Fluggesellschaften

Air Berlin macht alle nervös

Großaktionär Etihad bringt Allianz mit Air France ins Spiel. Kritische Lage der Airline sorgt vor allem Berliner Akteure

– Für die darbende Fluggesellschaft Air Berlin und ihren glücklosen Chef Hartmut Mehdorn wird es offenbar eng. Großaktionär Etihad Airways erhöht den Druck. Die jüngsten Äußerungen von Etihad-Chef James Hogan in der „Süddeutschen Zeitung“ sind nicht weniger als eine Standpauke. In dieser drängt der Chef der Airline aus Abu Dhabi Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft zu einer Partnerschaft mit Air France. Gleichzeitig stellt er die Luftfahrt-Allianzbemühungen der Deutschen mal eben in Frage und macht deutlich, dass man zur Sanierung harte, schmerzhafte Schritte erwarte. Offensichtlich stehen grundlegende Entscheidung bei Air Berlin an.

Die sind mehr als überfällig. Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Dem Lufthansa-Konkurrenten geht es dramatisch schlecht. Das Fluggeschäft ist verlustreich. Im zweiten Quartal betrug das Minus 66 Millionen Euro. Die Verschuldung der Gesellschaft hat griechische Dimensionen. Zum Halbjahr 2012 lasteten mehr als 800 Millionen Euro Verbindlichkeiten auf Air Berlin. Das Eigenkapital schmilzt dahin. Ohne einen Kredit von Etihad über knapp 200 Millionen Euro, gewährt am Anfang des Jahres, hätte sich möglicherweise schon ein Insolvenzrichter mit Air Berlin beschäftigen müssen.

Zu allem Übel trifft Air Berlin auch die mehrfache Terminverschiebung für den Start des neuen Hauptstadt-Flughafens BER am härtesten von allen Airlines. Und nicht nur das. Die bedrohte Existenz sorgt auch den Senat und die Flughafengesellschaft. Air Berlin steht für ein gutes Drittel des Flugaufkommens in der Hauptstadt und ist wichtigster Kunde der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH. Dass Etihad seit Wochen die Autorität des früheren Bahnchefs und jetzigen Air-Berlin-Vorstandsvorsitzenden Mehdorn untergräbt, verkommt da fast zur Randnotiz.

Dürre Sätze

Air Berlin gibt sich schmallippig angesichts des Rundumschlags seines Großaktionärs. Viel mehr als ein paar dürre Sätze sind von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft nicht zu vernehmen. Zu Hogans Partnerfavoriten Air France heißt es aus der Unternehmenszentrale: Man sei seit längerem im Dialog über „potenzielle Codeshare-Vereinbarungen“. „Dazu zählt auch Air France.“ Beim Codesharing teilen sich mindestens zwei Fluggesellschaften eine Route. Auf diese Weise werden Kosten gespart und Flugzeuge besser ausgelastet.

Gleichzeitig scheint Etihad wenig von Air Berlins Bemühungen zu halten, im Airline-Netzwerk Oneworld mitzumachen. Oneworld sei „sekundär“, meint Hogan. Air Berlin hingegen hatte stets die Bedeutung der Allianz, zu der unter anderem British Airways gehört, hervorgehoben. „Die Mitgliedschaft in der Luftfahrtallianz Oneworld hat sich sowohl für Air Berlin als auch für die Oneworld selbst positiv entwickelt“, heißt es jetzt offiziell bei Air Berlin.

Nur Beteuerungen? Etihad kann mit seiner 30-Prozent-Beteiligung weitgehend diktieren, wie es bei Air Berlin weitergeht. Für das verlustreiche Fluggeschäft erwartet der Großinvestor nicht weniger als „harte Entscheidungen“. Zwar gibt es bei Air Berlin schon ein Sparprogramm namens Shape & Size, dem unrentable Strecken zum Opfer fielen. Doch das reicht nicht, wie wohl auch die Air-Berlin-Führung weiß: „Air Berlin ist – falls notwendig - darauf vorbereitet, im kommenden Jahr zusätzliche Maßnahmen zur weiteren Effizienzverbesserung und Kostensenkung zu ergreifen“, lässt ein Sprecher ausrichten.

Das würde dann wohl auch auf Personalabbau hinauslaufen, was auch den Standort Berlin hart treffen könnte. Im Zuge des aktuellen Sparprogramms wurde der Konzernsitz ausgespart. Sieht man von Maßnahmen ab, die eher symbolischer Natur sind. Mehdorn ordnete beidseitige Ausdrucke für Dokumente und kleinere Dienstwagen an. Sollte im kommenden Jahr die nächste Sparrunde eingeläutet werden, müsste wohl nicht Hartmut Mehdorn den harten Hund geben. Sein Vertrag endet 2013. Favorit auf seine Nachfolge ist Wolfgang Prock-Schauer, seit kurzem bei Air Berlin für Strategie und das Streckennetz zuständiger Vorstand. Sein großer Vorteil: Er genießt das Wohlwollen von Etihad-Chef Hogan. Beide Luftfahrtmanager arbeiteten einst bei der Fluggesellschaft BMI zusammen.

Was passiert am BER?

In Berlin gibt es aber eine größere Sorge als den möglichen Personalabbau einer Airline im Sparflug-Modus. Der neue Flughafen BER ist schließlich nach den Bedürfnissen von Air Berlin gebaut worden. Genauer gesagt: Man will ein internationales Drehkreuz mit viel Umsteigeverkehr, so wie in München und Frankfurt. Air Berlin soll am BER jene Rolle übernehmen, die die Lufthansa in Frankfurt und München spielt. Erfüllte Air Berlin diese Erwartungen nicht, dann hakt es auch an der Kalkulation für den Betrieb des BER. Denn die Fluglinie ist als größter und wichtigster Gebührenzahler fest eingeplant.

Nur lässt sich im Senat keiner finden, der offiziell diese Sorge äußert. Es will eben niemand einem weiteren Niedergang von Air Berlin das Wort reden. Zumal der skandalträchtige Flughafenneubau mit Terminverschiebungen und steigenden Kosten schon genug Probleme bereitet. Air Berlin selbst lehnt es vehement ab, sich zu einer Existenzbedrohung zu äußern. Es ist auch nicht zu erfahren, ob das Unternehmen weiteres Geld braucht. „Diese Fragen stellen sich nicht, sind rein spekulativ und entbehren jeder Grundlage“, heißt es aus dem Unternehmen. Zudem habe man den Kredit von Etihad noch gar nicht komplett in Anspruch genommen. Etihad-Chef Hogan meint, dass Air Berlin keinen weiteren Kredit von seinem Großinvestor benötige. In spätestens 18 Monate, so Hogan, sei das Unternehmen wieder in der Gewinnzone.