Vorstand

Sturz einer Vorzeigefrau

Barbara Kux war der erste weibliche Siemens-Vorstand. Doch ihr Vertrag wird womöglich nicht verlängert

Der Münchener Industriekonzern Siemens droht die erste Frau zu verlieren, die den Einzug in den Vorstand des Unternehmens schaffte. Aus dem Umfeld des Aufsichtsrats wurden Medienberichte bestätigt, wonach der Vertrag mit Einkaufschefin Barbara Kux, der im November 2013 ausläuft, nicht mehr verlängert werden könnte. Die Kontrolleure treffen sich am 28. November. Für die Sitzung hat Aufsichtsratsvorsitzender Gerhard Cromme, wie aus dem Unternehmen zu erfahren ist, vorsorglich mehr Zeit als üblich angesetzt. Nicht nur die Personalie Kux könnte besprochen werden. Es geht auch um die Umsetzung und die Auswirkungen des Sparprogramms „Siemens 2014“, das Kostensenkungen von sechs Milliarden Euro bringen soll.

Die 58 Jahre alte Zürcherin war 2008 zu Siemens gestoßen. Sie war für den Einkauf zuständig sowie für das Thema Nachhaltigkeit. Während sie bei der Nachhaltigkeit punkten konnte und Siemens seither Spitzenplätze in den wichtigen Rankings einnimmt, mehrte sich zuletzt die Kritik. Sie zentralisierte den Einkauf und sortierte reihenweise Lieferanten aus, was ihr nicht nur Freunde innerhalb und außerhalb des Konzerns bescherte. Kux war die erste Frau im Vorstand von Siemens in der 165-jährigen Geschichte des Konzerns. Neben Kux ist mit Personalchefin Brigitte Ederer nur noch eine weitere Frau im Siemens-Vorstand vertreten.

Frauen sind in den Vorstandsetagen der deutschen Dax-Konzerne noch immer eine Seltenheit. Wenn sie zum Zuge kommen, dann übernehmen sie häufig das Personalressort. So haben neben Siemens etwa auch BASF, BMW, E.on, Henkel, die Deutsche Telekom und SAP weibliche Vorstände, die auch für Personalthemen zuständig sind. Beim Autobauer Daimler und der Versicherung Allianz sind mit Christine Hohmann-Dennhardt und Helga Jung zwei Frauen für Rechts- und Compliance-Themen zuständig. Simone Menne leitet das Finanzressort der Deutschen Lufthansa.

Auch wegen dieser dünnen Vertretung in den Spitzengremien sorgen Abgänge von weiblichen Vorständen immer wieder für Aufsehen. SAP-Personalchefin Angelika Dammann verließ etwa im vergangenen Jahr nach heftiger Kritik an ihrer Amtsführung und der Nutzung von Dienstflugzeugen das Unternehmen. Und Melody Harris-Jensbach verließ den Sportartikelhersteller Puma, nachdem sie bei der Wahl des neuen Vorstandschefs nicht berücksichtigt worden war.

Politische Dimension

Die mangelhafte Vertretung von Frauen in Top-Positionen ist immer wieder ein stark diskutiertes politisches Thema. In allen deutschen Dax-Konzernen ist der Anteil der weiblichen Führungskräfte geringer als der Anteil der weiblichen Beschäftigten insgesamt. Auch in Brüssel wurde zuletzt über die Einführung einer Frauenquote diskutiert. Die Europäische Kommission etwa setzt sich dafür ein, den Frauenanteil in Aufsichtsräten auf 40 Prozent zu erhöhen.

Die Diskussion um einen Abgang von Kux fällt in eine turbulente Zeit. Siemens hatte zwar mit 5,2 Milliarden Euro das zweitbeste Ergebnis der Unternehmensgeschichte abgeliefert, verfehlte aber seine Gewinnziele deutlich. Im Vergleich zu den Wettbewerbern wie GE oder ABB ist Siemens zurzeit schwächer. Das Effizienzprogramm „Siemens 2014“ soll dagegensteuern und binnen zwei Jahren einen kräftigen Sprung bei der Gewinnmarge herbeiführen. Hierzu sollen auch Einsparungen im Einkauf von drei Milliarden Euro beitragen. Das Sparprogramm dürfte auch Jobs kosten.

Kux hatte beim Siemens-Konzern eine schwere Position, weil sie im Gegensatz zu anderen Kollegen, die etwa Geschäftssparten führen, ihre Leistungen nicht immer mit konkreten Zahlen belegen konnte. Auch deswegen habe sie in der Außenwahrnehmung gelitten, heißt es aus dem Konzern.

Als Erfolg der Managerin wird nun allerdings angeführt, dass sie vergangenes Jahr die Einkaufskosten um 1,3 Milliarden Euro senken konnte. Sie schaffte das, etwa indem sie den Einkaufsanteil in Schwellenländern seit 2008 von 20 auf 26 Prozent steigerte – für Siemens sind das zukünftig die wichtigsten Absatzmärkte. Außerdem setzte sie intensiv auf sogenannte elektronische Auktionen bei Vergabeverfahren, sodass deren Anteil am Gesamtvolumen in ihrer Amtszeit von weniger als einem auf 14 Prozent stieg. Das Beschaffungsvolumen von Siemens liegt jährlich bei rund 40 Milliarden Euro.

Siemens-Chef Peter Löscher hatte auf der Bilanz-Pressekonferenz vor wenigen Wochen angekündigt, dass das Gros der Einsparungen vom Einkauf kommen soll. Er kündigte eine Umstrukturierung der Beschaffung an. So soll die Lieferantenkette enger verknüpft werden mit den Ingenieursabteilungen bei Siemens, um so die Kosten für die Produktentwicklung zu senken und auch die Zeit zu verringern, die ein Produkt von der Entwicklung bis zur Markteinführung benötigt. Dass dieser neue Sparkurs auch Konflikte mit Lieferanten nach sich ziehen dürfte, gilt als ausgemacht.

Kux verdiente vergangenes Jahr 3,9Millionen Euro und lag damit hinter Löscher an Rang zwei im Vorstand. In Deutschland gilt sie als eine der am besten verdienenden Managerinnen. Kux ist zwar eine Vorzeigefrau für Siemens, aber beileibe keine Quotenfrau. Ihr beruflicher Werdegang brachte sie unter anderem zu Nestlé, McKinsey, ABB, Ford und vor Siemens zum Konkurrenten Philips. Sie sitzt zudem im Aufsichtsrat des Mineralölkonzerns Total und betonte zuletzt, sie wolle sich auf Mandate als Aufsichtsrätin konzentrieren.