Reiseverkehr

Deutsche Bahn rollt Europa auf

Der Staatskonzern will im Ausland rasant wachsen. ICE-Verbindungen nach London und Paris

Eigentlich sind „Love-Seats“, die es eine Zeit in den öffentlichen Bussen Kopenhagens gab, nichts für verheiratete Männer wie Thomas Øster. Denn die wurden eingerichtet, um zum Flirten zu animieren. „Ich habe es trotzdem ausprobiert“, gesteht der Däne. Doch Øster ist entschuldigt. Immerhin ist er als Chef der Deutsche-Bahn-Tochter Arriva Dänemark für die Aktion verantwortlich, die mehr Fahrgäste anlocken sollte.

Franzosen im Visier

Auch die dänischen Manager müssen sich einiges einfallen lassen, um beim Wachstumstempo von Arriva mithalten zu können. Denn die Deutsche Bahn (DB) hat viel vor mit der Konzerntochter, in der seit 2010 das Geschäft mit dem Personenverkehr außerhalb des Heimatmarktes gebündelt ist. Sie soll neben dem grenzübergreifenden Fernverkehr und der Logistik zum größten Wachstumstreiber werden – und das Unternehmen zum mit Abstand größten Verkehrsanbieter in Europa machen. Noch hält diesen Platz die französische Staatsbahn SNCF (siehe Grafik) – doch die will sich künftig auf Nordamerika und Asien konzentrieren.

In Deutschland selbst sind die Möglichkeiten für weiteres Wachstum überschaubar. Das Geschäft der DB mit dem regionalen Bahnverkehr, der von Ländern oder Verbünden bestellt wird, hat sich nach einer Erfolgswelle der kleineren Wettbewerber in den vergangenen Jahren zwar erholt, legt aber nur langsam zu. Die Sparte Stadtverkehr ist weiter unter Druck. Daher forciert Bahnchef Rüdiger Grube den Auslandskurs. Ende 2014, hofft man bei der Bahn, hat Siemens die 17 längst zugesagten neuen ICE-Züge geliefert und so aufgerüstet, dass sie in den westlichen Nachbarländern fahren können. Ebenfalls bis Ende 2014 soll der nötige Austausch der Achsen bei der laufenden ICE-Flotte geschafft sein. Dann verfügt die DB über genug Reserven im Inland und kann grenzüberschreitend zusätzliche Strecken anbieten. Geplant sind neue ICE-Verbindungen nach Amsterdam, Brüssel, Paris und London. „Wenn wir nicht weiterhin von Lieferverzögerungen neuer Fernverkehrszüge gebremst werden, wollen wir stärker wachsen als der Gesamtmobilitätsmarkt“, sagt Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg.

Die Fernverbindungen der Deutschen Bahn sollen in den Nachbarländern durch ein Netz von regionalen Bus- und Bahnangeboten ergänzt und abgerundet werden – und dabei kommt Arriva ins Spiel. Der ursprünglich englische Verkehrskonzern, für den die Bahn vor rund zwei Jahren 2,7 Milliarden Euro gezahlt hat, ist bereits einer der größten Anbieter von regionalen Bus- und Bahnverbindungen in Europa. Derzeit ist Arriva in zwölf Ländern unterwegs, lässt Busse in Malta, Straßenbahnen in Portugal, Wassertaxis in Dänemark und Züge am Polarkreis fahren. Im ersten Halbjahr 2012 erzielte Arriva ein Vorsteuerergebnis von 94 Millionen Euro – fast ein Drittel mehr als im Vorjahreszeitraum und beinahe die Hälfte dessen, was die Sparte Fernverkehr in den ersten sechs Monaten 2012 eingefahren hat.

Bis in den Nahen Osten

Und das ist erst der Anfang. „In den kommenden fünf Jahren wollen wir Umsatz und Ergebnis verdoppeln“, kündigt Arriva-Chef David Martin an. Neben dem Ausbau des Geschäfts in Ländern, in denen die DB-Tochter bereits aktiv ist, peilt er neue Märkte in Südosteuropa und dem Nahen Osten an. „Ich glaube, dass wir in Rumänien, der Türkei oder Abu Dhabi und Dubai gute Chancen haben.“ Liegt Martin richtig, betreibt die Deutsche Bahn künftig auch Metros in den Boomstädten auf der Arabischen Halbinsel.

Es stellt sich allerdings die Frage, ob sich der Konzern übernimmt. Bekanntlich hat die DB genug damit zu tun, die S-Bahn Berlin und im Winter ihre ICEs am Laufen zu halten. Bahnvorstand Homburg verweist auf den Umbruch, in dem sich der europäische Verkehrsmarkt befinde: Immer mehr bislang abgeschottete nationale Bahn- und Busnetze werden auf Druck der EU geöffnet. Viele der Staatsbahnen, die über Jahrzehnte geschützte Monopolisten waren, haben Konkurrenten wenig entgegenzusetzen. „Bei allen bisherigen und auch künftigen internationalen Aktivitäten gilt weiterhin die klare Vorgabe, dass das Geschäft im Heimatmarkt nicht darunter leidet“, sagt Homburg. Jeder Penny, den Arriva investiere, müsse auch von Arriva erwirtschaftet werden, so David Martin.