Unternehmertafel

100.000 Baustellen und Dauerstau

Bei der 38. Unternehmertafel diskutierte Verkehrssenator Müller mit Experten von Handwerkskammer, Automobilclub, BVG und Taxiverband

Schlaglöcher, Baustellen und Spaß-Mobile im Schneckentempo in der Busspur – die Ursachen sind ganz unterschiedlich, doch die Wirkung ist fast immer gleich: Berlin steht im Stau. Immer öfter nicht nur in der Innenstadt, sondern auch in den Außenbezirken, im Berufsverkehr ebenso wie an einem vermeintlich verkehrsarmen Sonntag. Was für private Autofahrer ein nervenaufreibendes Ärgernis ist, beschert Taxifahrern, Händlern und Busunternehmen beträchtliche finanzielle Einbußen. Immer lauter wird deshalb die Forderung nach einer besseren Verkehrslenkung.

„Die Zukunft der Verkehrsinfrastruktur in Berlin als Wirtschaftsfaktor für den Standort“, lautete das Thema der 38. Unternehmertafel, zu der die Berliner Morgenpost und die Personalberatung Kienbaum eingeladen hatten. Unternehmer, Verbandsvertreter und Verkehrsexperten diskutierten mit Berlins Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, Michael Müller (SPD).

Problem mit Dauer der Baustellen

Die Senatsverkehrsverwaltung hatte erst vor Kurzem versucht, die Anzahl der Baustellen in Berlin zu ermitteln, die alltäglich den Verkehrsfluss hemmen. Mehr als 100.000 – kleine wie große – werden es bis Jahresende sein. „Zunächst sollten wir uns aber über jede Baustelle freuen – sie sind ein Zeichen für wirtschaftliche Entwicklung in der Stadt. Und ein klares Signal: Wir tun etwas“, sagte Müller. Die Infrastruktur habe in vielen Teilen der Stadt „einen Riesen-Nachholbedarf“. Das betreffe nicht allein Gehwege und Fahrbahnen, sondern vor allem auch die Leitungen und Kanäle darunter. Viele davon seien mehr als 100 Jahre alt. „Die eigentliche Herausforderung ist nicht die große Zahl an Baustellen, sondern deren vernünftige Koordinierung“, sagte der Senator. Schließlich gäben nicht allein Senat und Bezirke Bauprojekte in Auftrag, sondern Infrastrukturbetreiber wie die Berliner Wasserbetriebe sowie private Bauherren.

Für Klaus-Dieter Müller, Vorstandsmitglied der Handwerkskammer und Vizechef der Fachgemeinschaft Bau, sind es sogar noch viel zu wenig Baustellen in Berlin. „Das Problem ist überhaupt nicht deren Anzahl, sondern die oft nicht optimale zeitliche Verteilung“, sagte er. Verantwortung dafür würden in erster Linie der Senat und die Bezirksämter tragen. Doch die starren Abläufe in den Verwaltungen würden immer wieder dazu führen, dass die Arbeiten nicht übers Jahr verteilt werden könnten. Sie würden sich zeitlich immer wieder im Herbst ballen, was wiederum bei den Baufirmen zu Engpässen führe und die Arbeiten verzögere.

Auch für den ADAC-Chef für Berlin-Brandenburg, Manfred Voit, kann es nicht darum gehen, weniger an den Straßen zu bauen. „Im Gegenteil: Von 5700 Kilometern Straße in der Stadt sind rund 4000 Kilometer sanierungsbedürftig. Wir haben einen großen Investitionsstau in Berlin“, sagte er. Hauptsächlich die schlechte Abstimmung unter den verschiedenen Auftraggebern verursache viele Staus. Der ADAC hatte wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass – wie in diesem Sommer – oft an allen wichtigen Verbindungsstraßen zwischen der West- und der Ost-City gleichzeitig gebaut wird oder die Straßen durch Großveranstaltungen blockiert werden. Im Durchschnitt stehe jeder Berliner Autofahrer 69 Stunden pro Jahr im Stau, so ADAC-Chef Voit.

Mark Milde, Renndirektor vom SC Charlottenburg, warnte jedoch davor, die Vielzahl von Groß-Events in der Innenstadt pauschal für Probleme im Straßenverkehr verantwortlich zu machen. „Veranstaltungen wie der Berlin-Marathon oder auch die Fanmeilen sind ungemein wichtig für Berlin“, sagte er. Allein zum nächsten Berlin-Marathon hätten sich mehr als 70 Läufer aus Brasilien angemeldet. Ein solches Event beschere Berlin hohes Ansehen in der Welt.

Einig war sich die Runde, dass nicht jedes Kinderfest und jede Firmenpräsentation gleich die Straße des 17.Juni blockieren darf. „Gemeinsam mit dem Bezirk sind wir dabei, bei den Genehmigungen genauer hinzuschauen“, sagte Senator Müller. Für Berlin wichtige Veranstaltungen müssten aber weiter vor dem Brandenburger Tor stattfinden können.

Nicht nur die große Zahl an Baustellen, sondern auch deren häufig sehr lange Dauer sei für viele Gewerbetreibende ein ernstes Problem, sagte die Modeunternehmerin Karin Gendrich. Als Beispiel nannte die Präsidentin des Handelsverbands Berlin-Brandenburg die jahrelangen Arbeiten auf dem Mittelstreifen der Tauentzienstraße.

„100.000 Baustellen im Jahr ist eine gewaltige Zahl. So etwas ist von Menschen allein nicht zu koordinieren“, sagte Peter Wagner vom Institut für Verkehrssystemtechnik am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Wirklich helfen könnten da nur effektive, rechnergestützte Lenkungssysteme. „Allerdings: Jedes System kann nur so gut sein wie die Daten, mit denen es gefüttert wird. Und jede Datenbank ist so gut wie der Plan, nach der sie befüllt wird.“

Ärgernis Bier-Bikes

„Baustellen und deren Koordinierung sind ein ernstes Thema in dieser Stadt“, bestätigte auch Sigrid Nikutta, Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Zu spüren bekämen die Probleme vor allem die Busfahrgäste, denn die Busse stünden ebenfalls im Stau. Im Vergleich zu anderen Metropolen sei die Lage in Berlin jedoch noch immer sehr komfortabel.

„Den Taxifahrer kostet jeder Stau richtig Geld“, sagte indes Detlev Freutel, Vorsitzender des Taxiverbandes Berlin Brandenburg. Damit die Tarife kundenfreundlich blieben, würden in Berlin die Taxameter bei kurzen Stopps nicht weiterlaufen. „Wir haben uns dafür eingesetzt, damit jeder Fahrgast für dieselbe Strecke in etwa auch dasselbe bezahlt“, sagte Freutel. Häuften sich jedoch die Staus, müssten die Taxifahrer erhebliche finanzielle Einbußen hinnehmen.

Im Zentrum der Innenstadt sollten eigentlich Busspuren helfen, dass öffentliche Verkehrsmittel auch bei überfüllten Straßen einigermaßen rasch durch die Stadt kommen. Rund 100 Kilometer lang sind diese gesonderten Fahrspuren. Doch, darin waren sich die BVG-Chefin Nikutta und Taxiverbandschef Freutel einig, dieses Konzept funktioniere im Alltag kaum noch. Ein ganz spezielles Ärgernis sind dabei sogenannte Bier-Bikes, die mit feiernden Touristen fast im Schnecken-Tempo über die Busspuren fahren. „Warum werden solche Gefährte nicht wie in anderen großen Städten verboten?“ fragte nicht nur der Taxi-Unternehmer. Verkehrssenator Müller versprach, dies von seiner Verwaltung prüfen zu lassen.