Pharmawirtschaft

Das Ende der Blockbuster

Wenn Patente auf Medikamente auslaufen, profitieren Kunden von günstigen Nachahmer-Präparaten

Wer krank ist und eine Apotheke besucht, dem geht es anschließend meist noch schlechter. Schuld sind die hohen Preise der Medikamente. Doch das könnte sich jetzt ändern: In diesem Jahr laufen die Patente umsatzstarker Arzneien aus – und Nachahmer-Präparate kosten durchschnittlich ein Drittel weniger. Nicht immer verkaufen Apotheken die günstigeren Arzneien jedoch von sich aus. Daher sollte man gezielt nach patentfreien Medikamenten fragen.

Zu den Medikamenten, mit denen die forschenden Pharmaunternehmen in dem letzten Jahrzehnt Kohle gescheffelt haben, gehört beispielsweise der Blutfettsenker Lipitor von Pfizer, der über mehrere Jahre der Umsatz-Spitzenreiter war. 2010 machte der amerikanische Hersteller noch 11,4 Milliarden Umsatz mit seinem besten Produkt. Möglich war das nur, weil Pfizer ein Monopol auf das Medikament hatte. Dies endete im letzten Jahr.

Auch in diesem Jahr verlieren einige umsatzstarke Medikamente, sogenannte Blockbuster, ihren Patentschutz: Der Blutgerinnungshemmer Plavix von Brystol Myers Squibb und Sanofi Aventis machte 2010 einen Umsatz von neun Milliarden Euro, der Blutdrucksenker Diovan von Novartis immerhin gut sechs und das Medikament gegen Schizophrenie, Seroquel von Astra Zeneca, circa fünf Milliarden Euro. In den Laboren rund um die Welt sind Forscher bereits dabei, eine Kopie, ein sogenanntes Generikum dieser Medikamente, herzustellen.

Während der Verbraucher auf diese Nachahmer-Präparate noch ein wenig warten muss, kann er von anderen bereits profitieren. Das generische Pendant des Schmerz- und Fiebermittels Aspirin heißt beispielsweise ASS und kostet bei gleicher Stückzahl weniger als ein Drittel vom Original. Auch bei Schnupfen kann der Verbraucher sparen: Für das Nachahmer-Nasenspray des Herstellers Ratiopharm zahlt der Kunde in der Apotheke circa 3,50 Euro – für das Original namens Nasic von der Firma Cassella gut 2,50 Euro mehr. Nicht alle Verbraucher entscheiden sich aber für günstige Generika. Viele vertrauen weiterhin auf die patentierten Arzneimittel, weil sie diese schon lange kennen und gute Erfahrungen gemacht haben.

13,5 Jahre für die Forschung

Generika kosten weniger als Originalpräparate, weil ihre Hersteller nicht forschen und entwickeln müssen. Ein Medikament zu erfinden, dauert laut einer US-Studie im Durschnitt 13,5 Jahre und kostet zwischen 1,1 und 1,6 Milliarden Dollar. Als Gegenleistung für den Aufwand, den die forschenden Pharmaunternehmen leisten, bekommen sie einen Patentschutz von 20 Jahren. Die Pharmaunternehmern können aber nur in einem Teil dieser Zeit mit ihrer Arznei Geld machen, weil sie das Patent vor dem Verkaufsstart anmelden müssen. Spätestens muss dies vor den ersten Tests mit Menschen geschehen. Durchschnittlich dauert die Entwicklung des Medikaments dann noch einmal acht Jahre. Das Monopol gilt dann nur noch zwölf Jahre.

Generikahersteller sind wesentlich schneller als die forschenden Pharmaunternehmer. Um ein Nachahmer-Präparat auf den Markt zu bringen, brauchen sie laut einer Studie des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung in der Regel zwei Jahre. Bei einigen Arzneien dauere es aber auch nur einen Tag, sagt Bork Bretthauer. Je schneller die Hersteller sind, desto eher können sie den patentgeschützten Arzneien Kunden abjagen. Daher entwickeln sie Generika häufig schon, bevor die Patente auslaufen. Das Rezept können die Hersteller im Patent des Originalpräparats abschauen.

Der Dresdener Generikahersteller Juta Pharma hat das gerade erfolgreich gemacht. Mit Latano-Q hat es ein Generikum für Pfitzers Augentropfen Xalatan entwickelt und das in weniger als einem Jahr. Statt knapp 74 Euro zahlen Patienten, die unter zu hohem Augendruck leiden, nun nur noch gut 29 Euro.

Etwas länger dauert eine Kopie von gentechnisch hergestellten Medikamenten wie Insulin. Die sogenannten Biosimilars sind für Generikahersteller oft schwer nachzuahmen. Der Sprecher des Verbands der forschenden Pharmaunternehmen, Rolf Hömke, erklärt, dass genetische Medikamente sehr komplex seien und oft schon minimale Temperaturunterschiede im Produktionsverfahren zu anderen Ergebnisse führen würden.

Ein Generikum kann bis zu 20 Prozent weniger und 25 Prozent stärker wirken als ein Original. In der Regel ist der Unterschied fünf Prozent. Das Gesetz schreibt vor, dass eine Nachahmung eines patentgeschützten Medikaments bioäquivalent sein muss. Das bedeutet, dass der Wirkstoff genauso schnell und in gleicher Menge am Wirkungsort sein muss wie beim Original. Einen Unterschied zwischen Generikum und Original machen häufig Hilfsstoffe aus. Die werden zum Beispiel dafür verwendet, den Wirkstoff im Körper dorthin zu transportieren, wo er hin soll und beeinflussen obendrein die Verträglichkeit einer Arznei. Allergiker sollten daher , wenn sie sich für ein Generikum entscheiden, beim Arzt oder Apotheker nachfragen, ob sie dieses vertragen.

Vorsicht vor Überdosis

Ob Generika den gesetzlichen Vorgaben entsprechen, kontrolliert das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Präsident Walter Schwerdtfeger versichert, dass die Nachahmer-Medikamente unbedenklich seien: „Generika entsprechen hinsichtlich Wirksamkeit und Unbedenklichkeit den jeweiligen Originalpräparaten und werden auch nach der Zulassung genauso intensiv auf neu auftretende Risiken hin überwacht."

Im Alltag der Patienten könnten patentfreie Medikamente jedoch Probleme machen, sagt Klaus Fischer vom Hamburger Hausarztverband. So besteht die Gefahr, dass ein Patient versehentlich eine Überdosis einnimmt. Zum Beispiel, wenn der Arzt einem Patienten ein Präparat mit 80 Prozent Wirksamkeit des Originals verschreibt und dieser dann feststellt, dass dieses zu schwach ist. Dann verordnet er beim nächsten Termin eine höhere Dosis. Bekommt der Patient aber dann ein Generikum mit 125 Prozent Wirksamkeit des Originals, ist die Dosis viel größer als der Arzt beabsichtigte.