Überfall

Provinzial-Chef mit Schraubendreher niedergestochen

Rüther wollte Belegschaft über Verkauf informieren

Mitten im Verkaufspoker um die Provinzial Nordwest sorgt ein tätlicher Angriff auf den Konzernchef für Entsetzen in der Zentrale des Sparkassen-Versicherers. Vorstandschef Ulrich Rüther wurde am Mittwoch kurz vor einer Betriebsversammlung in Münster von einem Unbekannten mit einem kleinen Schraubendreher leicht verletzt, wie die Polizei und die Staatsanwaltschaft in Münster bestätigten. Betriebsratschef Albert Roer berichtete, ein Vermummter habe Rüther in die Brust gestochen. Ob es einen Zusammenhang zu den Verkaufsplänen gibt, blieb zunächst unklar. „Das ist eine Situation, die uns alle umgeworfen hat“, sagte Roer.

Das Gerangel um die Zukunft des zweitgrößten öffentlichen Versicherers, um den der Branchenriese Allianz buhlt, spitzt sich unterdessen zu: Die Gewerkschaft Ver.di rechnet schon in der kommenden Woche mit einer Entscheidung. Die milliardenschweren Verkaufspläne der Provinzial-Eigner hatten bei Arbeitnehmern und im Sparkassenlager für Aufregung gesorgt. Die Gewerkschaft Ver.di bangt um Tausende Stellen, wenn die Allianz zum Zuge kommen sollte. Die Sparkassen fürchten einen Einbruch in die Phalanx der öffentlichen Versicherer, die ihre Policen vor allem an den Sparkassenschaltern verkaufen. Noch am Mittwoch sollten die Betriebsratschefs der fünf größten öffentlichen Versicherer Deutschlands zu einer Krisensitzung in Münster zusammenkommen. Angeblich will die Allianz 2,25 Milliarden Euro für die Provinzial zahlen.

Der Überfall auf Rüther hatte sich am Morgen ereignet, als er aus der Tiefgarage in sein Büro gehen wollte. Der Polizei zufolge konnte er das Krankenhaus nach kurzer Behandlung wieder verlassen. Die Provinzial Nordwest teilte der Belegschaft in einer E-Mail mit, der Chef werde in den nächsten Tagen wieder seiner Arbeit nachgehen können. Betriebsratschef Roer sagte, es gebe keine klaren Anhaltspunkte dafür, dass es einen Zusammenhang mit der Betriebsversammlung gebe.

Rüther ist seit 2009 Vorstandschef der Provinzial Nordwest Holding. Der 1968 in Ibbenbüren geborene Manager war über den Gerling-Konzern und den Versicherer Ergo zur Provinzial Nordwest gekommen.

Rüther verpasste damit die Betriebsversammlung, auf der die Belegschaft über mögliche Verkaufsabsichten informiert wurde. „Es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass in der kommenden Woche eine Entscheidung für Verkaufsgespräche getroffen wird“, sagte Frank Fassin, der für die Gewerkschaft Ver.di im Aufsichtsrat der Provinzial Nordwest sitzt, in der Veranstaltung. Ver.di wisse von Kaufabsichten der Allianz. Fassin bestätigte damit erstmals, dass es sich bei dem Interessenten um den Münchner Branchenprimus handelt. Der Aufsichtsrat der Provinzial Nordwest plane eine außerordentliche Sitzung.

Die beiden Haupteigentümer der Versicherung kämen schon in der kommenden Woche zu getrennten Sitzungen zusammen, fügte Betriebsratschef Roer hinzu. Am 12. Dezember berate der Vorstand des Sparkassenverbandes Westfalen-Lippe, der 40 Prozent an der Nummer zwei unter den Sparkassen-Versicherern hält. Zwei Tage danach trete dann die Führung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) zusammen, der ebenfalls 40 Prozent in seinem Besitz hat. Der Sparkassenverband Schleswig-Holstein verfügt über 18 und der Ostdeutsche Sparkassenverband über zwei Prozent.