Strompreise

Ökostrom macht den Einkauf teurer

Die Verbraucher werden durch EEG-Umlage gleich doppelt belastet. Bäcker warnen vor Pleitewelle

Die höhere EEG-Umlage wird nach Einschätzung von Lebensmittelherstellern und Handel das Essen in Deutschland spürbar teurer machen. Bäcker, Fleischer und Handelsketten kündigten auf Anfrage der Berliner Morgenpost an, die zusätzlichen finanziellen Belastungen an die Kunden weitergeben zu müssen. „Ich gehe davon aus, dass viele kleine Bäckereien diesen zusätzlichen Kostenschub nicht überstehen werden“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks, Amin Werner. „Diejenigen, die es überstehen, werden die Kostensteigerungen weitergeben müssen. So groß sind die Gewinnspannen in unserer Branche nicht, dass wir einen solchen Kostenschub ohne Weiteres verkraften können, zumal es sich hier um einen von vielen Kostentreibern handelt, zusätzlich etwa zu Personal- und Rohstoffkosten.“

Die deutschen Verbraucher trifft die höhere EEG-Umlage damit doppelt: zum einen, weil sie anstatt wie bislang 3,6 Cent pro Kilowattstunde demnächst knapp 5,3 Cent zahlen müssen, um den Ausbau der erneuerbaren Energien zu fördern. Ein Mehrpersonenhaushalt wird darum im kommenden Jahr zwischen 100 und 200 Euro mehr für Strom zahlen müssen. Zum anderen, weil die Verbraucher beim Lebensmitteleinkauf wohl tiefer in die Tasche greifen müssen.

Kleinbetriebe gefährdet

Das Bäckerhandwerk sei von der Entwicklung besonders betroffen, weil dort der Energieverbrauch essenzieller Teil der Produktion sei, sagt Werner. Brot und Brötchen lassen sich schließlich nur im Ofen herstellen. Der Verband rechnet vor, dass ein kleiner Bäckerbetrieb jährlich rund 100.000 Kilowattstunden Strom verbrauche. Daraus ergebe sich ab dem 1.Januar eine Zusatzbelastung von 1700 Euro pro Jahr. „Wir befürchten, dass sich vor allem Kleinstbetriebe im ländlichen Bereich – wo es noch viele Einzelbäckereien gibt – dann nicht mehr halten können.“ Der befürchteten Pleitewelle könnten laut Verband drei bis vier Prozent aller mittelständischen Bäcker zum Opfer fallen. „Die EEG-Umlage ist eine völlig unausgereifte Maßnahme zulasten des Mittelstandes“, lautet das harsche Urteil des Hauptgeschäftsführers.

Auch die Supermärkte werden die Kosten weitergeben müssen – zumindest teilweise. „Schon heute zahlt ein durchschnittlicher Supermarkt 18.000 Euro pro Jahr nur für die EEG-Umlage. Mit der Anhebung werden es künftig 27.000 Euro sein“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes HDE, Kai Falk. Der meiste Strom wird für Kühlung, Heizung, Belüftung und Beleuchtung verbraucht. Insgesamt müssen Händler 2013 nach Verbandsschätzungen 2,5 Milliarden Euro für die EEG-Umlage zahlen.

Eine Beteiligung der Kunden werde sich angesichts dessen nicht umgehen lassen. Allerdings würden die Kosten nicht eins zu eins weitergegeben, so Falk. „Der Wettbewerb im deutschen Einzelhandel ist so groß, dass sich viele Märkte nicht entscheiden werden, die Preise zu stark anzuheben.“ Stattdessen suche der Handel Einsparpotenziale durch höhere Energieeffizienz. Ein möglicher Stellenabbau sei kein Thema.

Auch beim Gang zum Metzger werden die Deutschen ab dem kommenden Jahr wahrscheinlich tiefer in die Tasche greifen müssen. Zwar seien starke Kostensteigerungen bislang vermieden worden, die höhere EEG-Umlage bringe das Fass aber zum Überlaufen, sagt Gero Jentzsch, Sprecher des Deutschen Fleischer-Verbandes. „Viele Betriebe stehen inzwischen derart mit dem Rücken zur Wand, dass Preiserhöhungen unvermeidlich sind.“ Ein mittelständischer Metzger mit einem Jahresumsatz von einer Million Euro komme auf einen Jahresstromverbrauch von rund 125.000 Kilowattstunden. Das macht ab dem ersten Januar eine jährliche Zusatzbelastung von 2125 Euro – oder 6625 Euro insgesamt für die EEG-Umlage.

Auch andere Lebensmittelproduzenten erwarten schmerzhafte Einschnitte. Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) beklagt, dass die meisten Hersteller von Nahrungsmitteln ihre steigenden Kosten nicht an den Kunden weiterreichen könnten, weil der Handel zwischengeschaltet sei und die Abnahmepreise üblicherweise für ein Jahr im Voraus festgelegt seien. Allerdings bezahlen bei Weitem nicht alle die EEG-Umlage. Auf der Liste der befreiten Unternehmen stehen mehr als 50 große Lebensmittelhersteller, darunter der Bierbrauer Bitburger, der Schweinefleischkonzern Vion, verschiedene Großmolkereien sowie Tierfutterhersteller, die als Zulieferer der Fleisch produzierenden Industrie indirekt zur Branche zu zählen sind. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin kritisierte, dass auch der Hähnchenmäster Wiesenhof unter den befreiten Unternehmen ist – und dass insgesamt die Zahl der Großabnehmer, die nicht zur Kasse gebeten werden, unter der schwarz-gelben Bundesregierung von 400 auf mittlerweile über 2000 gestiegen sei.

FDP attackiert Koalitionspartner

Das liegt vor allem daran, dass die Regierung die Schwellen für eine Befreiung gesenkt hat: Musste ein Unternehmen 2011 zehn Gigawattstunden Strom jährlich verbrauchen, um weitgehend befreit zu werden, reicht seit Januar eine Gigawattstunde. BVE-Geschäftsführer Feller kritisierte, die Entlastungsregelungen des EEG führten zu Fehlanreizen: „Derzeit lohnt es sich gegebenenfalls, einen Mehrverbrauch an Energie anzustreben, um doch noch die Entlastungsgrenze zu erreichen.“

Der Handelsverband HDE hofft, dass Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) in seiner grundlegenden Reform des Gesetzes über erneuerbare Energien die „Lasten gerechter verteilen“ und die derzeit umlagebefreiten Großverbraucher von Strom künftig beteiligen werde.

Auch die FDP fordert von Altmaier eine radikale und rasche Änderungen der Ökostromförderung. FDP-Chef Philipp Rösler sagte der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, ein Verschleppen der Reform könne sich die Regierung „auch mit Blick auf die Akzeptanz der Energiewende nicht mehr leisten“. Ankündigungen reichten nicht mehr aus. Unverständnis äußerte Rösler mit Blick auf die Weigerung der Union, die Stromsteuer wie von der FDP gefordert um eine Milliarde Euro zu senken. Das entspräche dem Betrag an zusätzlichen Mehrwertsteuereinnahmen allein aufgrund der erwarteten Erhöhung der EEG-Umlage.