Mastbetriebe

Fleisch von glücklichen Tieren

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Der Tierschutzbund zertifiziert erstmals Mastbetriebe. Supermärkte planen Testangebote unter anderem in Berlin

Ein Schweineparadies stellt man sich eigentlich anders vor. Im Stall von Mäster Christoph Becker grenzt Bucht an Bucht, jede so groß wie ein kleines Schlafzimmer. Die Böden bestehen halb aus glattem Beton, wo die Tiere schlafen können, und halb aus Spaltenböden, durch die der Kot fällt. Doch im Vergleich dazu, wie die Schweine in vielen deutschen Ställen leben, sind es paradiesische Zustände. Das gilt auch für die Belüftung im Außenklimastall, die besser ist als in vielen deutschen Schweineställen, und die Tatsache, dass ein Großteil von Beckers insgesamt 1000 Tieren im Stall das Tageslicht sieht – ein Luxus, den viele Schweine nicht haben. Es gibt auch „Beschäftigungsautomaten“: Metallrohre, aus denen die Tiere sich Strohpellets herauszuzeln können.

Der Hof des 28-Jährigen in der Lüneburger Heide ist ein Pionier. In dieser Woche wird der Deutsche Tierschutzbund Beckers Ställe überprüfen. Erfüllt er die Auflagen, erhält er dessen neues Label „Für mehr Tierschutz“. Für Becker bedeutet das, dass er für seine Tiere dann zwölf Cent pro Kilo mehr erhält.

Deutsche Verbraucher werden neben Bioprodukten bald auch dieses tierfreundlich produzierte Fleisch in Supermärkten kaufen können. Ab dem 1. Januar 2013 soll nach Informationen der Berliner Morgenpost erstmals Schweine- und Hühnerfleisch, das durch den Deutschen Tierschutzbund mit dem Label „Für mehr Tierschutz“ zertifiziert wurde, in den Frischetheken und Selbstbedienungsregalen mehrerer Handelsketten bundesweit liegen. „Es geht uns als Tierschutzorganisation nicht darum, den Fleischkonsum und die Intensivtierhaltung zu unterstützen. Solange Fleisch gegessen wird, wollen wir die Produktion und den Konsum zugunsten tierfreundlicherer Alternativen umlenken“, sagte Tierschutzbund-Präsident Thomas Schröder.

Zwei Handelsketten planen derzeit, das als tierfreundlich gekennzeichnete Schweinefleisch zu verkaufen. Kaisers Tengelmann will zunächst in 170 Märkten seine Frischfleisch-Selbstbedienungstheken mit den gekennzeichneten Schnitzeln und Koteletts bestücken – zusätzlich zu herkömmlichem Schweinefleisch und Bioprodukten. Berlin ist dabei einer der Testmärkte. Voraussetzungen für die Zertifizierung sind unter anderem, dass die Schweine in den Mastbetrieben ein Drittel mehr Platz bekommen als gesetzlich vorgeschrieben, Beschäftigungsmöglichkeiten in den Ställen installiert werden, die Ferkel von den Züchtern nicht betäubungslos kastriert und ihre Schwänze nicht kurz nach der Geburt gekürzt werden – was derzeit bei der großen Mehrheit der Ferkel Standard ist. Bei den Masthühnern gehört ebenfalls mehr Platz für das einzelne Tier zu den Voraussetzungen, außerdem müssen die Betriebe weniger schnell wachsende Hühnerrassen verwenden.

Die zertifizierten Produkte sollen eine Zwischenstufe zwischen konventionell hergestelltem und Biofleisch darstellen. Bei Biofleisch sind die Anforderungen an die Tierhaltung noch höher, zusätzlich müssen sich die Mäster an hohe Standards bei den Futtermitteln halten. Das neue, als tierfreundlich ausgezeichnete Fleisch soll den Verbraucher etwa zehn Prozent mehr kosten als konventionell hergestelltes Schweinefleisch, während Bioschweinefleisch etwa doppelt so teuer ist. Der Preisaufschlag soll nach Herstellerangaben den Schweinemastbetrieben zugute kommen, die in dem Modellprojekt bereits jetzt die Tiere weniger dicht stellen und dadurch Einnahmeausfälle haben.

Zehn Prozent Marktanteil als Ziel

Das als tierfreundlich beworbene Schweinefleisch, das ab Januar in den Handel kommt, stammt von Mastbetrieben, die an den Schlachtkonzern Vion liefern. Das Unternehmen mit Hauptsitz in den Niederlanden ist einer der größten Schweinefleischproduzenten Deutschlands. Vions Pläne sind ehrgeizig: In den nächsten drei bis fünf Jahren strebt das Unternehmen einen Marktanteil des tierfreundlich produzierten Fleischs von zehn Prozent am Schweinefleisch-Frischmarkt an, sagt Heinz Schweer, Direktor des Bereichs Landwirtschaft bei Vion Deutschland. „Wir reagieren mit diesem Angebot darauf, dass laut Marktforschung zwar fast 80 Prozent der deutschen Verbraucher sich tierfreundlicheres Fleisch wünschen. Ob sie es dann aber tatsächlich auch kaufen, wenn das Angebot besteht, müssen in den nächsten Monaten die Testläufe im Handel zeigen.“

Bei Masthähnchen laufen derzeit die ersten Zertifizierungen beim deutschen Marktführer Wiesenhof. Dieser lässt sich seine Marke „Privathof“ mit dem Label versehen, die heute bereits mit besseren Haltungsbedingungen für die Tiere produziert. Demnach sollen ab Jahresbeginn 100.000 Hühner pro Woche mit dem Tierschutzlabel verkauft werden.

„Zwei-Klassen-Gesellschaft“

Der Deutsche Tierschutzbund kündigte im Gespräch mit dieser Zeitung an, sein Label per Werbeanzeigen und Kooperationen mit Zeitschriften und Fernsehköchen bewerben zu wollen. Die Kampagne solle durch eine Lizenzgebühr abgedeckt werden, die von den Fleischherstellern gezahlt werden müsse. Diese wird bei voraussichtlich rund 500 Euro pro zertifiziertem Betrieb liegen.

In der Fleischbranche ist das neue Label allerdings umstritten. Das gilt insbesondere fürs Schweinefleisch. Der Deutsche Bauernverband warnte vor dem Entstehen einer „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ bei den Schweinen. Dort hält man eine Branchenlösung für sinnvoller, bei der der Haltungsstandard für alle Tiere angehoben werde.

Der Verband erarbeitet derzeit gemeinsam mit Branchenvertretern aus Fleischproduktion und Handel ein freiwilliges Bonussystem, in dem Schweinemäster für einzelne Haltungsverbesserungen gegenüber dem gesetzlichen Standard mit Centbeträgen pro Kilo entlohnt werden sollen. Allerdings scheiterte in der vergangenen Woche der ursprüngliche Plan, dieses System innerhalb des branchenübergreifenden Qualitätssicherungsstandards QS zu installieren – und damit die Verbindlichkeit für den Handel, sich an den höheren Produktionskosten für bessere Haltungsbedingungen zu beteiligen.