Vision

Berliner Start-up versorgt Azoreninsel mit Energie

Strom soll nur aus Sonnen- und Windkraft kommen

- Mitten im Atlantik, etwa auf einer Linie zwischen Lissabon und New York, liegt die kleine 5000-Einwohner-Azoreninsel Graciosa. Wenn es nach den Wünschen der Inselverwaltung geht, soll sie eine der weltweit ersten Regionen mit einer eigenen Stromversorgung ohne fossile Energien werden. Die Voraussetzungen dafür soll das Berliner Start-up-Unternehmen Younicos schaffen, das vor wenigen Tagen einen Vertrag mit dem zuständigen Energieversorger EDA unterzeichnete. Ziel des Projekts: Neben einem Energiemanagementsystem sollen zunächst ein 5,4-Megawatt-Windpark, ein 500-Kilowatt-Fotovoltaikkraftwerk sowie zwei 2,5-Megawatt-Batteriespeicher entstehen.

Der Vertrag ist nach Angaben des Berliner Unternehmens auf 20 Jahre angelegt. Die künftige Projektgesellschaft werde in das Energiesystem, das ab 2014 etwa 70 Prozent des jährlichen Stromverbrauchs decken soll, 25 Millionen Euro investieren. Die bisher vorhandenen Dieselgeneratoren würden nur noch als Reservesystem benötigt. Durch die Verdrängung des teuren importierten Dieselkraftstoffs gebe es eine Ersparnis von voraussichtlich 1,5 Millionen Euro.

"Die Natrium-Schwefel-Batterien sind quasi das Herz des Systems, die intelligenten Wechselrichter der Kopf", erläuterte Younicos-Sprecher Philip Hiersemenzel. "Mit Graciosa können wir beweisen, dass man ein Stromnetz auch auf der Basis von erneuerbaren Energien aufbauen kann." Dabei müsse wegen der bereits vorhandenen Leitungen auf der Insel nur eine zusätzliche Leitung noch geschaffen werden.

Wie das Ganze funktionieren soll, testet ein gutes halbes Dutzend Techniker: In einer Testhalle in Berlin-Adlershof wurde die elektrische Versorgung der Insel im Maßstab 1:3 nachgebaut. Seitdem werden Windgeschwindigkeit, Solarstrahlung und Schwankungen in der Netzbelastung maßstabsgetreu simuliert. "Es ist die einzige existierende Test- und Demonstrationsanlage im Megawattbereich", sagte der Unternehmenssprecher. "2006 kamen die ersten Ideen für das Projekt auf, 2009 begannen die ersten Tests."

Eine Milliarde Umsatz im Visier

Längst hofft die Firma, dass dem Beispiel Graciosa viele weitere folgen. "Wir wünschen uns ganz, ganz, ganz viele auch größere Inseln", sagt Hiersemenzel. Und nicht nur die. Auch auf dem Festland und auch in Deutschland seien derartige Anlagen denkbar, um regional "eine gewisse Autonomie" in der Stromversorgung zu schaffen. Welche Orte dafür infrage kämen, wollte Hiersemenzel jedoch nicht sagen. Jedenfalls wolle das Unternehmen etwa 2016/2017 eine Milliarde Euro Umsatz machen. "Aber der Markt ist groß", fügte er hinzu. Auf Graciosa zumindest soll künftig kein Öltanker mehr nötig sein, um den Brennstoff für die Dieselaggregate zu liefern, versprechen die Berliner. "Das Back-up-System wird mit Pflanzenöl betrieben, das vor Ort erzeugt wird."