39. Unternehmertafel

Stärker für Investitionen öffnen

Unternehmer diskutieren mit Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer über „Berlin im Aufschwung“

So genau lässt sich nicht sagen, ob Berlins neue Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) nun eine heikle oder besonders dankbare Aufgabe übernommen hat. Heikel kann das Amt sein, wenn man an Unruhe und Verwerfungen denkt, die Vorgängerin Sybille von Obernitz (parteilos, für CDU) in ihrer kurzen Amtszeit heraufbeschwor. Yzer muss da einiges beruhigen. Auf der anderen Seite kann sich Yzer ihres Amtes recht sicher sein. Dürfte doch ihrer Partei, der CDU, wenig Lust verspüren, vor Ablauf der Wahlperiode eine weitere Neubesetzung des Postens vorzunehmen. Yzer hat also Spielraum.

Und den will sie nutzen, wie bei der 39. Unternehmertafel, veranstaltet von Personalberatung Kienbaum und Berliner Morgenpost, deutlich wird. „Berlin im Aufschwung“ lautete das Motto. Wirtschaft und Bevölkerung der Hauptstadt wachsen. Zahlreiche Start-ups entstehen. Da ist eine ganze Menge, das hoffen lässt. „Berlin profitiert vom Zuzug junger Menschen und ist attraktiv für junge Leute“, sagte Yzer. Aber, sagte die Wirtschaftssenatorin, Berlin müsse sich noch stärker öffnen. „Es gibt in der Stadt etablierte Kreise, in denen jeder jeden kennt. Aber die Start-up-Szene kennen sie kaum“, sagte sie. Diese beiden Welten sollten enger zusammenwachsen. „Sonst vergeben wir Chancen.“

Ijad Madisch ist ein Unternehmer, der mit den etablierten Kreisen Berliner Entscheider bislang nichts zu tun hat. Madisch hat in Harvard Medizin studiert und in Berlin das Start-up ResearchGate hochgezogen. Sein Unternehmen betreibt ein Internetportal, über das sich Forscher miteinander austauschen können. Mehr als zwei Millionen sind bereits registriert, namhafte Investoren haben Geld in ResearchGate gesteckt. Berlin oder Silicon Valley – einen dieser beiden Standorte hätten seine Investoren zur Bedingung gemacht. „Bislang sind deutsche Internetfirmen oft die Kopien amerikanischer Ideen. Das sollten wir ändern und das nächste Google aus Berlin starten“, sagte Madisch.

Doch was kann die Wirtschaftspolitik für solche Unternehmen tun? Madisch kam ohne Unterstützung von Fördereinrichtungen klar. „Die Instrumente hier bringen auch für Start-ups kaum etwas.“ Es gehe um schnelle Entscheidungen. Beispielsweise darum, innerhalb weniger Tage einige Zehntausend Euro für eine Gründung zu erhalten. „Bei öffentlicher Wirtschaftsförderung verliert man zu viel Zeit für das Ausfüllen von Anträgen.“

„Man muss ehrlich sagen: Diese dynamische Szene von Internet-Start-ups ist uns einfach passiert, weil Berlin so ist, wie es ist“, sagte Hardy Schmitz, Geschäftsführer der Wista Management, die unter anderem den Technologiepark Adlershof betreibt. Entscheidend für die Weiterentwicklung der vielen frisch gegründeten Unternehmen sei, ob sie für ihr Wachstum genügend Kapital bekämen. Alle waren sich einig, dass das Land Berlin dazu nur indirekt beitragen könne. „Wir müssen uns noch stärker für Investitionen von außen öffnen“, sagte Yzer. Also signalisieren, dass man Kapitalgeber auch wirklich wolle.

Wichtig für Berlin sind aber auch Unternehmen, die schon lange hier sind. So wie die amerikanische Aufzugsfirma Otis, die seit mehr als 100 Jahren in Berlin produziert. „Ich glaube, wir können hier mit unserem Industriebetrieb wachsen“, sagte Deutschlandchef Hartmut Engler. Allerdings sei es schwierig, in Berlin selbst Aufzüge zu verkaufen. „Wir exportieren in alle Staaten der Welt. Warum können wir mit dem Land Berlin keine Geschäfte machen?“ fragte Engler. Stefan Oelrich, deutscher Marketingchef des französischen Pharmakonzerns Sanofi-Aventis, berichtete dagegen von erfolgreichen Kooperationen mit Wissenschaftlern der Charité. Aber: Zu oft nehme die Politik die Gesundheitswirtschaft nur als Kostenfaktor wahr.

Zu wenig Außendarstellung

Alle waren sich einig: In Berlin und aus der Stadt heraus wird insgesamt viel zu wenig kundgetan, was für erfolgreiche Unternehmen es hier gibt und wie rasant diese Firmen wachsen. Dazu zählt auch die Lufthansa, trotz aller Probleme, die derzeit der neue Flughafen BER mit sich bringt. Thomas Kropp, Konzernbevollmächtigter der Fluggesellschaft für Berlin und Brandenburg, berichtete von einer Erfolgsgeschichte: „1990 hatten wir – politisch bedingt – nur 60 Mitarbeiter in Berlin. Jetzt sind es 3500.“ Nicht nur bei seinem eigenen Unternehmen hat er beobachtet: „Dienstleistungsunternehmen sind hier in einer Art und Weise gewachsen wie nirgendwo sonst in Deutschland.“

Angesichts der Dynamik in der Stadt wies Christian Amsinck auf etwas Interessantes hin. Die offizielle Wirtschaftsstatistik verwende veraltete Branchenbezeichnungen entlang klassischer Schemata von Industrie und Dienstleistungen. „Dadurch erhält vielleicht auch die Politik falsche Signale“, sagte Amsinck, der die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) als Hauptgeschäftsführer leitet. Viele Start-ups lassen sich nicht ohne weiteres in solche Kategorien eingliedern. Stephan Schwarz, Geschäftsführender Gesellschafter der GRG Gruppe und Präsident der Berliner Handwerkskammer mahnte an, dass Wirtschaftspolitik ein Anliegen für alle Senatsverwaltungen sein müsse und nicht nur der Behörde von Cornelia Yzer.

„Wir müssen in Berlin noch mehr Stimmung für Unternehmen und Wirtschaft machen“, umriss die Senatorin einen Schwerpunkt ihrer künftigen Arbeit. Berlin müsse insgesamt eine wirtschaftsfreundlichere Stadt werden. Dazu gehöre auch, eingeschliffene Gewohnheiten infrage zu stellen. „Berlin ist die Stadt der Masterpläne“, sagte Yzer. Sie wolle das um „Umsetzungskataloge“ ergänzen – mit klaren Zeitvorgaben, wann welche Ziele erreicht werden müssen.