Tarifkonflikt

Lufthansa beugt sich den Flugbegleitern

Konzern wird Leihstewardessen fest anstellen. Schlichtungsverfahren soll strittige Punkte klären. Streiks bis auf weiteres ausgeschlossen

- Am Nachmittag ist es soweit: Die Lufthansa geht einen großen Schritt auf die streikenden Flugbegleiter zu und streicht ein Projekt, mit dem der Konzern vor allem Personalkosten sparen wollte. Leihstewardessen wird es auf Flügen von und nach Berlin nicht mehr geben. Da hatten die Flugbegleiter bereits 16 Stunden lang bundesweit an allen Flughäfen gestreikt. Am Abend ist dann klar: Die Gewerkschaft Ufo und die Lufthansa beauftragen einen Schlichter, den Streit zu lösen. Von Sonnabend an gilt die Friedenspflicht. Flugreisende können wieder normal planen.

Schon seit Mittwoch deutete sich an, dass sich im Tarifstreit etwas bewegt. So gab es Gerüchte, die Lufthansa strebe eine Schlichtung an. Und Nicoley Baublies hatte eine Vorahnung, nachdem der Konzern am Donnerstag bereits vorsorglich 1000 der geplanten 1800 Flüge am Freitag gestrichen hatte. "Ich habe gespürt, jetzt hissen sie die weiße Fahne", sagt Nicoley Baublies, Vorsitzender der Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo, am Freitag. "Ich musste zum Handy greifen und Lufthansa anrufen", berichtet der 39-Jährige. "Wir kriegen den Kranich wieder hoch, habe ich gesagt." Ufo hat mit dem Streik seit einer Woche einen Arbeitskampf bisher ungekannten Ausmaßes gestartet. Selbst die Pilotenstreiks 2001 und 2010 hatten nicht solch eine durchschlagende Wirkung.

Jetzt also dies: Lufthansa verzichte "einseitig, auf absehbare Zeit und ohne weitere Vorbedingungen auf den Einsatz von externen Kabinencrews in Berlin", verkündete Vorstandschef Christoph Franz. Die rund 200 betroffenen Stewardessen der Zeitarbeitsfirma Aviation Power sollen 2013 Jobangebote der Lufthansa erhalten. Die Leiharbeiter waren einer der zentralen Streitpunkte zwischen Konzern und Ufo - neben dem Sparprogramm und mehr Gehalt.

Franz versprach sich Fortschritte in den festgefahrenen Tarifverhandlungen für die rund 18.000 Flugbegleiter der Lufthansa Passage. Und es gab sie dann auch tatsächlich.

Noch am Freitag hatten die Leiharbeiter dafür gesorgt, dass Lufthansa aus Berlin Europaflüge anbieten konnte, während die Lufthansa-Crews streikten. Passage-Vorstand Carsten Spohr dankte am Flughafen Tegel den Beschäftigten und kündigte die Job-Angebote für das kommende Jahr an. "Damit haben sie eine sichere und gute Perspektive in unserem Konzern."

Ufo-Chef Baublies signalisierte denn auch "Kompromissbereitschaft" bei den Sparplänen des Konzerns. Nun stünden Verhandlungen im Vordergrund, sagte er. Weitere Streiks solle es zunächst nicht geben.

Der Streik lief bis dahin überraschend ruhig. Air Berlin, Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft, und in Berlin der größte Konkurrent der Lufthansa, hatte größere Maschinen eingesetzt und profitierte. Auch die deutsche Bahn setzte zusätzliche Züge ein.

Paris statt München

Mit Kurznachrichten und E-Mails an die Passagiere hatte Lufthansa versucht, ein Chaos in Berlin-Tegel wie auch an den anderen Flughäfen zu verhindern. Lufthansa-Sprecher Wolfgang Weber zufolge fiel die Hälfte der 80 geplanten Flüge in Tegel aus. Gerrardo Morra kam dennoch zum Flughafen. Er wollte mit seiner sechsköpfigen Familie nach Venezuela fliegen. Sein Flug nach Frankfurt/Main, auf den der Interkontinentalflug folgen sollte, fiel aus. Familie Morra kehrte kurzerhand ins Hotel zurück. Sie fragten sich allerdings, wer die Verlängerung ihrer Berlin-Reise bezahlen soll.

Shruti Choswdhury aus Indien hatte sich noch in der Nacht um Ersatz gekümmert. "Letzte Nacht hat mich meine Mutter angerufen und vom Streik erzählt. Danach hatte ich das Gefühl, ich komme nie wieder nach Hause und bin sofort zum Flughafen gefahren." Die 23-Jährige bekam einen Flug nach Paris und war nicht mehr auf den Stopp in München angewiesen, um nach Mumbai zu gelangen.

Am frühen Morgen bildeten sich dann trotz aller Vorkehrungen lange Schlangen an den Service-Schaltern. Reisende wollten wissen, wie sie weiterkommen, wurden teilweise auf andere Fluglinien oder Züge umgebucht. Die Gewerkschaft Ufo schätzte, dass sich in Berlin rund 150 der 200 Lufthansa-Flugbegleiter am Streik beteiligten.

Berlin Hauptbahnhof. Um 6.30 Uhr war noch nicht viel mehr los als sonst. Der Infostand der Bahn am Europaplatz-Eingang des Hauptbahnhofs war, wie immer, mit zwei Leuten besetzt. "Noch ist alles wie immer am Freitagmorgen, erst 5-6 LH-Passagiere waren hier, um mit einem Voucher die Bahn zu nehmen. Aber gegen 8-9 Uhr wird es wohl richtig losgehen", sagte die Dame am DB-Infostand.

Am Hauptbahnhof blieb es insgesamt recht ruhig, zusätzliche Züge fuhren nicht. Allerdings war schon zu spüren, dass mehr Menschen als sonst mit dem Zug fahren wollten. Einer war Husam Saif. "Ich bin das erste mal in Deutschland, ich komme aus Bahrain, um meine Familie hier zu besuchen", sagte der 48-Jährige. "Eigentlich wollte ich heute Morgen von Berlin aus nach Frankfurt fliegen, um dann den Anschluss nach Bahrain zu nehmen. Gestern kam dann eine E-Mail von Lufthansa: Flug gecancelt. Keine Entschuldigung, keine Entschädigung. Das wirft ein schlechtes Licht auf Deutschland und die Lufthansa."