Personalie

Ein neuer Chef für den BDI

Ulrich Grillo soll den Industrieverband leiten. Er muss der Branche wieder mehr Einfluss in der Politik verschaffen

Im Rheinzink-Werk in Datteln bei Dortmund wird Zink veredelt. In tonnenschweren Barren aus Minen und Schmelzöfen in Peru, Indien oder Russland angeliefert, wird das Metall hier geschmolzen mit anderen Metallen vermischt und dann, noch immer gefährlich heiß, in lange Bänder ausgewalzt. Wie eine übergroße Bandnudel wird das Metallband über Bänder und Rollen durch die Fabrikhallen getragen, um dann ausgekühlt zu dicken Rollen aufgerollt zu werden. Der Rollenwechsel ist ein Schauspiel und das Getöse dabei enorm. Wenn Ulrich Grillo, der Vorstandsvorsitzende der Grillo-Werke, zu denen Rheinzink gehört, Besuchern das Schauspiel vorführt, rät er ihnen, die Ohren zuzuhalten.

Ganz so spektakulär dürfte der Wechsel an der Spitze des Industrieverbands BDI nicht ausfallen, und Grillo wird sich vermutlich auch wünschen, dass er ruhiger abläuft. Denn Grillo selbst wird Anfang kommenden Jahres Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, einer der einflussreichsten Lobby-Gruppen der deutschen Wirtschaft. Am Montag hat die Mitgliederversammlung des Spitzenverbandes der Industrie den bisherigen Vizepräsidenten Grillo zum Präsidenten gewählt – alles andere als eine Überraschung. Die Mitglieder des Verbands hatten sich bereits lange vorher auf den neuen Präsidenten festgelegt.

Auch wenn das Getöse vermutlich ausbleiben wird, bedeutet der Wechsel an der Spitze einen Umbruch für den BDI – und das gleich in zweifacher Hinsicht: Während Hans-Peter Keitel, der den BDI noch bis Ende des Jahres leitet, zuvor Manager und Vorstandsvorsitzender beim Baukonzern Hochtief, einem der 30 größten börsennotierten Firmen Deutschlands, war, kommt Grillo aus einer Unternehmerdynastie und führt sein eigenes Unternehmen.

Zudem ist es ein Generationenwechsel: Grillo ist 53 Jahre alt, Keitel 65. Die Führung des Verbandes wird damit jünger – womit der BDI nicht allein ist. Auch bei den anderen großen Verbänden der deutschen Wirtschaft treten die Älteren ab: Bei Gesamtmetall, dem Arbeitgeberverband der Metall- und Elektroindustrie, wurde Rainer Dulger (48) Nachfolger von Martin Kannegiesser, 71. Der Berliner Unternehmer Eric Schweitzer (47) soll im März Hans Heinrich Driftmann (68) an der Spitze des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) nachfolgen.

Ob sich mit dem Generationenwechsel beim BDI auch der Stil ändert, bleibt allerdings abzuwarten. Keitel gilt als gravitätisch, kühl und zurückgenommen, die hitzige Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit ist nicht seine Sache. Und auch Grillo hat angekündigt, dass man ihn in Talkshows nicht jede Woche sehen werde. „Unterschiedliche Positionen lassen sich zum Teil besser hinter den Kulissen klären“, sagt er.

Hans-Olaf Henkel, einer der prominentesten Vorgänger von Grillo und in seiner Zeit im BDI dauerpräsent in den Talkshows, hält diese Zurückhaltung für falsch. „Es irritiert mich, wenn Verbandsvertreter meinen, es sei besser, nur hinter den Kulissen zu verhandeln. Die Vertreter der Gewerkschaften, Umweltverbände und Verbaucherorganisationen tun das doch auch nicht“, warnt Henkel den neuen BDI-Chef. „Wenn schon die Chefs großer Firmen kneifen – und das tun sie fast ausnahmslos – dann müssen zumindest die gewählten Verbandsvertreter klare Worte in Richtung der Politik sprechen.“ Für Henkel ist die zu enge Bindung der BDI-Führung an die Politik mit dafür verantwortlich, dass der Industrieverband in Berlin an Einfluss verloren hat.

In der Tat muss der BDI viele Interessen unter einen Hut bringen: Zu seinen Mitgliedern gehören die Verbände vieler Branchen, die häufig unterschiedliche und zu oft sogar gegensätzliche Interessen vertreten. Die metallverarbeitende Industrie, zu der auch Grillos eigenes Unternehmen gehört, leidet stark unter der Energiewende und den steigenden Strompreisen. Andere Mitglieder profitieren sogar von der Energiewende. Entsprechend diplomatisch äußert sich Grillo zu diesem Thema, das für ihn neben der Schuldenkrise in der Euro-Zone das wichtigste der kommenden Monate überhaupt ist. Aber Ohren zuhalten wird in Berlin nicht gehen.