Arbeitsmarkt

Deutschland fehlen 120.000 Fachkräfte

Zwar steigt die Zahl der Studienanfänger, aber auch die der Abbrecher. Nun sollen Zuwanderer aushelfen

In den deutschen Unternehmen fehlen aktuell 120.000 Fachkräfte aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (Mint). Insgesamt waren nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) 2010 rund 2,3 Millionen Mint-Akademiker erwerbstätig, das waren 295.000 mehr als noch vor fünf Jahren. Vor allem Zuwanderer und Ältere hätten zur deutlichen Zunahme der Beschäftigung beigetragen, erklärte IW-Direktor Michael Hüther. Trotzdem bestünden in den hoch qualifizierten Berufen weiterhin Engpässe. In den kommenden Jahren dürfte die Nachfrage nach Mint-Kräften durch die Energiewende und den anhaltenden Trend zur Höherqualifizierung weiter zunehmen, sagte Hüther voraus. Den Gesamtbedarf bezifferte er auf mehr als 100.000 pro Jahr. Wegen der absehbaren Entwicklung sei die „Stärkung der gewerblich-technischen Ausbildung eine wichtige Aufgabe“, mahnte Hüther.

Bei mehr als 190.000 offenen Stellen und rund 75.000 Arbeitslosen aus Mint-Berufen beträgt deren Fachkräftelücke im Oktober dieses Jahres rund 120.000 Personen, rechnet das IW vor. Innerhalb der Mint-Berufe bestehen allerdings erhebliche Unterschiede. In 17 von 24 Mint-Berufskategorien waren mehr offene Stellen als Arbeitslose gemeldet. Besonders groß sind danach die Engpässe im Bereich der Ingenieurberufe Maschinen- und Fahrzeugtechnik. Keine Engpässe gebe es hingegen bei Chemikern und Biologen.

Das IW hat die Studie für die Metallarbeitgeber, die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) den Industrieverband BDI und die Initiative MINT Zukunft schaffen erstellt.

Wachstum gefährdet

Deren Vorstandsvorsitzender, der frühere Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger, wies auf die Bedeutung der Mint-Fachkräfte für den Industriestandort Deutschland hin. „Deutschland hat kaum Rohstoffe, unser Kapital sind unsere Fachkräfte“, sagte Sattelberger. Deutschlands Kernkompetenz Mint „hat uns in den Jahren der Weltwirtschafts- und Staatsschuldenkrise Schutz vor den Folgen dieser Krisen geboten.“ Die Mint-Fachkräftelücke gefährde das Wachstum in Deutschland.

Im Jahr 2011 ist die Anzahl der Mint-Hochschulabsolventen auf 105.200 gestiegen. Da rund ein Zehntel davon Bildungsausländer seien, reiche jedoch die Anzahl der Absolventen nicht aus, den jährlichen Gesamtbedarf zu decken. Die günstigen Arbeitsmarktsignale hätten aber bereits zu einer Zunahme der Mint-Studienanfänger von 131.200 im Jahr 2005 auf 206.500 im vergangenen Jahr geführt, rechnet die Initiative vor. Angesichts des Fachkräftemangels seien dementsprechend auch die Einstiegslöhne für Mint-Akademiker gestiegen. So hätten die Ingenieure die Wirtschaftswissenschaftler in den letzten Jahren überholt. Unter den Hochschulabsolventen folgen die Mint-Fachrichtungen unmittelbar hinter den Humanmedizinern, hieß es.

Der erfreuliche Anstieg der Anfängerzahlen werden allerdings durch einen massiven Anstieg der Abbrecherquoten in den Mint-Studienfächern konterkariert, klagte Sattelberger. „Abbrecherquoten von mehr als 50 Prozent an Universitäten sind ein Skandal“, fügte er hinzu.

Gleichzeitig müsse Deutschland attraktiver für internationale Absolventen werden. Von 100 ausländischen Mint-Studienanfängern an deutschen Hochschulen steigen nur 14 in den deutschen Arbeitsmarkt ein. „Wir brauchen eine echte Willkommenskultur in Behörden, Hochschulen und Unternehmen“, sagte Sattelberger.