Standort

„Wir haben nichts gegen Berlin“

Die Bayer-Belegschaft dürfte das anders sehen. Die Pharmamanager Andreas Fibig und Andreas Busch über die Entwicklung des Standorts

– Für die Belegschaft ist es ein Schock: Die Arbeitsplätze von 300 Bayer-Forschern sollen verlagert oder abgebaut werden. Nun stehen harte Verhandlungen mit dem Betriebsrat an. „Das ist eine große Schwächung für den Standort“, sagte Betriebsratschef Yüksel Karaaslan. Im Gespräch mit Hans Evert weisen die Pharma-Vorstände Andreas Fibig und Andreas Busch diesen Vorwurf zurück.

Berliner Morgenpost:

Herr Busch, Herr Fibig, Bayer will weitere 300 Forscher aus Berlin abziehen. Der Konzern entwertet seit Jahren den Standort. Was hat Ihr Unternehmen gegen Berlin?

Andreas Fibig:

Zunächst einmal: Wir haben nichts gegen Berlin, im Gegenteil. Berlin ist und bleibt unser wichtigster Pharmastandort. Von hier steuern wir einen Konzernumsatz von rund zehn Milliarden Euro. Und wenn man sich die Entwicklung der Stellen anschaut: Vor der Übernahme von Schering durch Bayer waren es hier in Berlin zirka 5400 Mitarbeiter, jetzt sind es rund 4500. Das ist ein relativ moderater Abbau. Wir haben die Krebsforschung sowie die Forschung im Bereich gynäkologischer Therapien hier konzentriert. Außerdem steuern wir aus Berlin alle weltweiten strategischen Marketingaktivitäten. Der Personalabbau ist längst nicht so dramatisch, wie es oft dargestellt wird.

Seit 2006 wurden viele Arbeitsplätze abgebaut. Die Umgestaltung des Geländes nebst Neubau der Zentrale ist abgesagt. Es wird gern die Bedeutung des Standorts betont, aber anders gehandelt.

Fibig:

Da muss ich Ihnen widersprechen. Wir investieren in erheblichem Umfang hier in Berlin. Wir haben erst kürzlich für 20 Millionen Euro eine neue Produktionsanlage gebaut. In den nächsten fünf Jahren stecken wir 45 Millionen Euro in die Forschungslabore. Es gibt hier am Standort natürlich Veränderungen. Aber wir bauen nicht nur ab, sondern es kommt auch Neues hinzu. Es ist ein dynamischer Prozess.

Für den Pharma Campus waren angeblich 500 Millionen Euro eingeplant. Was Sie aufzählen, sind Bestandsinvestitionen. An Bedeutung hat Berlin eingebüßt.

Andreas Busch:

Diese Summe kann ich nicht nachvollziehen. Richtig ist, dass die Bedeutung unseres Standorts Berlin in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Und die Forscher merken bereits erste Erfolge mit neuen Projekten, die in die klinische Phase eintreten. Darüber hinaus wollen wir ein Konzept entwickeln, um jungen Unternehmen aus der Gesundheitsbranche in Berlin günstig Laborflächen zur Verfügung zu stellen. Ein solches Modell haben wir gerade an unserem Standort in San Francisco eröffnet.

Wie passt das mit dem aktuellen Abbau gerade im Bereich Forschung und Entwicklung zusammen?

Busch:

Wir haben mehrere Forschungsstandorte. Jeder hat ein spezielles Profil und muss sich im Wettbewerb behaupten. Wir wollen das Beste aus jedem Standort herausholen. Ein wesentlicher Standortvorteil von Berlin ist die örtliche Forschungslandschaft, mit der wir uns vernetzen. Deshalb haben wir unseren forschungs- und kooperationsintensivsten Bereich, die Onkologie, hier konzentriert und dafür in Wuppertal abgebaut. Leider wird häufig nur wahrgenommen, was abgebaut wird, nicht, was dazu kommt.

Hier in Berlin erachtet man Bayer neben der Charité als wichtigste Säule für die Entwicklung der Gesundheitswirtschaft. Diese Rolle kann Bayer kaum noch ausüben.

Fibig:

Da muss ich Ihnen widersprechen. Natürlich konnte sich die Hauptstadt früher mit Schering als Dax-Unternehmen schmücken. Allerdings machte das Unternehmen damals kaum mehr als fünf Milliarden Euro Jahresumsatz. Jetzt bewegen wir aus Berlin heraus einen viel größeren Umsatz. Ich kann Ihnen versichern: Wir werden in Berlin weiterhin die Rolle eines Schwergewichts, eines Ankers für die Industrie spielen.

Wie wollen Sie das tun?

Fibig:

Wir fördern junge Biotechunternehmen. Mit Berlin Partner haben wir beispielsweise auf der wichtigsten Biotech-Messe in den USA einen gemeinsamen Auftritt. Wir helfen dabei, Investoren für Biotechnologie hierher in die Stadt zu holen. Und mit Forschungseinrichtungen, vor allem Charité und Max-Delbrück-Zentrum, haben wir ohnehin viele gemeinsame Projekte. Die Zusammenlegung der beiden Institutionen begrüßen wir ausdrücklich. Und Berlin als Metropole ist einfach ein gutes Argument, wenn man Fachkräfte sucht.

Aber seit Jahren haben Sie hier am Standort Unruhe, was nicht zur Attraktivität beiträgt. Sollten Sie in Berlin nicht mal einfach etwas zur Ruhe kommen?

Fibig:

Theoretisch hört sich das gut an. Jeder wünscht sich das wahrscheinlich. Allein: Unser Branchenumfeld ist derart dynamisch. Wir sind dem Zwang der permanenten Veränderung unterworfen. Diesen Prozess müssen wir gut begleiten und managen, was nicht immer einfach ist. Ich verstehe, dass einige Mitarbeiter dies belastet. Aber ich glaube, es wird besser. Das signalisiert uns beispielsweise die letzte Mitarbeiterbefragung des Konzerns.

Wie hat der Standort Berlin bei der Befragung abgeschnitten?

Fibig:

Der hat sich nach vorn entwickelt wobei zugegeben werden muss, dass wir aus einer Talsohle kamen. Man sollte nicht alles nur durch die Berliner Brille betrachten. Deutschland ist eher nicht dafür bekannt, Veränderungen zu begrüßen. Das scheint nicht unser Naturell zu sein. Ich sehe zum Beispiel, wie sehr es Bayer Pharma im Kontrast zu anderen Unternehmen geschafft hat, viele Forschungsarbeitsplätze in Deutschland zu halten. Darauf kommt es doch auch an.