Altersvorsorge

Gymnastik für die Rente mit 67

Wie Berliner Unternehmen sich auf den tiefgreifenden Wandel der nächsten Jahre vorbereiten

- Marc Czernetzki sagt, er sei erschrocken, als er gesehen hat, was da auf ihn zukommt. Czernetzki, Prokurist der Firma DeltaTech aus Reinickendorf, hat unlängst das Altersprofil seiner Mitarbeiter durchleuchten lassen. Derzeit, sagt Czernetzki, sehe es noch ganz gut aus. Aber in zehn Jahren könnte er ein Problem haben. Dann wären 17 Prozent der derzeit 66 Mitarbeiter in Rente und 43 Prozent älter als 55. "Für uns geht es vor allem darum: Wie übertragen wir das Wissen der Älteren auf Jüngere?" sagt Czernetzki. Zudem müssen Jüngere nachrücken und die wollen erst einmal gefunden werden. Einfach, das schwant ihm, wird das nicht.

Tausende Unternehmenschefs und Personalleiter in Deutschland haben ein ähnliches Problem. Die Belegschaften altern und tendenziell rücken weniger Junge nach. So langsam müssen Rahmen geschaffen werden, um Leute auch bis zum 67. Lebensjahr einsetzen zu können. Denn so lange müssen alle, die 1964 und später geboren wurden, arbeiten. Es geht um Weiterbildung und altersgerechte Arbeitsplätze. Denn auf Deutschlands Arbeitswelt kommt eine Revolution zu. Sie speist sich aus zwei Quellen: der längeren Lebensarbeitszeit auf der einen und potenziellem Mangel an Nachwuchskräften infolge schwacher Geburtsjahrgänge auf der anderen Seite. Doch diese Umwälzung ignorierten die meisten Unternehmen noch, sagt die IG Metall.

Sie hat bundesweit Betriebsräte aus 3700 Branchenbetrieben befragt. Demnach berücksichtigt noch nicht einmal jedes dritte Unternehmen den demografischen Wandel in seinen Planungen. In 92 Prozent der Betriebe kümmert man sich der Erhebung zufolge "selten" oder "nie" um altersgerechte Gestaltung des Arbeitsplatzes. Zudem plagen die Beschäftigten Befürchtungen über die Höhe der Zahlungen. Nur 15 Prozent der Mitarbeiter, die bis 67 arbeiten müssen, erwarten, dass sie später einmal mit der Rentenhöhe ihren Lebensabend bestreiten können.

Ältere Mitarbeiter sind in Deutschlands wichtigster Branche, der Metall- und Elektroindustrie, selten. Der Erhebung zufolge sind nur 3,8 Prozent der Beschäftigten älter als 60 Jahre. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall hält prompt dagegen und zitiert Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Demnach hat sich der Anteil Älterer (über 60 Jahre) seit 2000 auf fast fünf Prozent verdoppelt.

Wertvolles Wissen weitergeben

Wobei es im Grund ziemlich egal ist, welchen Zahlen man glaubt. "Demografischer Wandel" kursiert heute in erster Linie als Debattenphrase und hat mit der Realität noch nicht viel zu tun. Vor allem für kleinere Unternehmen und Mittelständler wie DeltaTech rückt der Problem erst allmählich in den Fokus. "Die Analyse hat uns die Augen geöffnet", sagt Czernetzki. Doch jetzt sei das Problem präsent.

Bei DeltaTech arbeiten vor allem Ingenieure. Sie entwickeln beispielsweise Steuerknüppel für Nutzfahrzeuge auf dem Bau und in der Landwirtschaft. Aber auch Griffe für BMW-Motorräder werden aus Reinickendorf geliefert. Gerade wird in seinem Betrieb daran gearbeitet, wie man wertvolles Wissen Älterer den jüngeren Kollegen zugänglich macht. Wissenstransfer lautet der Fachbegriff. "Dabei geht es um persönliche Beziehung zum Kunden und um Kenntnisse, die nicht formal im Lastenheft stehen", sagt der Prokurist. Über Personalgespräche und Schulungsprogramme will er das Problem angehen.

Für die IG Metall geht es aber um noch etwas anderes. Die Gewerkschafter wissen, dass die "Rente mit 67" ähnlich unpopulär ist wie die Hartz-Gesetze, die andere große Sozialreform. "Wir sind gegen die Rente mit 67. Wir werden alles dafür tun, dass sie abgeschafft wird", bekräftigt Detlef Wetzel, Vizechef der IG Metall, bei Vorstellung der Studie. Die Metaller wissen, dass es derzeit keine politische Konstellation gibt, mit der man die Rente mit 67 kippen könnte. Stattdessen will die IG Metall mit der Kampagne "Gute Arbeit - gut in Rente" das harte Renteneintrittsalter aufweichen. Es solle viele Wege geben, damit Menschen früher in Rente gehen können. Die IG Metall will die "Rente mit 67" aufweichen. In der Metall- und Elektroindustrie können längst nicht alle bis zum 67. Lebensjahr arbeiten - so die Gewerkschaft. Notwendig seien Arbeitsplätze, mit denen Ältere gesund bis zur Rente arbeiten könnten.

Fünf Minuten Dehnen

Beim Autozulieferer Brose zum Beispiel versuchen sie so etwas unter anderem mit Gymnastik und Übungen am Arbeitsplatz. Nahegebracht werden diese der Belegschaft auf neue Art und Weise. Sportangebote hält der Autozulieferer für seine Mitarbeiter schon lange bereit. "Wir haben aber gemerkt: Oft wird das nur von denjenigen wahrgenommen, die ohnehin schon sehr gesundheitsbewusst leben", sagt Michael Reis, der im Berliner Werk von Brose für das Personal zuständig ist.

An seinem Standort, wo Lüfter für die Autoindustrie montiert werden, arbeiten viele türkische Frauen. Angeboten für Betriebssport und Rückenschule stehen sie eher reserviert gegenüber. Also wurden Mitarbeiter wie Michal Schmidt geschult. Schmidts eigentliche Profession ist das Einrichten von Maschinen. Seit dem Frühjahr darf er sich auch Gesundheitspromoter nennen. Noch drei weitere Mitarbeiter aus der Produktion tragen diesen Titel.

"Ich bin Ansprechpartner für die Kollegen und ich animiere sie zu gesundheitsbewusstem Handeln", sagt Schmidt. Das Kalkül von Brose: Weil Schmidt und seine Kollegen in den Werkhallen wohl bekannt sind, lässt man sich von ihnen leichter überreden. "Wir werden die Arbeit auch mal für fünf Minuten unterbrechen, um Entspannungs- und Dehnungsübungen zu machen", sagt Personalchef Reis.

Gefördert wird das Projekt bei Brose durch den örtlichen Arbeitgeberverband der Metall- und Elektroindustrie, den VME. Da können die Betriebe anklopfen und sich Rat holen. Sie werden dabei unterstützt, die Firma auf ältere und länger arbeitende Mitarbeiter auszurichten. Solche Projekte gibt es überall in Deutschland. IG-Metall-Vizechef Wetzel ist das zu wenig. "Die Zeit der Pilotprojekte ist vorbei", sagt er.