Multimilliardär

Der reichste Chinese schlief unter der Brücke

Vor 25 Jahren träumte er von einer Fabrik, heute besitzt Zong Qinghou mehr als 20 Milliarden Dollar

Vor 25 Jahren, als Zong Qinghou 42 Jahre alt war, bestritt er seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Erfrischungsgetränken und Eis am Stiel an Schulkinder. Er verdiente damals etwa acht Dollar im Monat, weniger als ein Drittel des Durchschnittseinkommens zu der Zeit, sagt er. Finanziell ging es ihm so schlecht, dass er einmal in einem Tunnel unter den Straßen von Peking schlafen musste, weil er sich kein Zimmer leisten konnte.

Der heute 67-Jährige verkauft nach wie vor Softdrinks – und viele andere Dinge und hat es damit zum reichsten Menschen in Festland-China gebracht. Sein Nettovermögen beträgt 20,1 Mrd. Dollar, wie aus dem Bloomberg Billionaires Index hervorgeht. Weltweit nimmt er damit Rang 30 ein, und in Asien ist er die Nummer vier, nach den beiden Immobilienentwicklern Li Ka-shing und Lee Shau-kee aus Hongkong und dem Industriellen Mukesh Ambani aus Indien. Wang Jianlin, der 58-jährige Chairman des Immobilienentwicklers Dalian Wanda Group, ist zweitreichster Festland-Chinese mit einem Vermögen von 9,1 Milliarden Dollar. Auf Rang drei kommt Robin Li, der Chairman und Chief Executive Officer von Baidu, dem Betreiber der größten Suchmaschine in China, mit 8,4 Milliarden Dollar.

In Supermärkten werden Säfte, Erfrischungsgetränke und Mineralwasser verkauft, die von Zongs Hangzhou Wahaha Group hergestellt werden. Chinesische Eltern kaufen sein Baby-Milchpulver und seine Kinderbekleidung. Der Name Wahaha bedeutet in Mandarin „das lachende Baby“. Selbst in einem Land, in dem der Wohlstand geradezu explodiert, stellt die Geschichte Zongs eine Ausnahme dar. Seine Entwicklung vom Habenichts zum Milliardär ist bemerkenswert, nicht nur wegen ihres Verlaufs, sondern auch weil er so erfolgreich ist in Chinas scheinbar unmöglicher Verschmelzung von Kapitalismus und Kommunismus.

Zong verfügt über keine höhere Schulbildung. Er lebte von 1964 bis 1978 in einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, während der Kulturrevolution von Mao Tse-tung. Er las Bücher über die kommunistische Revolution, Unternehmensführung und lernte, wie man sich abrackern und Dinge erdulden kann. Nachdem Deng Xiaoping an die Macht kam, der Chinas Weg hin zu einer Marktwirtschaft einleitete, kaufte Zong 1987 mit zwei pensionierten Lehrern und mithilfe eines Kredits über 22.000 Dollar von Verwandten einen Lebensmittelladen.

Mittlerweile ist Zong der Chairman von Wahaha, jedoch ein bescheidener und autokratischer Manager geblieben. Bereits in seinem ersten Laden hatte er darauf bestanden, dass jede Ausgabe – und sei sie nur für den Kauf eines Besens – von ihm genehmigt wird. Häufig übernachtet er in seinem Büro in der grauen Zentrale von Wahaha in Hangzhou, der Hauptstadt der Provinz Zhejiang. Zum Mittagessen geht er in die Kantine und isst zusammen mit den anderen Mitarbeitern. „Wer arm ist, muss immer über Wege nachdenken, wie es ihm besser gehen kann“, sagt Zong und raucht eine Davidoff- Zigarette nach der anderen vor der Tür des „News Plaza“-Hotels in Peking. „Diese Erfahrung hilft mir durchzuhalten.“

Menschen, die an dem Fünf-Sterne-Hotel in der Nähe des Platzes des Himmlischen Friedens vorbeigehen, schenken dem reichsten Menschen des Landes kaum Beachtung. Er stellt seinen Reichtum auch nicht zur Schau. Er trägt eine dunkle Jacke, eine einfache Hose und schwarze Schuhe, die alle in China hergestellt wurden. Er hat sich die neuen Schuhe nur gekauft, weil er von jemandem darauf aufmerksam gemacht wurde, dass seine alten schon etwas abgetragen aussahen. Er hat keine Bodyguards, seine Eskorte ist ein Manager der Geschäftsstelle von Wahaha in Peking.

„Ich brauche keine teure Kleidung“, sagt er. Die einzige Ausnahme ist seine Uhr, eine Vacheron Constantin für 48.000 Dollar, an der sein Status abzusehen ist. Er hat sie in der Schweiz gekauft, um seine alte Rolex zu ersetzen. „Einige Leute sagen, dass Rolex etwas für Neureiche ist“, sagt er lächelnd.

Während sich China über wenige Jahre hin zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt entwickelte, kam es Zong Qinghou niemals in den Sinn, dass er eines Tages der reichste Mensch des Landes sein könnte. „Ich habe mir nur geschworen, dass ich eines Tages eine ordentliche Fabrik haben würde“, erzählt er. „Mein Wohlstand hat sich langsam angesammelt, ein Yuan nach dem anderen.“