Handel

Neckermann macht nichts mehr möglich

Mehr als 2000 Jobs gehen ab November verloren. Vielen Mitarbeitern droht danach Hartz IV

Die milde Morgensonne kann die Frau am Personaleingang des Versandhandels Neckermann auch nicht trösten. „Heute ist Todestag“, sagt sie mit Tränen in den Augen. Viele ihrer Kollegen haben Kuchen für die kleinen Abschiedsfeiern mitgebracht, auch Plastiktüten für die persönlichen Sachen haben sie dabei. Manche sind betont fröhlich.

Die Menschen haben meist lange bei dem Traditionsunternehmen gearbeitet, das am Freitag für immer seine Pforten schließt. 21 Jahre hat der Controller auf dem Buckel, der sich noch gut an die glanzvolle 50-Jahr-Feier erinnert. „Wir hatten auch gute Zeiten hier.“ Das war im Jahr 2000, das von Josef Neckermann gegründete und im Wirtschaftswunder stürmisch gewachsene Unternehmen gehörte längst zu KarstadtQuelle und spielte dort nur noch die zweite Geige im Versandhandel. Wie die anderen Neckermänner auch lobt der Controller den Zusammenhalt unter den Beschäftigten. Der „Spirit“ habe geholfen, die vielen Besitzer- und Managementwechsel ebenso zu ertragen wie die immer neuen Schrumpfkuren beim Personal.

Ein Investitionsstau in zweistelliger Millionenhöhe habe sämtliche Interessenten abgeschreckt, beschreibt der vorläufige Insolvenzverwalter Joachim Kühne die aktuelle Lage, die der US-Investor Sun Capital hinterlassen hat. „Der Markt hat entschieden, dass dieses Unternehmen nicht mehr zu retten war. Vollprofis haben sich das Unternehmen angesehen und festgestellt, dass die Kosten für ein Durchstarten viel zu hoch gewesen wären.“ Neckermann macht nichts mehr möglich, heißt das. Voraussichtlich am Montag wird das Amtsgericht Frankfurt die Insolvenz eröffnen und die Abwicklung in Gang setzen.

Gescheitert ist Neckermann am Internet, das zwar früh als Bestellkanal entdeckt, aber nicht in seiner vollen Veränderungskraft begriffen wurde. Dabei waren es die Versandhändler, die in der jungen Bundesrepublik mit ihren Katalogen erstmals eine weitreichende Preistransparenz etablierten. Neckermann-Fernseher oder Kühlschränke waren in den 50er und 60er Jahren so billig, dass sich der ortsgebundene Fachhandel in seiner Not weigerte, die Geräte zu reparieren. Neckermann konterte mit einem eigenen Kundendienst. Die Preisorientierung muss dem Unternehmen verloren gegangen sein, denn an der Spitze der Vergleichsportale im Internet fanden sich nur selten die aus Frankfurt ausgelieferten Geräte.

Im gigantischen Zentrallager gab es daher über die Jahre immer weniger zu tun. Seit zwei, drei Jahren, erzählt ein Vorarbeiter, habe man gemerkt, dass alles den Bach runtergehe. Zuletzt wollte sich das Management auf Möbel und Elektrogeräte konzentrieren und die Textilien aufgeben. Besonders ernst ist die Lage für die mehr als 600 Lagerhelfer, die häufig nicht gut ausgebildet, gesundheitlich angegriffen oder in Einzelfällen auch der deutschen Sprache kaum mächtig sind, wie Betriebsratschef Thomas Schmidt berichtet. Er warnt vor einem massenhaften Absturz seiner Leute in Hartz IV. An die 2000 Jobs gehen mit dem Ende von Neckermann verloren, nur einige wenige Beschäftigte sollen noch ein paar Wochen helfen, die Überreste der Wirtschaftswunder-Ikone zu versilbern.

Die Gläubiger bestehen auf dem Verkauf von Markenrechten und Kundenkartei. Auch das Hochregallager oder das moderne Fotostudio könnten noch was einbringen. „Die Computersysteme werden bis zum Schluss gewartet“, sagt ein Computerexperte, der bei der Abwicklung noch gebraucht wird. Einen neuen Job hat auch der 42-Jährige noch nicht, ein paar vielversprechende Kontakte gebe es aber vielleicht schon.