Arbeitsmarkt

Mehr Zuwanderer! Sagt das Jobcenter

Zu viele Stellen in Deutschland bleiben unbesetzt. Die Agentur für Arbeit will Arbeitskräfte aus Europa und Übersee

Vor dem Demografiegipfel der Bundesregierung spricht sich die Bundesagentur für Arbeit (BA) für verstärkte Zuwanderung aus, um den Bedarf an Fachkräften zu decken. „Fakt ist, dass wir unseren perspektivischen Arbeitskräftebedarf und damit verbunden unsere Sozialsysteme nur durch qualifizierte Zuwanderung retten können“, heißt es in einem Grundsatzpapier des BA-Vorstands Raimund Becker, das dieser Zeitung vorliegt. „Wir sollten weiterhin über eine gesteuerte Zuwanderung nach einer Art ‚Punktesystem‘ nachdenken, das als Brücke deutsche Arbeitgeber und ausländische Fachkräfte zueinander bringt.“

Auf dem ersten Demografiegipfel der Bundesregierung am Donnerstag berät die Kanzlerin mit Vertretern aus Bundesministerien, Kommunen und Ländern über die Folgen des demografischen Wandels. Die Bundesagentur ist durch ihren Vorstandschef Frank-Jürgen Weise vertreten. Dabei geht es auch um Zuwanderung und die Sicherung des Fachkräftebedarfs.

Demografie ist ein Problem

Das Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland wird allein aus demografischen Gründen bis zum Jahr 2025 um 6,5 Millionen Personen zurück gehen. Der demografische Rückgang wird allerdings durch steigende Erwerbsbeteiligung vor allem von Frauen und Älteren, der Rente mit 67 und durch Zuwanderer teilweise ausgeglichen. Die Bundesagentur rechnet daher bis 2025 „nur“ mit einem Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials um 3,5 Millionen. Dann müssten aber jährlich 100.000 Zuwanderer nach Deutschland kommen und bleiben. „Es gibt erste Erfolge“, heißt es im BA-Grundsatzpapier. „Der drohende Fachkräftemangel ist damit aber noch lange nicht abgewendet.“

Nach aktuellen Zahlen der Bundesagentur dauert es immer länger, freie Stellen mit Fachkräften zu besetzen. Die sogenannte Vakanzzeit zwischen der gewünschten und tatsächlichen Besetzung einer Stelle stieg im September auf 78 Tage. Im Vorjahr blieben Stellen nur 64 Tage unbesetzt, 2010 nur 56 Tage. Große Probleme gibt es in Hamburg mit 110 Tagen und Baden-Württemberg mit 84 Tagen.

Die Arbeitsagenturen listen die 15 Berufe mit den größten Engpässen auf. An der Spitze stehen Ärzte mit 177 Vakanztagen, gefolgt von Schienenfahrzeugführern mit 155 Tagen. Engpässe gibt es auch in den Luftverkehrsberufen (139 Tage), bei Zahnärzten (118), Versicherungskaufleuten (116), Elektroingenieuren (114), Maschinen- und Fahrzeugingenieuren (113), aber auch Krankenschwestern (111). Die BA bemüht sich bereits, Ärzte, Ingenieure und Pflegekräfte aus Südeuropa für Deutschland zu gewinnen.

BA-Vorstand Becker fordert ein „aktives Zuwanderungsmarketing“. Hinzu kommen müsse eine „sympathische Willkommenskultur“ für Kollegen aus dem Ausland. Auch BA-Chef Weise klagt, im Ausland werde Deutschland noch nicht als Land mit einer Willkommenskultur wahrgenommen. Vor allem im Mittelstand gebe es Schwächen. „Man hat noch nicht erkannt, dass man Mitarbeitern aus dem Ausland auch bei Fragen wie der Suche nach einer Wohnung, der Kinderbetreuung oder einen Arbeitsplatz für die Partnerin unterstützen muss“, sagte Weise der Berliner Morgenpost.

„Hier sehen wir unsere Aufgabe, die Arbeitgeber zu beraten.“ Gerade der Mittelstand, der sehr international und exportorientiert sei, tue sich einen Gefallen, wenn er Menschen aus anderen Ländern und Kulturen an Bord habe.

Suche in Asien

Nur im europäischen Ausland auf die Suche zu gehen, sei zu kurz gedacht, heißt es in dem Papier. Denn auch im Ausland würden die klugen Köpfe spätestens nach Abklingen der Finanzkrise knapp. Deshalb sollten auch „potenzialreiche Zielländer“ außerhalb Europas in den Blick genommen werden. Mit Indonesien, Vietnam und Tunesien führt die BA bereits Gespräche. „Wenn Betriebe für ihre offenen Stellen kaum Bewerber finden, dann werden sie ihre Investitions- und Produktionsentscheidungen anpassen“, heißt es warnend.

„Es wird weniger in bestehende und neue Produktionskapazitäten investiert“, auch könnten Produktionsstätten ins Ausland verlagert werden. Dies geschehe schleichend. Mit einem sinkenden Arbeitsangebot werde das Wachstum der Volkswirtschaft zurückgehen und damit die Finanzierung der Sozialsysteme schwieriger werden. In dem Papier wird davor gewarnt, den demografischen Effekt als Chance für Vollbeschäftigung zu interpretieren. Es werde auch in Zukunft, trotz demografischer Entwicklung Arbeitslose geben. So könnten Unternehmen den Bedarf an qualifizierter Arbeit durch Arbeitsverdichtung und Automatisierung entgegenwirken. Das werde Arbeitsplätze für gering Qualifizierte vernichten.