Krise

Deutsche sparen sich die Altersvorsorge

Bundesbürger wollen sich wegen der Euro-Krise nicht mehr langfristig binden. Riester-Rente und Rentenpolicen verlieren rapide an Akzeptanz

Wer die Euro-Krise verstehen will, hätte am Donnerstag lieber den Worten von Michael Meyer gelauscht, statt der viel beachteten Pressekonferenz des Mario Draghi zu folgen. Zwar versicherte der Chef der Europäischen Zentralbank, dass alle Abwehrmaßnahmen zur Krisenbewältigung nun getroffen sind und die Notenbank jederzeit bereit sei, doch den Schlüssel zur Lösung der Krise hielt Herr Meyer von der Postbank im Haus der Bundespressekonferenz in der Hand.

Der Vorstand Privatkunden bei der Postbank berichtete von einer Art Systemkrise in Deutschland. Die Bundesbürger hätten das Vertrauen in langfristige Geldanlagen verloren. Angesichts der Euro-Krise misstrauen immer mehr Deutsche der privaten Altersvorsorge durch Riester-Renten oder Lebensversicherungen. Stattdessen kaufen viele berufstätige Menschen Häuser und Wohnungen oder setzen auf Gold. Die deutschen Verbraucher geben Sachwerten den Vorzug, die sie für beständiger halten. Und selbst die Familie bekommt wieder einen höheren Stellenwert.

Vertrauen in Erbschaften

Die deutschen Vorsorgesparer haben größere Zuversicht in Erbschaften als in die Sicherheit von Lebenspolicen. Jeder vierte Berufstätige gibt an, dies sei für ihn ein wichtiger Baustein. Laut einer im Mai veröffentlichten Studie der Postbank hat rund ein Drittel der Berufstätigen tatsächlich bereits einmal geerbt – ein weiteres Viertel kann dies erwarten.

Und auch das Vertrauen in die staatliche Rente erfährt eine Renaissance. Schließlich wird das Geld hier nicht an den Märkten investiert, sondern im Umlageverfahren zahlt immer die junge Generation für die Älteren. Das geht aus der diesjährigen Postbank-Studie zur Altersvorsorge in Deutschland hervor, dass das Institut seit 2003 in Zusammenarbeit mit dem Institut für Demoskopie Allensbach herausgibt. Danach waren noch nie so wenige Menschen bereit, etwas fürs Alter zurückzulegen. Rückläufig sind auch die monatlichen Ausgaben der Berufstätigen, die vorsorgen.

Investierten sie für ihre private Altersvorsorge seit der erstmaligen Messung noch im Durchschnitt 204 Euro im Monat, sind es jetzt gerade noch 185 Euro - ein Minus von annähernd zehn Prozent und ein Negativrekord seit Beginn der Postbank-Statistik. Mittlerweile fragt sich jeder zweite Berufstätige nach den Erfahrungen der Finanzkrise der vergangenen Jahre, „welche privaten Anlageformen überhaupt noch Sinn machen“. Die Studie offenbart, dass die Zurückhaltung nicht am mangelnden Problembewusstsein liegt. Das Thema Altersarmut treibt mehr als die Hälfte der Befragten um.

„Alarmierend ist, dass die Bereitschaft zur privaten Altersvorsorge immer weiter sinkt“, sagte Postbank-Vorstand Meyer in Berlin, wo am Donnerstag auch der erste Demografiegipfel der Bundesregierung stattfand. Obwohl vielen Menschen klar sei, dass die Rente niedrig sei, stehe fest: „Es wird in der Summe zu wenig getan.“ Das sei keine kurzfristige Erscheinung, sondern ein längerfristiger Trend. „Fahrlässig“ nannte Meyer die Einstellung von 50 Prozent der Befragten, die Inflation spiele bei der Planung ihrer Altersvorsorge keine Rolle.

Den Preissteigerungseffekt bei einer so langfristigen Planung wie der Altersvorsorge zu vernachlässigen, sei „gefährlich“, warnte der Bank-Vorstand. Ein Euro, der Anfang 2002 ausgegeben wurde, habe heute eine Kaufkraft von wenig mehr als 80 Cent, rechnete er vor.

Ein drastisches Beispiel dafür liefert das gesunkene Ansehen der Riester-Rente. Nur noch 16 Prozent der Deutschen halten das staatlich stark geförderte Produkt für sicher. Vor drei Jahren waren es noch 23 Prozent. Ihr Schicksal teilt die Riester-Rente mit anderen Finanzanlagen wie Lebensversicherungen oder privaten Rentenpolicen, deren Verkauf ebenfalls stagniert. Das Vertrauen in die Sicherheit der Lebenspolice hat sich innerhalb von drei Jahren auf zwölf Prozent mehr als halbiert. Gefragt sind dagegen Immobilien. Fast jeder Dritte, der seine Altersvorsorge noch ausbauen will, plane den Bau oder Kauf eines Eigenheims. Das ist gut ein Viertel mehr, als vor zehn Jahren. Besonders stark legten in der Gunst vermietete Wohnungen zu. Meyer warnte jedoch dringend davor, alles Geld nur auf die eine Karte Immobilie zu setzen. „Die Streuung von Anlageformen ist immer der bessere Weg.“ Wie stark das Misstrauen in das aktuelle System ist, zeigen besonders die erstaunlichen Antworten zum Gold, das für die Bundesbürger zu einer Art Euro-Ersatz geworden sein scheint. 27 Prozent der Deutschen sehen im Edelmetall, das keine Zinsen abwirft, eine gute Rendite für die Altersvorsorge. Damit rangiert Gold vor sämtlichen Zinsanlagen, Sparbriefen oder sogar vor der steuerlich subventionierten Riester-Rente. Will Mario Draghi die Krise lösen, muss er bei den Deutschen das Vertrauen in die Währung zurückgewinnen.