Personalien

Neuer Gasag-Chef sucht Alternative zum Gas

Stefan Grützmacher bastelt an neuem Geschäftsmodell

– Stefan Grützmacher begründet für einen Spitzenmanager erstaunlich offen, warum er sich für seine neue Tätigkeit entschieden hat. Bis September war Grützmacher Chef der Kieler Stadtwerke. Mehr als acht Jahre verbrachte er dort. „Dann habe ich die Augen aufgesperrt und geschaut, wo es interessante Aufgaben gibt“, erzählt Grützmacher. Ein Personalberater vermittelte ihn schließlich zur Gasag, wo er seit fünf Wochen Vorstandsvorsitzender ist. Das sei natürlich auch „interessant für die Karriereentwicklung“, räumt Grützmacher ein.

Soll sein Karriereplan aufgeht, muss Grützmacher allerdings nicht weniger als eine kleine Unternehmensrevolution schaffen. Denn die Gasag, größter kommunaler Gasversorger der Republik, hat zwei Probleme. Eins, das kurzfristig gelöst werden muss und auf das Grützmacher so gut wie keinen Einfluss hat. Problem Nummer Eins betrifft das Gasnetz der Stadt. In den nächsten Monaten muss Finanzsenator Ulrich Nussbaum (parteilos) entscheiden, ob die Gasag auch von 2014 an die Konzession dafür erhält. Ohne das Netz wäre die Gasag nur noch ein Gashändler unter vielen ohne nennenswerte Vermögensgegenstände.

Problem Nummer Zwei stellt sich auch dann, wenn die Gasag das Netz behält. Das Unternehmen braucht dringend ein neues Geschäftsmodell. Ihr Gas, rechnet Grützmacher vor, wird zu 95 Prozent zum Heizen genutzt. Häuser werden immer dicker gedämmt, Fenster immer dichter, Heizkessel immer effizienter. Somit schrumpft die Nachfrage nach Heizenergie kontinuierlich. „Spätestens in 40 Jahren wäre unser Geschäft weg“, resümiert Grützmacher. Bis zum 10. April nächsten Jahres soll er nun seinen drei Aktionären – E.on Ruhrgas, Vattenfall und die Franzosen von GDF Suez – in einer Aufsichtsratssitzung vortragen, wie er den langsamen Niedergang der Gasag aufhalten will. Bis dahin muss das Geschäftsmodell stehen, die neue Gasag-Strategie.

Die Personalie Grützmacher wurde von den Eigentümer aber auch in Hinsicht auf Gasnetz-Konzession bewusst ausgewählt. Der 48-jährige Manager hat eine berufliche Vita vorzuweisen, die von Erfahrung im Umgang mit Energieunternehmen in Voll- oder Teilbesitz der öffentlichen Hand zeugt. Sein alter Arbeitgeber, die Kieler Stadtwerke, sind zu 49 Prozent in Kommunalbesitz, 51 Prozent gehören dem Mannheimer Versorger MVV AG. Dieser wiederum ist zwar börsennotiert wird aber mehrheitlich von Stadtwerken kontrolliert. Ein hilfreicher Hintergrund, denn in der Berliner Landespolitik gibt es wachsende Sympathien für einen Wiedereinstieg Berlins in die Energieversorgung. Es existieren ausgereifte Pläne die von einem neuen Stadtwerk mit weitreichendem Energieinfrastrukturbesitz reichen, zumindest aber eine städtischen Minderheitsbeteiligung an den Strom- oder Gasnetzen vorsehen. Grützmacher sagt schon mal vorsorglich, dass nicht alles „rein privatwirtschaftlich organisiert sein müsse“. Zusammen mit dem Land die Konzession am Gasnetz zu halten, wäre für ihn alles andere als ein Problem.

Schwieriger ist da schon die Frage, wie die Gasag mittelfristig bestehen soll. Eine Idee, die das Unternehmen seit knapp zwei Jahren verfolgt: Kunden für Gas betriebene Anlagen der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) begeistern. Die erzeugen aus Gas nicht nur Wärme sondern auch Strom. Die so erzeugte elektrische Energie verkauft die Gasag. Nur finden sich bisher kaum Kunden. „Da sind wir nicht so erfolgreich, wie wir sein wollen“, sagt Grützmacher.

Er glaubt dennoch an diese Art der dezentralen Energieerzeugung, will es weiter vorantreiben. Ein „Energiekümmerer“ solle die Gasag werden, sagt Grützmacher. Möglicherweise könnte ein Unternehmen daraus werden, dass bei der energetischen Sanierung berät, teilweise finanziert und nebenbei auch Gas und Strom verkauft. Details, sagt Grützmacher, werde er in den nächsten Monaten erarbeiten und im Frühjahr verkünden.