Mobilfunk

Zu Hause falsch verbunden

Mobilfunkanbieter locken jetzt mit Festnetznummern übers Handy. Doch das lohnt sich oft nicht

Mobil telefonieren, so einfach wie zu Hause – mit diesem Slogan warb Viag Interkom, Vorgängerunternehmen des Mobilfunkanbieters O2, 1999 für eine echte Revolution im Mobilfunkmarkt: Mit dem Tarif „Genion“ bot das Unternehmen eine Kombination aus Mobilfunk- und Festnetzanschluss an – innerhalb der sogenannten Homezone konnten Telefonate zu festnetzähnlichen Preisen geführt werden, und der Teilnehmer war unter einer eigenen Festnetznummer auf dem Handy erreichbar. Mittlerweile gibt es bei T-Mobile, Vodafone, E-Plus und O2 Angebote, zusätzlich zur Handynummer über eine Festnetznummer erreichbar zu sein.

Das Ziel der Betreiber: Im weitgehend gesättigten Mobilfunkmarkt soll neues Wachstum entstehen, wenn Festnetzkunden ihre Gespräche vermehrt via Handy führen. Durchaus mit Erfolg, wie der Jahresbericht 2011 der Bundesnetzagentur zeigt: Demnach wurden 107 Milliarden Gesprächsminuten über die Mobilfunknetze geführt. 2005 waren es noch 43 Milliarden Minuten. Demgegenüber geht das Gesprächsvolumen im Festnetz zurück: Wurden 2005 noch rund 198 Milliarden Gesprächsminuten über das Festnetz abgewickelt, waren es 2011 nur noch gut 192 Milliarden Minuten.

Zusätzlich befeuert werden die Bemühungen um die Festnetzkunden durch die zunehmenden Online-Aktivitäten der Mobilfunkanbieter. Nicht zuletzt durch den Smartphone-Boom wird das mobile Internet immer wichtiger. Der Festnetzanschluss soll, zumindest wenn es nach den Netzbetreibern geht, auf lange Sicht gänzlich überflüssig werden.

Bei E-Plus gibt es die Festnetznummer für Kunden mit Festnetz-Flatrate ohne Aufpreis dazu. Über die Zweitnummer ist man bei E-Plus zudem nicht nur in einer begrenzten Homezone, sondern deutschlandweit erreichbar. Bei den übrigen Anbietern werden rund fünf Euro zusätzliche Grundgebühren fällig, die Festnetz-Erreichbarkeit ist auf eine festgelegte Homezone begrenzt. Hier würden sich die Vorteile des Handys mit den günstigen Tarifen der Festnetztelefonie verbinden, urteilt das Vergleichsportal Verivox. „Ein klarer Pluspunkt“ sei diese Kombination.

Deshalb aber gleich seinen Festnetzanschluss abzumelden – davon hält man bei Verivox nichts. Denn die zahlreichen Komplettpakete, die eine Festnetz- sowie eine Internet-Flatrate enthielten, seien ein wesentliches Argument für den festen Telefonanschluss. Die Preise für solche Kombiangebote von – je nach Anbieter und Tarif – um die 20 Euro im Monat seien sehr günstig.

Auch für Markus Weidner vom Telekommunikationsportal Teltarif.de ist die meist mit dem Festnetzanschluss verbundene Internet-Flatrate wichtig: Diese sei zurzeit kaum zu ersetzen. Denn mobile Daten-Flatrates werden in der Geschwindigkeit extrem gedrosselt, wenn ein bestimmtes Datenvolumen verbraucht ist: Smartphone-Flatrates meist schon nach 200 bis 500 Megabyte. Und wer ein mobiles Datenvolumen von einem, drei oder fünf Gigabyte bucht, zahlt dafür schnell 20 bis 30 Euro im Monat zusätzlich.

Hinzu kommt: Wegen des Smartphone-Booms sind besonders in Ballungsgebieten die für das mobile Internet so wichtigen UMTS-Netze oft überlastet – mit der Folge, dass die Übertragungsgeschwindigkeit sinkt. Die Anbieter steuern jetzt mit „Long Term Evolution“ kurz: LTE gegen. Die monatlichen Kosten dafür sind allerdings recht hoch und rechtfertigen nicht, sich vom Festnetzanschluss mit Internet-Flatrate zu trennen.

Und dann ist da noch dieses Gerücht: Angeblich verschlechtert es die Bewertung bei Kreditauskunfteien wie der Schufa, wenn man keinen Festnetzanschluss besitzt. Schufa-Sprecher Andreas Lehmann sagt dazu: „Eine so pauschale Aussage aufgrund eines einzelnen Merkmals wäre unseriös.“ Die Schufa speichere nur Informationen zu Mobilfunkverträgen, und auch nur wegen der damit einhergehenden Zahlungsverpflichtungen.

Am Ende bleibt der wichtigste Vorteil, der für den Festnetzanschluss spricht: Praktisch immer zu Hause erreichbar zu sein. Denn das Festnetztelefon hat kein Funkloch und wird nur in äußerst seltenen Fällen gestohlen. In der Regel macht auch der Akku nicht schlapp. Und das Festnetz ist auch dann nicht ausgeschaltet, wenn ein wichtiger Anruf kommt.