Unternehmen

„Wir haben Fehler gemacht“

Siemens-Konzerchef Löscher muss bis zu fünf Milliarden Euro einsparen. Der Umfang der Stellenstreichungen ist noch offen

Neue Sparmaßnahmen nach altem Rezept: Siemens-Chef Peter Löscher kündigte am Donnerstag an, den Konzern zu entschlacken und die Kosten in Forschung, Entwicklung, Vertrieb und Verwaltung zu drücken. Die Ansätze ähneln einem Siemens-Sparprogramm nach Löschers Amtsantritt 2007, in dessen Rahmen 14.000 Stellen im Unternehmen wegfielen. Konkrete Zahlen für die aktuelle Sparrunde will der Siemens-Chef erst mit der Bilanz am 8. November vorlegen. Analysten veranschlagen, dass der Elektrokonzern seine Ausgaben um bis zu fünf Milliarden Euro drücken will.

Löscher schwor seine Topmanager am Donnerstag in Berlin auf den harten Sparkurs ein. Er stellte auf einer Tagung mit 600 Führungskräften im Hotel „Intercontinental“ die Grundzüge eines Zweijahresprogramms vor, das Siemens vor dem Absturz in die Mittelmäßigkeit bewahren soll. „Wir geben keine Arbeitsplatzzahl vor“, trat Löscher in der Hauszeitschrift „Siemens-Welt“ Spekulationen über den Abbau von mehr als 10.000 Stellen entgegen. Es könnte aber durchaus auch „Veränderungen bei der Mannschaft geben“. Als Beispiele nannte er den Abbau von 615 Jobs im Windgeschäft in den USA und von 490 Arbeitsplätzen bei Transformatorenwerken in Deutschland.

Derzeit sind bei Siemens 370.000 Mitarbeiter tätig, davon 119.000 in Deutschland. In Berlin beschäftigt Siemens 12.000 Menschen, es ist der größte Standort in Deutschland. Siemens hatte in den vergangenen 15 Monaten 23.000 Mitarbeiter netto eingestellt und lief damit in eine Falle: Denn das Geschäft wuchs schwächer als erhofft. Die höheren Personalausgaben drücken seither auf das Unternehmen.

„Hausgemachte Probleme“

„Ein Jobabbau nach der Rasenmähermethode ist mit uns nicht zu machen“, hieß es vorsichtshalber schon aus dem Arbeitnehmerlager. Bei Siemens gilt ein unbefristeter Beschäftigungspakt, der betriebsbedingte Kündigungen für die Mitarbeiter in Deutschland ausschließt. Löscher sagte, dass die Arbeitnehmervertreter sein Programm abgesegnet hätten.

Siemens musste im vergangenen Geschäftsjahr, das zum 30. September endete, seine Gewinnprognose kappen. Der Gewinn dürfte nun nicht mehr sechs, sondern nur noch knapp fünf Milliarden Euro betragen. Das ist noch immer in Krisenzeiten eine beachtliche Größe. „Trotzdem sind wir nicht zufrieden, denn unseren selbst gesetzten Anspruch, besser zu sein als Markt und Wettbewerber, haben wir nicht erreicht“, sagte Löscher.

Konkurrenten wie General Electric oder ABB schlagen sich besser und luchsen Siemens Marktanteile ab. Löscher muss gegensteuern, um wieder an das Rekordniveau von 2011 heranzureichen. Damals fuhr Siemens einen Gewinn von sieben Milliarden Euro ein und war, wie Löscher formulierte, „auf Augenhöhe“ mit General Electric. „In der breiten Masse irgendwo im Mittelfeld zu dümpeln, das wollen wir nicht“, sagte Löscher – und zeigte schon einmal die Perspektive auf, sollte sein Sparkurs keinen Erfolg haben.

Löscher, der seit 2007 im Amt ist und der so viel Gegenwind verspürt wie noch nie zuvor auf dem Posten, räumte Fehler ein. So habe man die globale Wirtschaftsentwicklung falsch eingeschätzt und zu lange auf Wachstum gesetzt, als sich schon eine Abschwächung angedeutet habe. Siemens habe auch „hausgemachte Probleme“. Der Konzernchef nannte da die Anbindung der Windparks vor der Nordseeküste, die zu Abschreibungen in Höhe von einer halben Milliarde Euro führten.

Löscher nannte „fünf Hebel“, um Siemens wieder auf Kurs zu bringen. Die Kosten müssten runter; der Vertrieb müsse den Bedürfnissen der Länder und Märkte angepasst werden; die hausinterne Bürokratie müsse in die Schranken gewiesen werden; Doppelfunktionen sollten gerade in den Landesgesellschaften abgeschafft werden; und alle Geschäfte stünden auf dem Prüfstand, die längere Zeit unter den Ansprüchen blieben.

Neuaufstellung des Konzerns

Einmal hatte Löscher schon Erfolg mit einem Sparprogramm kurz nach Amtsantritt. Das senkte die Kosten in Verwaltung und Vertrieb um 1,2 Milliarden Euro jährlich, kostete aber auch Tausende Stellen. Löscher kam damals ohne betriebsbedingte Kündigungen aus. Danach sollte eigentlich Schluss sein mit konzernweiten Programmen, wie Löscher versprach. Doch die Wirklichkeit holte Siemens ein.

Das neue Unternehmensprogramm muss weiter greifen als nur bis in die Verwaltung. Es geht in Teilen um eine Neuaufstellung des Konzerns. Das beginnt bei der Forschung und Entwicklung, geht über den Einkauf, die Produktion und die Verwaltung und reicht bis zum Vertrieb und den Service. „Die Entwicklung unserer sogenannten Bruttomargen zeigt, dass wir im Vergleich mit dem Wettbewerb günstiger werden müssen“, sagte Löscher. Und jeder Bereich bei Siemens muss seinen Beitrag leisten.

Tatsächlich sind zuletzt die Kosten aus dem Ruder gelaufen, ohne dass sie einen nennenswerten Umsatzanstieg gebracht hätten. Siemens erlöste in den ersten neun Monaten des vergangenen Geschäftsjahres (Oktober bis Juni) 57 Milliarden Euro, ein Plus von vier Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Konkurrenz jedoch wuchs – auch durch Zukäufe – weitaus stärker.

Nun bekräftigte Löscher noch einmal das mittelfristige Umsatzziel von 100 Milliarden Euro. Dabei hatte ihm diese Zielgröße viel Kritik eingebracht, verführte es doch manchen Manager, Geschäfte abzuschließen, nur um Umsatz zu generieren. Löscher kritisierte die „mangelnde Profitabilität einzelner Geschäfte“. Da schwächelte zuletzt vor allem die Energiesparte und der erst vor einem Jahr gegründete Sektor Infrastructure & Cities, die mit ihren Margen konzernintern hinterherhinken und auch deutlich schlechter sind als die der Wettbewerber.

Der 55 Jahre alte Österreicher braucht dringend den Erfolg dieses Unternehmensprogramms. Lange war er unangefochten, nachdem er, kaum übernahm er 2007 das Amt, die Korruptionsaffäre aufklären ließ und Siemens erfolgreich durch die Finanzkrise nach dem Lehman-Crash führte. Er baute Siemens zu einem „grünen Infrastrukturpionier“ um und setzte auf Umwelttechnologien.

So wurde Siemens zur Nummer eins weltweit beim Bau von Windparks auf hoher See. Zuletzt mehrten sich jedoch mit den Problemen bei Siemens auch Stimmen, die Löscher vorwarfen, sich zu wenig um das Alltagsgeschäft zu kümmern. Der schlaksige Kärntner, so die Kritik, sei zu wenig im Konzern präsent und nehme lieber repräsentative Termine außerhalb wahr.

Die Rosskur kann nur Erfolg haben, wenn Siemens eine andere Schwäche ablegt: Der Konzern holt zu wenige Aufträge rein. So lag in den ersten neun Monaten der Auftragseingang um 16 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Im dritten Quartal fiel er gar um 27 Prozent niedriger als im Vorjahreszeitraum aus. Was bedeutet, dass das Auftragsbuch, in dem noch Bestellungen über 100 Milliarden Euro notiert sind, dünner und dünner wird.