Tarifkonflikt

Arbeitskampf im Traumberuf

Das Kabinenpersonal der Lufthansa streikt. Trotz des Ausstandes wollen noch immer viele Steward oder Stewardess werden

- Bis zum 55. Lebensjahr - länger will Lufthansa-Steward Markus Stiegler nicht fliegen. Jetzt ist er 35, bis zur Altersgrenze hat er also noch 20 Jahre. Fliegen sei seine Leidenschaft, sagt er. "Wenn ich vier Wochen zu Hause bin, werde ich richtig unruhig." Für ihn und viele seiner Kollegen gilt das. Der Kabinenjob ist immer noch ein Traumberuf - obwohl die Flugbegleiter schon mal als "Saftschubser" angepöbelt werden, bei vielen auf den Langstrecken der Wach-Schlaf-Rhythmus durcheinandergerät, sich die tägliche Arbeitszeit in der trockenen Kabinenluft weit über zehn Stunden hinziehen kann oder Bereitschaftsdienste zu leisten sind.

Vor allem junge Leute stört das wenig. Viele Berufsanfänger wissen nach dem Abitur oder einer Ausbildung nicht so recht, was sie werden sollen, und melden sich deshalb zur Aufnahmeprüfung bei einer Airline an. Die meisten sind fasziniert von der Aussicht, "fremde Länder zu entdecken" - und landen erst einmal auf der Kurzstrecke im Pendelverkehr zwischen Berlin und München. Dazu kommen die Arbeitsbedingungen, die härter werden. Der Kostendruck im harten Wettbewerb der Luftfahrtgesellschaften hat auch die Lufthansa-Idylle getrübt. Es gibt Flugbegleiter, die als Leiharbeiter beschäftigt sind. Zudem fürchten die Stewards und Stewardessen, Auslagerungen in Gesellschaften, wo kein Tarifvertrag gilt.

Ausbildung in Teilzeit

Dennoch sind gerade Jobs bei der Lufthansa äußerst begehrt. Dort lässt sich die "große weite Welt" am ehesten erleben, da sie das größte globale Streckennetz hat. Nadine Behr (37) hat sich gleich nach dem Abitur bei Condor beworben. Sie war schon in Barbados, Phuket, Cancún oder auf Mauritius. Aber ihr Lieblingsziel sind die Malediven: "Die Inseln sind ein Traum." Derzeit ist sie aber meistens in Kelsterbach, wo die zum britischen Reisekonzern Thomas Cook gehörende Ferienfluggesellschaft ihren Sitz hat. Sie ist gerade Mutter geworden und bildet nun in Teilzeit den Kabinennachwuchs aus. Der muss während eines dreimonatigen Lehrgangs in ruckeligen, lauten Flugzeugsimulatoren immer wieder "springen, rutschen, Feuer löschen".

Diese Übung muss verinnerlicht werden. Wenn ein Flugzeug verunglückt, müssen die Servierkräfte binnen weniger Minuten lauthals die Fluggäste ins Freie befördern. Am 2. August 2005 donnerte und blitzte es über dem kanadischen Flughafen Toronto, es regnete heftig. Die Maschine der Air France aus Paris setzte zu spät auf der Landebahn auf, der 54-jährige Pilot Alain Rosaye bremste. Aber es reichte nicht mehr: Der Airbus A340-313X rollte mit 309 Menschen an Bord 200 Meter über das Ende der Bahn hinaus in einen Wald und kam erst zum Stehen, als er in einen 30 Meter tiefen Graben stürzte. Dort zerbarst das Flugzeug. In der Mitte der Maschine brach Feuer aus und blockierte einige Notausgänge, außerdem versagten zwei Notrutschen. Trotzdem gelang den zwölf Crew-Mitgliedern die Evakuierung des Flugzeugs innerhalb von zwei Minuten nach der Bruchlandung. Copilot Frideric Naud verließ das Wrack als Letzter. Die Maschine brannte völlig aus, aber es gab nur Leichtverletzte.

Solche dramatischen Ereignisse erleben aber glücklicherweise nur wenige Flugbegleiter in ihrer Karriere. Der Alltag ist weit weniger gefährlich. Für viele geht es darum, sich für die Zeit nach der Fliegerei zu qualifizieren. Lufthansa-Steward Stiegler hat vor einigen Jahren in München an der Fachhochschule Tourismusmanagement studiert. Währenddessen hat er seine Arbeitszeit auf rund 35 "Blockstunden" halbiert. Blockstunden: Das ist die Zeit vom Start bis zur Landung. Stiegler flog dann meistens zwei verlängerte Wochenenden im Monat und ging während der restlichen Zeit zur Uni.

Danach hat er lange überlegt, wie es beruflich für ihn weitergehen soll - auch, ob ihm das Lufthansa-Gehalt im teuren München auf Dauer reichen würde. Viele seiner Kollegen wohnen ohnehin abseits der großen Lufthansa-Drehkreuze Frankfurt und München. Nicht wenige pendeln mit verbilligten Tickets zum Beispiel aus Berlin zu ihrem Arbeitsplatz in einem der großen Langstreckenflugzeuge, die in München oder Frankfurt starten.

Lufthansa-Steward Stefan Kaiser wohnt in Fulda und fährt meistens mit dem Auto zur Arbeit nach Frankfurt. Er genießt auch noch nach 22 Jahren das Reisen um die Welt, überall hat er Freunde. Schattenseiten seines Berufs sieht er allerdings auch: "Man verpasst schon viele wichtige Dinge, bei denen man eigentlich zu Hause sein sollte." Am Tag der Einschulung seiner Tochter war er beispielsweise in der Luft. Die Mutter des Kindes hatte dann nach fünf Jahren genug von Kaisers Reiserei. "Sie hat gesagt, sie will einen Mann, der auch mal abends zu Hause ist." Das Paar trennte sich. Kaiser ist mittlerweile seit 14 Jahren mit einer Kollegin zusammen, und praktischerweise fliegen sie oft in der gleichen Crew.

17 Gehaltsstufen

Laut Lufthansa liegen die Jahresgrundgehälter in der Kabine zwischen 22.420 Euro und 70.000 Euro für die Erfahrensten. Das sind die Teamchefs in der Kabine - ein anspruchsvoller Job. Alle müssen auf jedem Flug mit neuen Kollegen klarkommen. "Es ist schon schwierig, innerhalb von wenigen Minuten mit Kollegen ein Team zu bilden", sagt Stiegler. "Dazu braucht es sehr viel Feingefühl."

Bei der Lufthansa gibt es noch aus alten Zeiten als Staats-Airline 17 Gehaltsstufen. Diverse Zulagen werden bei allen Gesellschaften gezahlt, zum Beispiel für Schichtarbeit und Überstunden. Dazu kommt ein in der Regel passabler Spesensatz während der sogenannten Layovers, also der Zeit zwischen zwei Flügen im Ausland. Außerdem sind die Kabinenmitarbeiter prozentual am Bordverkauf beteiligt, da werden auf Langstrecken schon mal 200 Euro nebenbei verdient.

Lufthansa-Steward Stiegler entschied sich wie viele seiner Kollegen, die studiert oder eine weitere Berufsausbildung gemacht haben, für den Job über den Wolken. Heute, wieder in Vollzeit, ist er im Monat 15 Tage unterwegs. Und lernt immer noch dazu. Er schaut Gästen aus Japan "nicht mehr direkt in die Augen" und bietet Getränke unaufdringlich freundlich mit beiden Händen an.