Klima

Not für die Welt

Die anhaltende Dürre im Westen der USA lässt die Mais- und Getreidepreise explodieren - mit globalen Folgen

- Dean, Don, Richard und Roger McIntosh schauen etwas verlegen drein, als Barack Obama aus dem Bus steigt und ihnen die Hand schüttelt. Ein Besuch des mächtigsten Mannes der Welt auf der eigenen Farm, das bekommt man schließlich nicht alle Tage geboten. Die vier Geschwister führen den US-Präsidenten auf ihrem Gut im Missouri Valley herum und zeigen ihm ihr riesiges Maisfeld. Ausgedörrt, braun und vertrocknet stehen die Stangen in der Weite Iowas. Obama schaut betreten.

Seit 96 Jahren betreibt die Familie McIntosh im Bundesstaat Iowa, der "Kornkammer" Amerikas, eine Mais- und Soja-Farm. Aber an so eine Katastrophe wie in diesem Jahr kann sich die Familie seit Jahrzehnten nicht erinnern. Ein Drittel ihrer Einnahmen drohen sie in diesem Jahr zu verlieren. Obama nimmt einen Maiskolben in die Hand, er trägt kaum Körner. "Es ist heiß, es ist trocken, und der Sommer ist noch nicht vorbei", sagt der Präsident schließlich und verspricht ein Hilfsprogramm für die amerikanischen Farmer.

Die USA werden zurzeit von der schlimmsten Dürre seit 50 Jahren heimgesucht. In den vergangenen vier Monaten hat es in vielen US-Bundesstaaten kaum geregnet, einige Staaten haben zwei Monate am Stück keinen Tropfen Regen gesehen. Tausende Feuerwehrleute kämpfen gegen Dutzende Wald- und Buschbrände, die sich immer stärker ausbreiten. Nach Berichten des Senders CNN gab es am Donnerstag allein in 13 Bundesstaaten westlich des Mississippi mindestens 70 große Feuer. In den Rocky Mountains mussten mehrere Hundert Einwohner zweier Ferienorte evakuiert werden. Am schlimmsten ist der Bundesstaat Kalifornien von den Bränden betroffen.

Für die meisten Farmer wie die McIntosh-Brüder sind die Folgen nicht schön, aber auch nicht Existenz bedrohend: Rund 80 Prozent aller Bauern sind gegen Ernteausfälle versichert. Doch je länger die Dürre anhält, desto größer die Gefahr, dass sie die Welt in eine neue Lebensmittelkrise stürzt. Amerika hat für die globale Mais-Produktion den Stellenwert, den Saudi-Arabien für die Erdölförderung hat: Amerikanische Bauern sind für rund 40 Prozent des weltweiten Handels mit Mais verantwortlich. Bleibt die Ernte auf den Kornfeldern Amerikas aus, steigen die Preise für Lebensmittel auf der ganzen Welt. Deutsche Bauern fürchten bereits Betriebsschließungen, nachdem der Preis von Mais zuletzt explodiert ist. Entwicklungsorganisationen warnen sogar vor Hungerrevolten in ärmeren Ländern wie vor vier Jahren.

Amerika durchlebt 2012 bislang das heißeste Jahr seit Beginn der Messungen im Jahr 1895. Es regnet kaum, und wenn, dann zu wenig. Auf dem Mississippi wurde zeitweilig wegen Wassermangels der Schiffsverkehr eingestellt. In Iowa trieben auf einer Länge von gut 67 Kilometern 58.000 tote Störe auf einem Fluss - das Wasser war über 36 Grad heiß. Farmer bringen Heu aus ihren Scheunen auf die Weiden, weil die hungernden Kühe das Gras längst weggefressen haben. Der Dürre-Monitor leuchtet im Herzen Amerikas nur noch dunkelrot, das Symbol für "außergewöhnliche Dürre". Im Durchschnitt leiden 15 Prozent des US-Territoriums unter extremen Wetterbedingungen oder Dürre. In diesem Sommer sind es über 57 Prozent - und in vielen Bundesstaaten 85 Prozent der Flächen und mehr. Über 30 der 48 Staaten wurden zum Katastrophengebiet erklärt, um den Bauern schnell helfen zu können.

Die Bilder der ausgetrockneten Felder erinnern an den "Dust Bowl", die verheerende Dürre der 30er-Jahre, die sich tief in das kollektive Gedächtnis Amerikas eingebrannt hat. Damals wurde die Mitte Amerikas zu einer "Staubschüssel". Viele Menschen aus Kansas, Oklahoma, Colorado und Texas verließen ihre unbewohnbar gewordene Heimat und wanderten nach Kalifornien aus.

So schlimm wird es dieses Mal zwar nicht kommen. Doch die Folgen der Dürre sind schon jetzt verheerend. Die Farmer werden in diesem Jahr eine deutlich geringere Ernte einfahren. Die Maisernte wird im laufenden Jahr um 17 Prozent auf ein Sechs-Jahres-Tief fallen, gab das amerikanische Landwirtschaftsministerium bekannt. Eine Anbaufläche fast so groß wie Belgien und Luxemburg zusammen wurde durch die Dürre komplett vernichtet. Die Folge: Seit Mitte Juni schießen die Preise nach oben. Mais verteuerte sich seitdem um 56 Prozent, Soja um mehr als 30 Prozent.

Steigende Fleischpreise

Bis zur Dürre hatte die Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) eigentlich damit gerechnet, dass sich der Preisverfall für Getreide, Milch, Fleisch und Zucker, der im vergangenen Jahr eingesetzt hatte, fortsetzen würde. Das Problem: Mais ist ein wichtiger Bestandteil in vielen Bereichen der Lebensmittel-Produktion. Er wird nicht nur als Ausgangsstoff für viele Lebens-, sondern auch für Futtermittel verwendet. Preissteigerungen des Rohstoffs können deshalb auch Fleisch verteuern, aber auch Milch.

In Deutschland bekommen die Milchbauern die gestiegenen Futtermittelkosten zu spüren. Zwar stand die Branche auch schon vor der Trockenperiode in den USA nicht gut da. Aber die Dürre in den Soja-Anbaugebieten der USA verschärft die Krise. Soja ist eines der wichtigsten Kraftfutter für Kühe. Ob und wie stark die Preise letztlich für den Endverbraucher steigen werden, ist noch unklar.

In Deutschland dürften nach Einschätzung des Verbands Deutscher Mühlen Brot und Brötchen wegen extrem hoher Getreidepreise teurer werden. Nach Verbandsangaben lagen die Preise für eine Tonne Weizen zu Beginn der Ernte in Deutschland um 30 Prozent über dem langjährigen Durchschnitt.

Am stärksten könnten aber die Entwicklungsländer von der Dürre getroffen werden. Weil nicht nur in den USA, sondern gleichzeitig auch in Indien, Russland und der Ukraine das Getreide auf den Feldern vertrocknet, warnen UN-Experten bereits vor einer erneuten Lebensmittelkrise wie 2007 und 2008. Damals war es wegen explodierender Lebensmittel-Preise zu Massenprotesten in ärmeren Ländern gekommen. Als Reaktion hatte die Gruppe der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G-20) eine Art Krisen-Gremium geschaffen, um schneller auf steigende Lebensmittelpreise reagieren zu können. Die G-20 will nun die Arbeitsgruppe nun schnell zu einem Gipfel einberufen.

Der Direktor der Welternährungsorganisation FAO, José Graziano da Silva, fordert die USA daher eindringlich auf, ihre Biosprit-Produktion zu senken. Andernfalls könne die Dürre die Lebensmittel-Versorgung der Armen dieser Welt bedrohen, schreibt da Silva in der "Financial Times". Die Obama-Regierung macht bislang keine Anstalten, den Forderungen nachzugeben. Sie will es sich offenbar nicht mit der mächtigen Agrarlobby verscherzen. Die gute Nachricht: Die Wetteraussichten sind besser. Die Wahrscheinlichkeit ist gestiegen, dass es in den nächsten zwei Wochen im Mittleren Westen zu Niederschlägen kommt.