Benzin

Wer soll das bezahlen?

Die Spritpreise klettern auf Rekordniveau - und werden so schnell nicht wieder sinken

- Benzin ist so teuer wie noch nie. Ein Liter Super E10 kostete nach ADAC-Berechnungen am vergangenen Samstag 1,692 Euro je Liter. Damit wurde der bisherige Rekordstand vom 18. April dieses Jahres um fast zwei Cent übertroffen, wie der ADAC am Montag mitteilte. An vielen Tankstellen kletterte der Literpreis für E10 auch über die Marke von 1,70 Euro - zum Teil sogar deutlich, etwa an manchen Autobahn-Stationen. Diesel lag mit 1,536 Euro nur 0,3 Cent unter dem Allzeithoch vom 22. März dieses Jahres. Eine Besserung ist nicht in Sicht: Autofahrer müssen sich an Kosten jenseits von 1,70 Euro für einen Liter Benzin gewöhnen.

Wer profitiert davon, wenn die Preise an den Tankstellen wieder steigen?

Für die Preise an den Tankstellen sind drei Faktoren entscheidend: Der hohe Rohölpreis, der schwache Euro und höhere Gewinne der Raffinerien. Über Rohölpreis und Eurokurs können sich vor allem die Besitzer des Rohöls freuen, die somit eine wertvollere Ware zu verkaufen haben. Für Deutschland sind das an erster Stelle Russland, das mehr als ein Drittel des Rohöls liefert, aber auch die Öllieferanten aus Großbritannien, Norwegen und Kasachstan. Die höheren Gewinne der Raffinerien stabilisieren diesen Wirtschaftsbereich, der in den vergangenen Jahren unter Überkapazitäten, Schließungen und Insolvenzen zu leiden hatte. Gegenwärtig weist der Marktindex von BP für Raffinerien in Nordwesteuropa eine Bruttomarge von 18,79 Dollar je Barrel aus. Das ist sowohl im Zeitvergleich als auch im Vergleich zu anderen Regionen sehr hoch. Das ist aber nicht der Gewinn; die Kosten für die Verarbeitung des Rohöls zu Ölprodukten müssen abgezogen werden.

Wer macht die Preise am Rohölmarkt?

Die Preisfindung ist ein relativ intransparenter Prozess, an dem Rohölhändler und Preisagenturen beteiligt sind. Entscheidend sind letztlich die Kurse an den Rohstoffbörsen, die stark von Erwartungen und Faktoren außerhalb des physischen Ölmarktes geprägt sind. Die Schwankungen des Rohölpreises haben sich in den vergangenen Jahren deshalb verstärkt; der Preisanstieg um rund 30 Prozent innerhalb von sieben Wochen ist ohne den Einfluss der Finanzmärkte kaum zu erklären.

Der Hamburger Experte Steffen Bukold hat seit Ende Juni, als die Preise wieder zu steigen begannen, eine verstärkte Rohöl-Spekulation beobachtet. Seit längerem hat sich das Interesse der Spekulanten von der amerikanischen Sorte WTI auf die Nordsee-Sorte Brent verlagert. Während früher das etwas höherwertige WTI um ein paar Dollar teurer war als Brent, wird nun das Nordsee-Öl um rund 16 Dollar höher notiert. Das müssen die europäischen Autofahrer tragen.

Was passiert mit den Gewinnen?

Soweit sie bei den Ölkonzernen anfallen, werden die Gewinne eingesetzt für Investitionen in die Erschließung neuer Öl- und Gasfelder und als Dividenden an die Aktionäre ausgeschüttet. Die Gewinne der Ölkonzerne können sehr hoch ausfallen, aber auch mal abstürzen wie im vergangenen Quartal. Generell ist die Förderung und Vermarktung von Bodenschätzen ein sehr langfristig angelegtes und kapitalintensives Geschäft, die Spekulation an den Rohstoffmärkten dagegen auf kurzfristige Gewinne angelegt. Die Gewinne aus der Ölförderung fließen zum Teil in Form von Aufträgen zurück nach Deutschland und Westeuropa. Dieses Phänomen ist seit langem unter dem Namen "Petrodollar-Recycling" bekannt. So legten die deutschen Exporte nach Russland im vergangenen Jahr um 34 Prozent auf mehr als 27 Milliarden Euro zu. Die deutsche Wirtschaft sieht in Russland einen weiter stark wachsenden Exportmarkt.

Was müsste passieren, damit die Preise an den Tankstellen sinken?

Der Rohölpreis müsste fallen. Das ist nachhaltig nicht zu erwarten, wenngleich es auch immer Schwankungen nach unten geben kann. Laut Bukold wird schon in wenigen Jahren das weltweite Angebot die Nachfrage nicht mehr decken. Die Preise würden jedoch schon vorher steigen; der Hamburger Experte erwartet im kommenden Jahr einen Rohölpreis von 150 Dollar je Barrel. Oder der Euro müsste steigen. Das ist angesichts der Unsicherheit um die Zukunft der Währung und des Euroraums ebenfalls nicht sehr wahrscheinlich. Die Verbraucher zahlen mit teureren Importgütern - und dazu zählen Ölprodukte - für die Euro-Krise. Wenig zu erwarten haben die Autofahrer von staatlichen Eingriffen wie der geplanten Markttransparenzstelle oder so genannten Benzinpreisbremsen, die einen Preis für eine Zeitlang fixieren sollen. Solche Modelle zielen im Wesentlichen auf den Wettbewerb unter den Tankstellen, wo aber nur vergleichsweise geringe Gewinne anfallen und die Margen knapp sind. Sie würden nach den Erfahrungen im Ausland bestenfalls die täglichen heftigen Preisschwankungen eindämmen, über die sich viele Autofahrer ärgern. Billiger würde der Sprit dadurch nicht.

Gleichwohl will sich das Kartellamt die Preisentwicklung anschauen. "Die hohen Preise zeigen doch, dass mehr Transparenz notwendig ist", sagte Kartellamtschef Andreas Mundt der Morgenpost. Die Behörde habe nachgewiesen, dass auf dem deutschen Benzinmarkt der Wettbewerb nicht in vollem Umfang funktioniere, die Konzerne würden die Konzentration für ihre Preisgestaltung nutzen. "Wir sehen Handlungsbedarf", sagte Mundt.