ICE-Züge

Siemens lässt die Bahn hängen

Wieder verzögert sich die Lieferung neuer ICE-Züge. So fehlen benötigte Reserven für den Winter

Zum Ende der Woche hat es Siemens dann doch noch geschafft. Am Freitag wurden der Deutschen Bahn zwei weitere ICE-Züge der neuesten Generation übergeben. Damit verfügt der Konzern nun über drei der vor rund vier Jahren bestellten 16 Superschnellzüge – doch das ist keine Erfolgsmeldung, sondern vielmehr das Eingeständnis eines neuen Rückschlags für Siemens.

Denn eigentlich sollten bis zum Fahrplanwechsel am 9. Dezember acht der Züge einsatzbereit sein. Doch dieser Zeitplan ist nicht mehr zu halten. Damit ist klar, dass der Bahn auch in diesem Winter die dringend nötigen Reserven im Fernverkehr fehlen. Herrscht über Tage scharfer Forst, sind Zugausfälle und Verspätungen praktisch programmiert.

Grund sind der chronische Mangel an Fernzügen bei der Bahn, vor allem aber das Dauerproblem des Lieferanten Siemens bei den neuen ICE-Zügen. Es ist noch gar nicht lange her, da hatte Siemens der Bahn im Beisein von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) zugesichert, die ersten acht der Züge würden am 23. November die Zulassung vom Eisenbahn-Bundesamt (EBA) erhalten und stünden zum Fahrplanwechsel bereit. Doch nach Informationen der Berliner Morgenpost gibt es erneut technische Probleme. Die Software der hochkomplexen Züge, die unter anderem die Bremsen und das Leitsystem steuert, bereitet Schwierigkeiten. „Die Zeit von Bestellung bis Lieferung war einfach zu kurz. Die Komplexität der Materie wurde unterschätzt“, räumt ein Siemens-Mitarbeiter unter der Hand ein. Offiziell heißt es seitens des Hochtechnologiekonzerns: „Die Übernahmeprüfungen dauern an.“

Das Verhältnis von Bahn und Siemens hat damit einen neuen Tiefpunkt erreicht. Denn offiziell ist die Bahn noch gar nicht darüber informiert, dass die Münchner nach mehrmaligen Verschiebungen auch den neuen Termin reißen werden.

Brief von Grube an Löscher

„Wir haben keine entsprechende Mitteilung“, heißt es bei der Bahn. Nur auf Arbeitsebene habe man dem Großkunden Deutsche Bahn inzwischen signalisiert, dass die technischen Probleme nicht so schnell in den Griff zu kriegen seien. Inzwischen hat Bahn-Chef Rüdiger Grube einen Brief an Siemens-Chef Löscher geschrieben und um Aufklärung gebeten.

Die bestellten Züge, jeder mit einem Wert von rund 35 Millionen Euro, sollten seit Monaten im Einsatz sein. Nachdem klar war, dass Siemens an der zweifellos kniffligen Herausforderung bislang gescheitert ist, die Züge fristgerecht für den Einsatz auf mehreren Schienennetzen in Europa fit zu machen, beschloss die Bahn, die Züge als Reserve im Inland zu nutzen. Das ist auch dringend nötig, denn die Fernflotte der Deutschen Bahn ist auf Kante genäht, es gibt kaum Puffer, wenn Züge ausfallen. Hauptgrund sind die Probleme mit den Achsen beim ICE 3 und ICE T. Nach einem Achsbruch müssen die Züge per Erlass des EBA in kurzen Abständen zum Sicherheitscheck. In dieser Zeit fallen die Züge für den Einsatz aus, auf diese Weise fehlen der Bahn derzeit rein rechnerisch zwölf ICE – der Mangel sollte durch die neuen Modelle von Siemens gemildert werden.

Während die winterlichen Vorzeichen für die Bahn also schlecht stehen, hat Siemens einen Auftrag über die Lieferung von 675 Lokomotiven an die russische Eisenbahngesellschaft OAO Russian Railways erhalten. Die Bestellung hat einen Gesamtwert von etwa 2,5 Milliarden Euro. Konzernchef Löscher unterzeichnete im Kreml eine Rahmenvereinbarung mit dem Leiter des russischen Konzerns.