E-Commerce

„Wir möchten frei von Fesseln denken“

| Lesedauer: 7 Minuten
André Tauber

Eine gute Idee machte SAP-Gründer Hasso Plattner zum Milliardär. Das soll auch anderen gelingen

„Ladies and Gentlemen“ ruft die Ansagerin ins Mikro. Ihre Stimme zittert leicht. Mit einem Tremolo-Ton ruft sie die Zuschauer auf: „Welcome Hasso Plattner!“ Das Licht geht an. Ein Mann mit grauem Haar tritt in die Manege des voll besetzten Zirkuszelts. Er trägt ein Jackett, darunter ein Poloshirt mit zwei Golfern am Revers. Hasso Plattner stellt sich an ein Sprechpult. Hinter ihm steht ein geschwungenes D – das Logo des d.confestivals, auf dem Studenten und Experten aus aller Welt darüber diskutieren wollen, was hier als „Design Thinking“ beschrieben wird. Eine Methode, um aus drögen IT-Entwicklern kreative Innovatoren zu machen. Langer Applaus.

Plattner. Manche nennen ihn den Steve Jobs der deutschen IT-Branche. In Potsdam wird er einfach nur Hasso genannt. Vor 40 Jahren hat er mit SAP ein Unternehmen geschaffen, das heute eines der Wertvollsten in Deutschland ist. Plattner ist ein Milliardär. Der 67-Jährige könnte sich ein Leben mit viel Freizeit leisten. Doch stattdessen stürzt er sich mit seinen Studenten in die Arbeit. Das Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam ist seine Spielwiese. Hier tobt er sich aus. Seine Mission: Kreativität wecken. „Design Thinking“ ist sein liebstes Kind. Heute ist Plattner in das Zirkuszelt, das auf dem Gelände des Instituts aufgebaut ist, gekommen, um das fünfjährige Bestehen der HPI School of Design Thinking zu feiern. Mittlerweile 120 Studenten aller Disziplinen lernen hier, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. „Wir möchten frei von Fesseln denken“, ruft er den Teilnehmern zu.

Überschaubare Start-Up-Szene

Im Gegensatz zu den USA ist die Start-Up-Szene hierzulande nach wie vor überschaubar. Das hat Gründe: Der Markt in Deutschland ist relativ klein, die Reglementierung ist stark, der Zugang zu Risikokapital begrenzt. Aber auch das kreative Chaos, das sich Plattner wünscht, widerspricht dem deutschen Wesen. Zu lange wird geplant, zu wenig riskiert. „Ich habe nichts gegen Geschäftspläne“, sagt Plattner. „Sie sind aber nicht die Plattform für Innovationen.“

Die jungen Leute soll das Feuer erfassen, das einst auf Plattner übergriff. 40 Jahre ist es her, dass der damals noch junge Nachrichtentechniker sich mit vier Mitstreitern zusammentat. Damals, das war die Zeit der weiten Hosen, der langen Haare – und der großen Computer. Die Maschinen füllten damals ganze Räume.

Plattner und seine Mitgründer hatten keinen Geschäftsplan, dafür aber eine einfache Idee. Sie wollten eine Standardsoftware entwerfen, die auf allen Rechnern funktioniert. Und sie wollten die Daten in Echtzeit verfügbar haben, also über einen Monitor ablesen, statt sie auf Papier auszudrucken. Das technische Wissen hatten sie zwar, doch von Betriebswirtschaft verstanden sie nichts. Also setzten sie sich in ein Unternehmen, schauten den Angestellten über die Schulter, stellen Fragen und lernten wie etwa Materialplanung und Rechnungswesen funktionierten. Fast zwei Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung werden heute über die Software von SAP erbracht. So ähnlich funktioniert auch Design Thinking. Die Methode, die der Elektroingenieur David Kelley in den USA entwickelte, sieht vor, dass Unternehmen möglichst Gruppen von Fachfremden zusammenstellen. Aus allen Disziplinen sollen die Teilnehmer kommen. Sie sollen gemeinsam mit dem Unternehmen an einer konkreten Fragestellung arbeiten: Wie vereinfachen wir den Umgang mit Demenzkranken? Wie können wir den Kunden helfen, besser zu haushalten?

Die Methode verfolgt einen Dreiklang. „Etwas muss begehrt sein, dann können wir herausfinden, ob etwas realisierbar ist und parallel darüber nachdenken, ob etwas rentabel ist.“ Scheitern gehöre zur Methode, sagt Plattner. Im dritten Stockwerk des HPI ist die Werkstatt der Kreativen untergebracht. Bananenförmig legt sich der Raum um ein Atrium. Die Möbel haben alle Rollen. Tische, Sofas, Beisteller und Trennwände – alles soll verschiebbar sein. In einem Regal sind Kisten mit Knetmassen, Wollknäueln, Legosteinen untergebracht.

Das wirkt wie eine Spielwiese. Es ist aber ernst. Das weiß Jim Hagemann Snabe genau. Der Däne ist einer der beiden Vorstandschefs von SAP. Seine Aufgabe ist es, die Methoden von Plattner bei SAP in der Praxis anzuwenden. Plattner wacht darüber als Aufsichtsratschef von SAP.

Innovationskraft hat SAP dringend nötig. Das Unternehmen steckt in einem Wandel. Über Jahrzehnte hinweg konnte es allein mit dem Verkauf und der Wartung von Standardprogrammen bestehen. Doch hier stößt SAP langfristig an Wachstumsgrenzen. Die Zukunft liegt im Geschäft mit mobilen Anwendungen sowie Lösungen für Mietsoftware im Netz – die „Cloud“. Die Reputation des Unternehmens war es vor es bis vor zwei Jahren gewesen, solide Arbeit zu machen, aber wenig innovativ zu sein, sagt Snabe. Damals hatte der langjährige Vorstandschef Leo Apotheker überraschend seinen Hut nehmen müssen. Plattner hatte ihn Anfang 2010 rausgeworfen und sich für eine Doppelspitze entschieden.

Manager müssen mitspielen

Seitdem hat sich viel getan bei SAP. Snabe hat sich mit seinem Co-Vorstandschef Bill McDermott vorgenommen, die Ingenieure und Entwickler aufzuwecken. Zuerst nahmen sie sich die Organisation vor. Statt Teams bis zu einem Jahr an Projekten arbeiten zu lassen, entwickeln sie heute in Vier-Wochen-Zyklen. Jetzt wird „Design Thinking“ nach und nach im ganzen Unternehmen eingeführt. Am sichtbarsten ist die neue SAP in den so genannten App-Häusern. In diesen Zentren, die sich etwa im Silicon Valley und Shanghai befinden, entwickeln Teams in kurzen Takten Anwendungen für Mobilgeräte.

Zahlreiche Unternehmen entdecken die Methode. 70 Firmen haben in den vergangenen fünf Jahren den Studenten am HPI Aufgaben gestellt, darunter Metro, Otto, Deutsche Bahn, Deutsche Telekom. Die Methode verlangt, dass sich Manager plötzlich sehr naiven Fragen stellen, mitreden, statt nur den Ton anzugeben. Sie zum Mitmachen zu gewinnen, das sei die Hauptherausforderung, sagt Plattner. „Hört auf mit den Machtspielen und damit, den Boss zu spielen. Beginnt, neugierig zu sein“, sagt er an die Adresse der Manager. An der Universität Stanford, an der er ebenfalls die Hasso Plattner School of Design sponsert, werden Manager auch deswegen teils zu vier- bis sechsjährigen Kindern geschickt, um endlich wieder zuhören zu lernen.

Plattner ist optimistisch. Man habe sich über die Jahrzehnte vom einst schnellen und flexiblen Unternehmen entfernt, das eng mit den Kunden Programme entwickle. Aber: „SAP ist wieder auf einem gut Weg, sich zu besinnen“, sagt er. Ob er sich also weiter einbringen wird? Plattner winkt ab. Es sei typisch deutsch, das zu hinterfragen. Sich ein Haus auf Mallorca zu kaufen und aufs Altenteil zu begeben, das ist nicht seine Art. Er wird also weiter Innovationen vorantreiben.