Investition

Siemens kauft sich Hoffnung

Der Konzern investiert Milliarden in die Bahntechnik. Und verkauft dafür andere Unternehmensteile

Nach einigen Fehlinvestitionen in der Vergangenheit bemüht sich Siemens darum, jetzt alles richtig zu machen. Für 2,2 Milliarden Euro kauft der Technologiekonzern die Bahntechniksparte des britischen Unternehmens Invensys. Vorstandsmitglied Roland Busch sagte, man werde ein europäisches „Powerhaus“ im Bereich der Bahntechnik schaffen. Er leitet die Siemens-Sparte Infrastruktur & Städte, zu der die Bahntechnik gehört.

In den vergangenen Jahren hatte der Konzern im Gegensatz zu manchen Konkurrenten nur eine sehr schwache Erfolgsbilanz bei Zukäufen. Der Konzern kaufte den Medizin-Diagnostikexperten Dade Behring und musste dann einen Milliardenbetrag abschreiben. Bei der israelischen Solartochter Solel zog sich Siemens nach hohen Verlusten zurück. Vorstandschef Peter Löscher steht deshalb unter Druck, das Geschäft nun zum Erfolg zu führen. Die Übernahme ist die größte vollständig unter seiner Führung. Löscher will das Geschäftsvolumen von Siemens auf 100 Milliarden Euro steigern. Im Geschäftsjahr 2011/12 (30. September) setzte der Konzern 78,3 Milliarden Euro um.

Der Zukauf jetzt ist ein Teil der von Löscher zum Monatsbeginn angekündigten Strategie „Siemens 2014“. Sie sieht neben Einsparungen von insgesamt sechs Milliarden Euro auch vor, das kerngeschäft zu stärken. Löscher reagiert damit auf die schlechte Konjunkturlage und die Tatsache, dass sich das gGeschäft schlechter entwickelt als erwartet. In einer Mitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC stellte der Konzern klar, er rechne erst im kommenden Geschäftsjahr mit spürbaren Verbesserungen.

Mit dem Zukauf stärkt Löscher das Bahngeschäft, das dem Manager zuletzt wenig Freude bereitete. So musste Siemens eingestehen, einen Liefertermin für neue ICE-Schnellzüge an die Deutsche Bahn nicht einhalten zu können. Das ist für das Unternehmen peinlich, auch wenn Spartenchef Busch bislang keine Abschreibungen deswegen erwartet. Der Umsatz im Bahn- und Mobilitätsgeschäft war im vergangenen Geschäftsjahr um ein Prozent, der Auftragseingang gar um mehr als ein Viertel gefallen. Das Bahngeschäft verdient Geld, mit einer Gewinn von 5,5 Prozent vom Umsatz allerdings vergleichsweise wenig. Wie es im Konzern heißt, ist Löscher mit dieser Entwicklung überhaupt nicht zufrieden.

Künftig soll es besser laufen. Invensys Rail ist mit 3200 Beschäftigten und einem Umsatz von knapp unter einer Milliarde Euro auf softwarebasierte Signal- und Leittechnik für den Schienenverkehr spezialisiert. Der kombinierte Marktanteil von Siemens und Invensys liegt bei 17 Prozent und ist damit doppelt so hoch wie der der nächsten Konkurrenten Alstom und Ansaldo STS. Der Konzern erhofft sich durch das Geschäft den Zugang zu neuen Märkten. Invensys Rail ist vor allem stark in Großbritannien, den USA, Australien und Spanien.

Siemens möchte darüber hinaus gemeinsam mit den Briten Synergien im Umfang von 100 Millionen Euro heben. Bis 2016 sollen zwei Drittel realisiert werden, der Rest bis 2018. Ob Stellen gestrichen werden, sagte Busch nicht. Der Konzern zahlt den Kaufpreis aus den bestehenden Bargeldbeständen.

Siemens will auch das Geschäft mit der Gepäck-, Brief- und Paketsortierung verkaufen. „Es gibt bessere Besitzer als uns“, sagte Busch zu dem Geschäft, in dem vor allem mittelständische Betrieb aktiv sind. Siemens habe unter anderem wegen des hohen mechanischen Anteils an der Produktion kaum Synergien mit anderen Konzernteilen erzielen können. Die Deutsche Bank kalkuliert, dass Siemens zwischen 300 und 400 Millionen Euro für die Firmenteile erhält. In den zum Verkauf stehenden Firmenteilen arbeiten insgesamt 3600 Mitarbeiter.