsreich. Schadenersatz durchzusetzen sei nur „eingeschränkt rechtlich begründbar“, heißt es dort.