Überschuldungsreport 2012

Schulden beim Staat

Immer mehr Menschen haben einer Studie zufolge große finanzielle Probleme

Wer in Zahlungsschwierigkeiten steckt, schuldet immer häufiger der öffentlichen Hand Geld. Die durchschnittlichen Verbindlichkeiten bei Städten, Gemeinden, Sozialämtern oder auch der Gebühreneinzugszentrale erreichten im vergangenen Jahr mit 4869 Euro einen Höchststand. Ein Jahr zuvor waren es durchschnittlich nur 3666 Euro. Dagegen nimmt die Bedeutung der Banken ab. Kreditinstitute bleiben zwar wichtigster Gläubiger, die durchschnittlichen Schulden dort sind allerdings in den vergangenen Jahren kontinuierlich auf zuletzt 12.711 Euro gesunken. 2007 waren es noch 17.017 Euro. Das geht aus dem „Überschuldungsreport 2012“ des Hamburger Instituts für Finanzdienstleistungen (IIF) hervor, der der Berliner Morgenpost exklusiv vorliegt. Alljährlich wertet das Institut die Situation von rund 12.000 Menschen aus, die bei Schuldnerberatungsstellen Hilfe suchten.

Häufigster Auslöser für den Sturz in die Schuldenfalle ist nach wie vor der Verlust der Arbeit. Allerdings sank die Bedeutung dank der stabilen Wirtschaftslage in den vergangenen Jahren. 2009 gaben dies noch 33,6 Prozent der Menschen als Grund für ihren finanziellen Engpass an, im ersten Quartal 2012 waren es nur noch 26,1 Prozent. „Die vergleichsweise gute Situation auf dem Arbeitsmarkt ist erstmals im Jahr 2011, also mit einer Verspätung von eineinhalb Jahren, bei den Überschuldeten sichtbar“, schreiben die Studienautoren.

Finanzprobleme durch Scheidung

An Bedeutung gewonnen haben Scheidungen oder Trennungen. Dies gaben im ersten Quartal 15 Prozent als Hauptauslöser für ihre finanziellen Probleme an, nach 11,7 Prozent in 2009. Ebenfalls eine steigende Tendenz verzeichnen die Experten beim Konsumverhalten mit 13,7 Prozent (2009: 10,7 Prozent) und Krankheiten mit 11,8 Prozent (2009: 9,8 Prozent). Eine gescheiterte Selbstständigkeit wird dagegen seltener genannt. Der Anteil sank auf 7,4 Prozent nach 9,3 Prozent vor drei Jahren.

Die Ratsuchenden sind im Durchschnitt 41 Jahre alt, was nur geringfügig unter dem Durchschnittsalter der Gesamtbevölkerung liegt. Dabei sind 53 Prozent der Menschen, die eine Schuldnerberatungsstelle aufsuchen, Männer. Besonders zugenommen hat die Gruppe der Alleinlebenden unter den überschuldeten Bürgern, sie machen mittlerweile 55,2 Prozent aus. Zurückgegangen ist dagegen der Anteil der Alleinerziehenden: Er sank von 17,4 Prozent auf 15,3 Prozent.

Die Gesamtverschuldung der Menschen, die ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen können, ohne die täglichen Grundbedürfnisse einzuschränken, lag im Vorjahr im Durchschnitt bei 27.260 Euro und damit leicht über dem historischen Tiefstand aus dem Jahr 2010, der 26.897 Euro betrug. Insgesamt gibt es 3,12 Millionen überschuldete Haushalte in Deutschland, schreiben die Studienautoren unter Berufung auf Hochrechnungen. Ein Jahr zuvor wiesen sie mit 3,15 Millionen eine leicht höhere Zahl aus. Für 2012 gehen sie davon aus, dass erneut weniger Menschen in der Schuldenfalle landen.

Die robuste Konjunktur wirkt sich auch positiv auf die Zahl der Verbraucherinsolvenzen aus. Sie sank laut Report mit 101.075 Fällen erstmals seit 2008. Angesichts der sich aktuell andeutenden Konjunkturabschwächung werde dieser Trend im kommenden Jahr aber wohl gestoppt.

Viel Kritik mussten Banken in den vergangenen Jahren einstecken, weil sie trotz Zusage längst nicht jedem Verbraucher ein Konto gaben. Die Auswertung der Fälle zwischen 2006 und dem ersten Quartal 2012 zeigt eine leichte Entspannung. So ist der Anteil der Ratsuchenden ohne eigenes Konto auf 13,5 Prozent gesunken.