Nahrungsmittel

Warum unser Essen teurer wird

Weltweit steigen die Preise für Nahrungsmittel. Noch spüren deutsche Verbraucher davon wenig. Doch das dürfte sich bald ändern

- Während an Berliner Frühstückstisch die Brötchen aufgeschnitten werden, versengt die glühende Hitze des amerikanischen mittleren Westens gerade wieder die Getreide- und Sojafelder. Bauern schlachten ihr Vieh, weil sie keine Futtermittel mehr haben. 30 Bundesstaaten haben Teile ihres Territoriums schon zu Katastrophengebieten erklärt. Die Preise für Weizen, Mais und Soja an den Terminbörsen explodieren, teilweise haben sie sogar schon die Rekordpreise aus der Zeit der Spekulationsblase im Sommer 2008 übertroffen. Und das wird auch den deutschen Frühstückstisch erreichen.

"Höhere Produktionskosten müssen in die Produktpreise einfließen", warnt der Verband Deutscher Mühlen. "Wir werden die Preise anpassen müssen", sagt auch Amin Werner, Geschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks. Und Jürgen-Michael Gottinger von der Unternehmensberatung Dr. Wieselhuber & Partner prophezeit zehn Prozent Preissteigerung bei Nudeln - mit einer Milliarde Kilo Marktvolumen eines der wichtigsten Nahrungsmittel in Deutschland.

Dabei erscheint es auf den ersten Blick absurd, dass die Preise steigen sollen. Denn die Ernte hierzulande verspricht ausgesprochen gut auszufallen. 44 Millionen Tonnen Getreide dürften die Bauern dieser Tage in die Scheunen fahren, rund 2,5 Millionen Tonnen mehr als im Vorjahr (siehe Interview). Und Deutschlands Bäckereien beispielsweise verarbeiten zu 95 Prozent heimisches Getreide. Mehr noch: Auch in den USA wird die Weizenernte in diesem Jahr aller Voraussicht nach sogar besser ausfallen als vergangenes Jahr, trotz Dürre. Wo also liegt das Problem?

Von der Dürre in den USA sind in erster Linie Mais- und Sojapflanzen betroffen. Bei Mais dürfte die Ernte bis zu 17 Prozent unter dem Vorjahr liegen, und selbst wenn nun in allernächster Zeit doch noch Regen einsetzen sollte, wäre kaum noch etwas zu retten. Bei Soja wäre die Chance größer, dass sich in einem solchen Falle die Pflanzen noch erholen könnten. Doch auch hier ist der Schaden schon jetzt groß.

Die entsprechend hohen Preise bei Mais und Soja wiederum haben dazu geführt, dass viele Bauern auf Weizen als Futtermittel umgestiegen sind. Den wiederum besorgen sie sich weltweit. Und da gleichzeitig die Weizenproduktion in Russland und Kasachstan ebenfalls aufgrund schlechter Wetterbedingungen eingebrochen ist, steigen weltweit die Preise für Weizen. Auch in Deutschland.

Getreidepreis auf 25-Jahres-Hoch

Die deutschen Mühlen müssen derzeit das Getreide für die Brotmehlproduktion so teuer einkaufen wie noch nie in den vergangenen 25 Jahren. Allein gegenüber Dezember 2011 hat sich der Preis für eine Tonne Brotweizen nach Angaben des Verbandes Deutscher Mühlen (VDM) um rund 70 Euro auf 270 Euro erhöht. Und da die Rohstoffkosten bei den Mühlen rund 80 Prozent der Kalkulation ausmachen, ist die Folge klar. "Diese Belastung müssen wir weitergeben, sonst sind die Mühlen pleite", sagt VDM-Hauptgeschäftsführer Manfred Weizbauer.

Das wiederum bekommen die Bäcker zu spüren. Allerdings spielen hier die Rohstoffkosten für den Verkaufspreis des Endprodukts bereits eine geringere Rolle. Bei Standardartikeln wie Brot und Brötchen etwa entfallen bei kleinen Handwerksbetrieben zwischen 18 und 25 Prozent der Kosten auf die Rohstoffe, bei anderen Produkten kann es noch deutlich weniger sein, bei Croissants beispielsweise rund fünf Prozent. Der größte Kostenblock sind dagegen mit 40 bis 50 Prozent die Ausgaben fürs Personal, Energie schlägt mit neun bis elf Prozent zu Buche, die Mehrwertsteuer mit sieben Prozent. Der Rest entfällt auf die Kosten für Verpackung, Miete und Logistik. Dennoch: Auch diese anderen Kosten steigen. Und deshalb müssen kleine und große Bäckereien die Preise erhöhen. Eigentlich.

Noch bremst der Einzelhandel

Denn die große Frage ist, ob sie und all die anderen Hersteller von Nahrungsmitteln dies auch durchsetzen können. Denn das entscheidende Nadelöhr auf dem Weg dorthin, das bisher dazu beigetragen hat, dass die Lebensmittelpreise in Deutschland so niedrig sind wie in keinem anderen westlichen Industrieland, ist der Handel. Im Einzelhandel sind Preiserhöhungen wegen des Konkurrenzkampfs generell schwer durchzusetzen. "Die Hersteller können steigende Rohstoffpreise nur bedingt weitergeben, denn in der Lebensmittelbranche gibt es ein Ungleichgewicht zwischen Handel und Industrie", sagt Christian Köhler, Hauptgeschäftsführer des Markenverbandes. "Von Augenhöhe kann in den Verhandlungen keine Rede sein", sagt er.

Und genau solche Verhandlungen stehen in den kommenden Wochen wieder an, die sogenannten Jahresgespräche zwischen Handel und Herstellern, bei denen es um die Preise der nächsten zwölf Monate geht. Hierbei geht es schon zu normalen Zeiten richtig zur Sache. Da dominieren bei manchen Unternehmen Gebrüll, Flüche, Vorwürfe und die Drohung mit dem Abbruch der Geschäftsbeziehungen. Verhandlungsdelegationen sollen von der Gegenseite sogar schon mal am Freitagnachmittag im Saal einschlossen worden sein, um den Druck zu erhöhen. "Tarifverhandlungen mit Ver.di sind nichts dagegen", sagt ein regelmäßiger Teilnehmer an diesen Verhandlungen.

In Zeiten wie diesen, da die gestiegenen Rohstoffpreise den Druck erhöhen, wird der Kampf noch brutaler. "Die Handelsketten nutzen ihre starke Marktstellung schamlos aus, es gibt ja nur noch vier große Gruppen, die über 80 Prozent des Marktes dominieren", schimpft der Eigentümer eines mittelständischen Lebensmittelherstellers. "Einige Händler sagen einfach: Wir zahlen nur 20 Prozent der Rohstoffkosten, aber nicht mehr. Sonst schmeißen wir euch raus und bestellen bei jemand anderem." Kaum ein Hersteller kann es sich jedoch leisten, über Nacht 30 Prozent des Umsatzes zu verlieren. So nimmt er wohl oder übel einen Teil der Preiserhöhungen auf die eigene Rechnung - in der Hoffnung, dass irgendwann alles besser wird.

Doch genau hier liegt das Problem: Diesmal ist der Preisauftrieb weit weniger von der Spekulation an den Finanzmärkten getrieben. Diesmal sind vor allem grundlegende Entwicklungen an den Weltmärkten die Ursache. Und das dürfte wohl zu anhaltend hohen Rohstoffpreisen führen. Grund ist vor allem die wachsende Nachfrage in den aufstrebenden Schwellenländern. Prognosen der Welternährungsorganisation FAO zufolge wird der Verbrauch dort in den kommenden zehn Jahren drastisch zunehmen. Dies wiederum wirkt sich auf die allgemeine Entwicklung der Nahrungsmittelspreise gleich doppelt aus. Denn um beispielsweise ein Kilo Rindfleisch zu produzieren, müssen rund zehn Kilo Getreide verfüttert werden. Die Produktion von Soja oder Mais muss also rasant wachsen, um den Bedarf der Viehzüchter decken zu können.

Gleichzeitig gibt es aber noch eine andere Industrie, die immer stärker auf genau diese Pflanzen zurückgreift: die Ethanolhersteller. In den USA werden schon rund 40 Prozent der Maisernte verwendet, um daraus Ethanol herzustellen, der dann dem Treibstoff an der Tankstelle beigemischt wird. Und auch Europa und Südamerika haben in den vergangenen Jahren diese sogenannten regenerativen Energien entdeckt. Die FAO hat die Staaten daher erst kürzlich aufgefordert, diese Praxis zu beenden oder zumindest die Herstellung von Biotreibstoff zu reduzieren. Dann würden Anbauflächen wieder frei für die Produktion von Agrarrohstoffen, die für die Ernährung der Menschen oder als Viehfutter benötigt werden.